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Konrad Klose, Geschichte der Stadt Lüben, Verlag Kühn Lüben, 1924, S. 442/443
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1866 und 1870, in denen sich auch unsere Dragoner mit Ruhm
bedeckt haben. Für kleine Städte mit geringen Geldmitteln sind
Bäume, an geeigneter Stelle gepflanzt und gut gepflegt, die
besten Denkmäler, schon darum, weil sie immer schöner werden,
je älter sie werden.
Dem Rathause reiht sich würdig an der erste Gasthof der
Stadt, der Grüne Baum. Hier konnten sich ja die Herren
Senatoren und Stadtverordneten nach schwerer Sitzung bei einem
guten Schoppen erholen oder die Streitaxt begraben, mit der
Bürgerschaft Kaisers Geburtstag feiern und im Saale des ersten
Stocks Ressourcen-Bälle abhalten. Ein großes, gewichtiges Ge-
bäude, der "Grüne Baum"! Zwar, wie schon gesagt, der grüne
Baum fehlte ihm, aber trotzig wie ein Offizier sprang es mit
seinem Laubengewölbe, dem einzigen der Stadt, vor die Front
der anderen Häuser, und Holtei schon hat in seinen "Vierzig
Jahren" ihm und seinem Wirte, dem Herrn Jüngling, ein
literarisches Denkmal gesetzt. Dieser Herr Jüngling war schon zu
meiner Zeit kein Jüngling mehr, sondern ein schlanker, sehniger
Mann mit kurzgehaltenem grauen Haar und Bart, Gatte einer
zierlichen Frau, die das Haus regierte, Vater eines Sohnes und
vieler Töchter. Und Herr Jüngling war auch nicht nur Gastwirt,
sondern auch Posthalter, d. h. er mußte alles Fuhrwerk, das die
Post brauchte, besorgen. Damals, wo die Eisenbahnen - um ein
kühnes Bild zu gebrauchen - noch in den Kinderschuhen steckten,
belebten noch viele gelbe königliche Wagen mit pistonblasenden
uniformierten Postillionen unsere Landstraßen, Es waren aber
nur die vornehmen Leute, die sich einen Platz in der regelmäßigen
Post - die Meile kostete etwa fünf sgr. - antun konnten. Der ge-
wöhnliche Lübener Kleinbürger war viel bescheidener; er hatte
nur selten einmal das Bedürfnis, dem großen Weltverkehr sich
anzuschließen, und die nächste Anknüpfung fand er in dem drei
Meilen entfernten Liegnitz, das schon damals die Eisenbahnver-
bindung mit Breslau und Berlin hatte. Dazu gab es zweimal in
der Woche durch Herrn Jubelt, der an der Promenade in der
Gegend des heutigen Springbrunnens wohnte, Gelegenheit.
Dienstag und Freitag war Wochenmarkt in Liegnitz; wenn man
sich da früh um 3 Uhr Herrn Jubelts Planwagen anvertraute und sich
auf dessen Frachtstücken einen Platz suchte, konnte man ziemlich
sicher sein, gegen 8 Uhr am Gasthof zu den "Drei Rosen" auf dem
Kohlmarkt zu Liegnitz anzulangen. Eine solche Fahrt hatte auch
ihre Reize, besonders im Sommerhalbjahr. Wenn man in Lüben
früh um 3 Uhr um die Promenade ging, konnte man dem Nach-
tigallenkonzert lauschen, das aus dem nahen Jünglinggarten
herübertönte. Und wenn man glücklich den halben Weg in Neurode
zurückgelegt hatte, stieg man mit steifgewordenen Gliedern aus,
um den Kaffee - die Tasse kostete, wenn ich mich nicht irre, nur
6 Pfennige - einzunehmen. Auf der Anhöhe bei Kuchelberg konnte
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man, wenn man Glück hatte, einen prächtigen Sonnenaufgang
beobachten und das Katzbachtal mit Liegnitz samt den Vorbergen
und dem fernen Riesengebirge vor sich liegen sehen. Gruslich
war nur der "Tiefe Grund" vor Neurode, von dem schreckliche
Räubergeschichten aus alter Zeit erzählt wurden.
Aber wie es so geht, Jubelt bekam einen Konkurrenten in
Herrn Gillert aus Samitz. Er leistete dasselbe, wie jener, und zu
demselben Preise, nämlich 3 sgr., stand aber im Rufe, noch lang-
samer zu fahren. Unter diesen Umständen erschien es denn als
ein großer Fortschritt, daß ein findiger Kopf einen täglichen
Omnibusverkehr einrichtete, der nur Personen beförderte und die
Strecke bis Liegnitz in drei Stunden bewältigte. Die Lübener,
die wohl mehr für ein bißchen Französisch als für das Lateinische
schwärmten, nannten diesen Omnibus Journalière ("Schnella-
järe"). Es war ein Wagen mit Polstern, der, wenn er voll
besetzt war, 9 Personen faßte und nur von einem Pferde gezogen
wurde. Die einfache Fahrt kostete 9 sgr.; ein späterer Konkurrent
setzte den Preis auf 7 sgr. herab, worauf der erste Unternehmer
mit einer Preiserniedrigung von 6 sgr. antwortete. Da gab der
Konkurrent das Wettrennen auf, und dann stieg das Fahrgeld
allmählich wieder auf 9 sgr. Wer aber das nicht bezahlen oder
auf Jubelten nicht warten konnte, der ging einfach zu Fuß. Wie
oft bin ich, wenn mich als Gymnasiasten ein bißchen Heimweh
packte, des Sonnabends Nachmittag von Liegnitz nach Lüben in
vier Stunden spaziert und am Sonntag Nachmittag wieder zurück-
gewandert. - Ich hielt die Darstellung der damaligen Verkehrs-
verhältnisse an dieser Stelle nicht für überflüssig, damit der
jüngere Leser sie mit den heutigen vergleichen kann, wo wir an
einem Tage achtmal Gelegenheit haben, in einer halben Stunde
auf Dampfesflügeln von Lüben nach Liegnitz zu gelangen, und -
damit noch nicht zufrieden sind.
Die ganz vornehmen Leute freilich leisteten sich damals eine
Extrapost. Zu all diesen Posten, den gewöhnlichsten und außer-
gewöhnlichsten, gehörten aber Pferde, und zu den Pferden Hafer,
Stroh und Ställe, also eine richtige Landwirtschaft. Herr Jüng-
ling war demnach auch Landwirt. Soviel ich weiß, hatte er
keinen eigenen Acker, sondern pachtete ihn von der Stadt, die
einen großen Landstrich besaß zwischen der Polkwitzer Chaussee
und der Kalten Bache bis hinauf zur Sperlingsmühle, die mit
der Landstraße durch eine, wohl schon unter Friedrich dem Großen
angelegte Maulbeerbaum-Allee verbunden ist. Auch mein Vater
hatte in der Gegend, wo jetzt der Wasserturm der Heilanstalt steht,
6 Morgen gepachtet, auf denen ich nach der Ernte fleißig Kühe
hüten mußte. Und oft kam der Herr Jüngling über seine Felder
geschritten, hielt bei mir an und hatte immer ein freundliches
Wort, manchmal sogar einen Dreier für mich, den ich in Obst
oder einen Bilderbogen umsetzen sollte.