Hugo Saurma: Wappen der schlesischen Städte und Städtel, 1870
Kreis Lüben














Wappenbuch
der
schlesischen
Städte
und Städtel




herausgegeben von

Hugo Saurma
Rfrh. v. u. z. d. Jeltsch
illustrirt v. L. Clericus.
Berlin, 1870


Wappen der Stadt Kotzenau
Kotzenau
Kreis Lüben, Regbez. Liegnitz.

Kotzen, Choczenau, Cozonowia, Cuzena, Marktflecken neben einem gleichnamigen Dorfe, welches letztere zum Unterschiede von dem eine Meile entfernt liegenden Dorfe Gross-Kotzenau, Klein-Kotzenau genannt wird. Das herzogliche Schloss dieses Namens, dessen Bau 1296 oder 1297 begonnen und 1342 beendet wurde, gehörte den Herzogen von Liegnitz direct bis in die Mitte des funfzehnten Jahrhunderts. Ein paar Edelleute, die vorher als Besitzer genannt wurden, so 1348 ein Peter Busewoy (Busold) und 1390 die Gebrüder von Braun (Bronau) waren wohl nur herzogliche Hauptleute. Erst im Jahre 1444 verlieh die verwittwete Herzogin von Liegnitz, Elisabeth, Schloss und Herrschaft Kotzenau den Brüdern Christoph und Nicolaus von Dornheim, deren Erben bis 1507 im Besitze blieben. In diesem Jahre kaufte Kotzenau Georg von Schellendorff und verkaufte es 1518 an Christoph von Schkopp. Denen von Schkopp gehörte die Herrschaft bis 1580. Die Erbansprüche des Hans von Braun, vermählt mit Eva gebornen von Schkopp, mussten der auf der Herrschaft lastenden Schulden wegen aufgegeben werden und noch in demselben Jahre erstand Hans von Sorau dieselbe, 1585 gehörte sie dem Jacob von Schönaich. Im Jahre 1587 ging sie in den Besitz der Herren von Nostitz über, von Siegmund v. N. erkaufte sie 1613 Alexander von Stosch.

Die Linie der Erwerber starb 1688 aus, es succedirte eine andre Linie des Geschlechts und 1703 gründete Catharina Freiin von Stosch das Städtel Kotzenau, dessen Markt- und Stadtrechte 1713 die kaiserliche Bestätigung fanden. Balthasar Friedrich v. St. verkaufte Kotzenau 1722 an den Grafen Heinrich Gottlob von Redern, Freiherrn von Krappitz, seit 1739 auch auf Primkenau. Von 1776 bis jetzt sind die Burggrafen und Grafen zu Dohna, aus dem Hause Vianen, Besitzer der Herrschaft mit Gross- und Klein-Kotzenau.




Es sind zwei Siegel von Kotzenau bekannt aus den Besitzperioden der Herren von Stosch und der Grafen von Redern. Beide führen im Siegelfelde eine Zinnenmauer mit offnem Thor und zwei Thürmen, die verschieden gebildet den Schloss- und den (evangelischen) Kirchthurm vorstellen sollen. Zwischen den Thürmen schweben ohne Schildeinfassung die Wappenbilder der herrschaftlichen Besitzer, einmal die gekreuzten weissen Blätter derer von Stosch, das andre Mal das silberne Rad derer von Redern.




Da das Wappenbild der Stosch im rothen, das der Redern im blauen Felde erscheint, so muss - Mauer und Thürme sind jedenfalls auch immer weiss dargestellt worden - die Farbe des Feldes des Stadtwappens sich den Wappenfarben der Herrschaft gemäß verändert haben. Die Umschriften der erwähnten beiden Siegel lauten:



SIEGEL DER GERICHTE ZU KLEIN KOTZNAW und SIEGEL DER STADT GERICHTE ZU KLEIN KOZENAV. Da der Stosch'sche Besitzstand gerade noch einmal so lange gedauert hat, als der Rednern'sche, ausserdem unter jenem der Marktflecken gegründet worden, so ist vorstehend dem ersten Wappen der Vorzug gegeben worden.

