Großvaters Feldpostbrief Nr. 9 aus dem Jahr 1945














Feldpostbrief O.U.* den 7.3.45
* Ohne feste Unterkunft

Meine inniggeliebte Mama!
Leider hat mich die Feldpost noch
nicht bedacht, trotzdem ich so sehnsüchtig
auf ein Lebenszeichen von Dir warte,
d. h. keiner der Kameraden hat bisher
Post erhalten. Hättest Du damals geahnt,
daß ich die Karte an Frau Schulz noch an
demselben Tage, wo diese ankam, lesen
würde, hättest du mir gewiß einen
recht langen Brief mitgesandt, aber
dies konnte niemand ahnen. Ich bin
heute noch froh, daß ich damals erfuhr,
wo Ihr steckt. Ich denke aber, daß es in
kurzer Zeit mit der Feldpost klappt.
Munter bin ich jedenfalls, bis auf et-
was Erkältung, aber dies ist bei diesem
Wetter kein Wunder. Lottel hatte doch
am Sonntag Geburtstag, hoffentlich hat
sie meinen nachträglichen Glückwunsch
erhalten. Wir liegen noch in Str...[eckenbach]
Wie lange wir noch hier bleiben, weiß

Feldpostbrief ich allerdings nicht, denn es kann sich
auch wieder ändern. Ich denke ja soviel
an Dich und alle Lieben, wenn nur erst
mal der Tag käme, wo wir uns wie-
dersehen können, ich würde Dich vor
Freude erdrücken. Du glaubst gar nicht,
wie ich es empfinde, von meinen Lieben
so getrennt zu sein, wo man doch mit
allen Fasern der Liebe an Dir hing. Nun
sind es schon über 6 Wochen, daß Du mir
zum Wohnstubenfenster hinaus nach-
winktest. Was habt Ihr und ich während
dieser Zeit schon erlebt. Hoffen tue ich aber
trotzdem, daß wir wieder Alle zusammen
kommen und unser Leid gemeinsam
tragen, d. h. auch gemeinsam wieder neu
anfangen zu leben und zu arbeiten.
Ich denke, daß wir die verlorenen Ge-
biete zur Frühjahrsbestellung wieder
bebauen werden, denn wir brauchen
doch das Land bitter nötig. Jedenfalls
Feldpostbrief kann es so nicht bleiben, denn wir
müßten dann alle verhungern. Wie
mag es nur in Lüben aussehen und
wie werden wir unser schönes Heim
und Geschäft wiederfinden? Ich darf gar
nicht daran denken. Wie hat man doch nur,
jedenfalls auch mit Deiner tatkräftigen
Hilfe, für das Geschäft mit Lust gear-
beitet und nun ist man so betrogen
worden. Wenn ich nur erst Euch Alle
mal wieder hätte, dann tragen wir
alles gemeinsam. Was macht denn nur
die kleine Gabi? Sie war doch damals erst
5 Tage. Wie gerne möchte ich die kleine
Krappe fahren, ebenso auch Heidi. Sie
ist gewiß wieder gewachsen und wird
schon allein laufen. Gib den Beiden ein extra
Kußl vom Opa. Habt Ihr von den Gröditzern
schon was gehört? Görlitz ist doch gewiß
auch geräumt. Wenn das unsere Sol-

daten alle so hören. Von meinen Kame-
raden wissen die meisten noch nichts von
ihren Frauen. Jedenfalls hatte ich damals
den richtigen Gedanken. Wo stecken Laub-
ners jetzt? Wir haben hier einen tollen
Winter mit recht viel Schnee. Streckenbach
liegt im Kreis Jauer (früher Kreis Schönau). Ich
kann mich gut erinnern, daß ich 1911 in
Schönau bei Beer* Bahnsendungen nach
Streckenbach Station Nimmersath fertigmachte.
Feldpostbrief
* Anzeigen der Eisenhandlung August Beer aus
Schönau/Katzbach im Lähner Anzeiger vom 1.3.1918:


 


So nun meine liebste Mama, hast Du
wieder ein Lebenszeichen von mir. Ich
hoffe, daß Dich mein Lieb diese Zeilen bei
Gesundheit antreffen. Dies hoffe ich auch von
allen Lieben. Sobald ich den ersten Gruß
von Dir erhalte, werde ich die Briefe mit N.
versehen, damit Du die Reihenfolge hast.
Ich stehe morgen Donnerstag früh 4 - 6 Uhr
Posten und nehme den Brief mit zum Kasten.
Für heute sende ich Dir meine liebste Mama
tausend Grüße und Küsse in innigster Liebe
auch an Ursel, Lottel und die Kinder.
Dein Papa