Wappen der Stadt Raudten

Raudten

Kreis Steinau, Regbez. Breslau

Rauden, lat. Rudna, Raudena, Rautena, am Schwarzwasser, offne Immediatstadt, die als solche schon im Jahre (1300) 1303 bestanden haben soll. Sie gehörte bald zum Fürstenthum Glogau, bald der Linie zu Steinau, wurde auch wohl zum Bezirke von Lüben gerechnet und kam mit diesem 1336 an die Krone Böhmen. Im Jahre 1347 wurde die Stadt dem Herzoge Johann von Steinau zurückgegeben, nach dessen Tode, 1365, hatte sie, wie viele andre Städte, das Schicksal, getheilt zu werden in eine Glogauische und eine Oelssche Hälfte, bis sie im Anfange des funfzehnten Jahrhunderts ganz unter die Herrschaft der Herzoge von Oels gelangte.

Im Jahre 1409 erwarb die Stadt die Erbvogtei. Herzog Conrad (der Weisse) verpfändete R. 1459 an seine Schwester, die Herzogin Salome von Troppau, 1489. Ihre Tochter Catharina, vermählte Herzogin von Glogau ( 1505) erhielt zwar 1490 eine Verlängerung des Pfandbesitzes vom Könige Wladislaw, allein derselbe mag wohl kaum realisirt worden sein, da König Matthias die Stadt im Jahre zuvor dem Georg von Stain, Herrn von Zossen geschenkt hatte. Indessen verkaufte auch dieser, in Gemeinschaft mit seinen Brüdern, bereits 1495 seine Gerechtsame auf R. an Benisch von Weitmul (Weitmole), Burggrafen auf dem Carlstein, von dem 1505 wiederum die Herzoge von Münsterberg-Oels Raudten erwarben. Von 1517 bis 1524 (nach andern von 1512 bis 1523) besass Johann Thurzó von Bethlemfalva die Stadt, im letztern Jahre veräusserte er sie an den Herzog Friedrich III. von Liegnitz und Brieg.

Nach dem Aussterben der Piasten, 1675 bis 1741 war die Herrschaft R. ein k. k. Kammergut, wahrscheinlich ist ab er schon in dieser Zeit die Veräusserung desselben erfolgt. Heutzutage unterscheidet man zwei Rittergüter d. N., das Burglehn R., 1845, 1847 im Besitze eines Herrn Schönitz, jetzt zweier Grafen Finck von Finckenstein, und Alt-Raudten, eigentlich ein Dorf neben der Stadt, früher ein Stammsitz derer von Schlichting, dann (1729) der Herren von Sack, von denen die Herren von Schweinitz dasselbe erbten, die es noch heutzutage inne haben.

Es sind nur ein paar Siegel der Stadt bekannt und keine alten. Das eine von 1642 ist klein und hat im runden Siegelfelde die stehende St. Katharina mit der Krone, dem halben Rade in der Linken und dem, verkehrt geschulterten Schwerte in der Rechten, den Symbolen ihres Martyriums. Die Umschrift lautet: SIGILLUM DER STADT RAUDENCIS (!) 1642.

Ein kleines Secret von 1661 ist genau ebenso. Nach einem Glasgemälde der städtischen Begräbniskirche trägt die Raudtener St. Catharina ein gelbes Kleid, blaues Mieder und einen braunen Mantel. Das Gerichtssiegel von R. (STADT RAUDTN GERICHT SIGIL), Abdruck von 1698 hat nur das Symbol der Heiligen, das ganze Rad im Siegelfelde.

Das Rad allein wird auch neuerdings als kleines Wappen der Stadt bezeichnet, die Farben sind roth in Silber. Der Name der Stadt kann von ruta (Felder, Gärten), ruda (Hammer) und rota (das Rad) abgeleitet werden, im letztern Falle wäre das kleine Wappen ein redendes, ohne Bezug auf die St. Catharina.

Altes Wappen der Stadt Lüben
Lüben,
Kreisstadt im Regbez. Liegnitz.

Lubyn, Lobyn, Lioba, Luba, Lubie (desselben slawischen Wortstammes, wie Lübben und Lauban), am Kalten Bache, Immediatstadt, welche im Jahre 1245 zuerst urkundlich erwähnt wird. Zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts, 1295 war Lüben schon gewiss eine Stadt mit deutschem Recht und Sitz eines herzoglichen Kastellans. Die Stadt gehörte zum Fürstenthum Liegnitz, zeitweise durch Erbtheilungen, oder Verpfändungen verschiedenen Nebenlinien des herzoglichen Hauses, auch (1345, 1400) einer eigenen Linie, die sich nach Lüben benannte. Im Jahre 1348 wurde die Stadt vorübergehend auch an einen des niederen Adels, einen von Trogau versetzt. Nach dem Aussterben der Piasten, 1675, unter kaiserlicher Verwaltung, wurde Lüben mit ganz Niederschlesien 1741 preussisch.

Neueres Wappen der Stadt Lüben

Das alte, eigentliche Wappen von Lüben ist ein sehr interessantes heraldisches Gebilde: eine Zusammenziehung der Jungfrau Maria und des schlesischen Adlers. Das alte, grosse Stadtsiegel ist nicht mehr vorhanden, aber wohl ein mittelgrosses Sekret [unten links] aus dem vierzehnten Jahrhundert. Es zeigt den gut stylisirten Adler, d. h. den Rumpf mit Flügeln und Fängen, unmittelbar über dem Leibe desselben, zwischen den Saxen der Flügel wächst in halber Figur die Jungfrau, mit Nimbus und dem Jesusknaben auf dem rechten Arme, hervor. Umschrift: SECRETUM CIVITATIS LUBINENSIS. Dieselbe Vorstellung hat ein Gerichtssiegel [unten Mitte] von 1492 (der Jesusknabe auf dem linken Arm, deutlich sichtbarer Halbmond) mit der Umschrift: S JUDICIS CIVITATIS LEOBINENSIS, desgleichen ein kleines Stadtsiegel von 1510, mit S (DER STAT?) LOBIN, während die Schöppen (1492) die heilige Hedwig, die Klosterkirche von Trebnitz in der Rechten, stehend im Siegelfelde führen [unten rechts], Umschrift: S' SGABINORV LUBYNENSIVO. Ein Siegel mit dem Jungfrauen-Adler von 1492 und der Umschrift: S' PROVICIALE LUBYN..., gehört den Landschöppen an.

Während der östreichischen Zeit wurde das alte und charakteristische Stadtwappen zuerst dadurch verändert, dass man dem Adler noch einen ovalen Schild auf die Brust legte mit dem östreichisch-burgundischen Wappen. Ein Siegel der Art mit: SIGILLUM CIVITATIS LUBENSIS wurde sonderbarer Weise noch 1787 von der Stadt-Kämmerei neu nachgeahmt. Wohl erst eine Schöpfung der modernen Zeit ist das jetzt meistentheils geführte grosse und überladen komplizirte Wappen, wenngleich das Datum des etwaigen, betreffenden Diploms nicht bekannt ist: Stadtmauer mit Thor und zwei spitzbedachten Zinnenthürmen, im Thor der gelehnte schlesische Adlerschild, neben demselben an der Mauer stehen zwei weibliche Figuren mit je einem Becher in der Hand, es sollen die St. Barbara und St. Anna sein. Ueber dem Thor und den Zinnen der Mauer, zwischen den Thürmen sitzt auf einer, durch ihre in zwei hohe Kreuzstäbe auslaufende Lehne auffallenden Bank die Jungfrau in ganzer Figur mit Nimbus, Krone, Zepter und dem Kinde. Ausserhalb der beiden Thürme schweben noch zwei kleine Adler in der Luft, ob schlesische oder preussische mag dahingestellt bleiben. Das älteste Siegel dieser Art, dem Typus nach nur noch knapp in das siebenzehnte Jahrhundert hineinpassend, aber mit verdächtig altmodisch geformten Buchstaben hat die Umschrift: SIGILLM MAYUS CIVITATIS LUBYN. Doch haben einzelne Branchen der städtischen Verwaltung auch noch in neuester Zeit den alten, schönen Jungfrauen-Adler in Ehren behalten, wenngleich es unseren heutigen Stempelschneidern nicht möglich war, dieses von ihnen wohl ganz unverstandene, heraldische Gebilde auch nur einigermassen erträglich darzustellen.
Altes Stadtsiegel von Lüben Altes Stadtsiegel von Lüben Altes Stadtsiegel von Lüben