Wolfram Schnabel    * 28.1.1925    28.7.1944
Gemeinde Ziebendorf















Laut Fotorückseite aufgenommen am 28.6.1944 in den Karpaten


Nr. 24 Galizien, den 22.7.1944 Ihr Lieben zu Haus! Habt recht vielen Dank für Euer liebes Päckchen und für Muttels Brief. Zwar ist vor einer Stunde zufällig von uns Post abgegangen. Leider hatte ich bis zu dieser Stunde keine Zeit ein paar Zeilen zu schreiben. So will ich es jetzt in der Mittagsstunde schnell machen. Bei uns ist heut schon den ganzen Tag ein tolles Gewitter. Meine Wäsche ist natürlich wieder naß geworden. Nun soll sie auch weiter draußen hängen bleiben, die Wege sind vielleicht wieder in einem Zustand. Heut Morgen war ich nun schon wieder auf einer Meßstelle, Dort war ein PKW in Ordonanz zu bringen. Der I-Trupp wußte nun keinen Weg, so blieb nichts anderes übrig als daß ich mit fuhr um den Weg [zu] zeigen. Aber so eine Fahrt habe ich noch nicht mitgemacht. Von dem vortägigen Regen war noch alles aufgeweicht. So ging es nun auf eine Höhe von 650 m. Wenn der Wald nicht voller

II. Bäume wär, lägen wir jetzt in einem Abgrund. Wie schon gesagt, durch den Schlamm kamen wir ins Rutschen. Nun war aber der Abhang so steil, daß keine Bremse noch kein Gang aufschalten half. Der Wagen stob den Berg hinunter. Sobald wir aber zuviel Tempo oben hatten, fuhren wir einfach an einen Baum, der uns dann wieder abstoppte. So landeten wir dann doch endlich bei der Meß- stelle. Auf dem Rückweg htten wir uns dann die Schneeketten über die Räder gespannt, so schafften wir es und kamen beim schönsten Gewitter wieder hier an. Sonst ist weiter nichts Neues von hier zu berichten. Jürgen ist nun auch Soldat geworden und zwar nach Breslau, das ist immerhin viel wert, denn wer weiß, ob der Engländer dorthin kommt. Erst muß er ja nun das Lager beenden und dann würde ich auch noch nicht gleich losbrausen. Zum 1.8. kommt er immerhin noch zurecht. Seine Anschrift soll er mir gleich mitteilen. Dann also viel Spaß mein lieber. III. Der Dicke kommt nach Lüben in die Garnison. So schön möchte ich es auch gehabt haben. So weiß er wenigstens, wo er den Ausgang verbringen darf, denn Ziebendorf ist ja nicht weit. Er soll sich mal sein Rad mitbringen. Sonst ist dauernd einer von uns in der Kaserne drin. Papas Ferien haben also erst am 15.7. begonnen. Raupen habt ihr also auch wieder und wie steht es mit dem Futter? Dieses Jahr muß Siegfried wohl daran glauben. Nun beginnen bei Euch erst die Kirschen zu reifen? Bei uns gab es, wie ich schon mal schrieb, Unmengen von diesem Zeug und viele Bäume blieben ungepflückt. Mir schmecken sie schon gar nicht mehr. Kirschen können mich also nicht mehr reizen. Seitdem ich den Dünnschiss davon hatte, rührte ich sie nicht mehr an. Jetzt sind wir alle Mann am Kartoffeln buddeln, denn sonst haben wir nichts zu "fressen". Die Verpflegung ist jetzt auf einmal wieder schlechter geworden. Das Obst hilft uns aus der Klämme. So hatten wir uns neulich eine herrliche
Kirschsuppe gekocht und dazu schöne Spätzle, Knödel. Hat wunderbar geschmeckt. Du schriebst hier, ich hätte ein Päckchen nicht erhalten? Nach meinem Rechnen war das gestrige das vierte, das ich erhalten habe. Im ganzen drei mit Plätzchen und eines mit Briefpapier. Wenn Papa so notwendig etwas zu rauchen braucht, soll er mir es schreiben. Ich habe bloß Angst, daß die Päckchen nicht ankommen. So muß er eben erst meinen Urlaub abwarten. Von mir aus könnt Ihr Sieg- fried auf die Volksschule schicken. Bald kommt Marketenderware für Juli. Auf sie warten tun wir ja schon lange. Der Putsch gegen den Führer, das hat uns vielleicht erschüttert. So sieht es also in der Heimat aus, aber Himmler wird die Burschen schon aufräumen. Nun grüße ich euch alle Euer Wolfram
Bevor dieser Brief seine Eltern und Brüder erreichte, fiel Wolfram "im festen Glauben an den Sieg", wie sein Vorgesetzter den verzweifelten Angehörigen schrieb...




Slowakei, den 23. Oktober 1944
Sehr verehrte Frau Schnabel!
Gerade als mich Ihr Brief erreichte, beabsichtigte ich Ihnen einen Bericht zu geben von dem Einsatz, bei dem Wolfram sein Leben gab für Führer, Volk und Vaterland. Als Truppführer Ihres Sohnes erlaube ich mir Ihnen meine und aller Kameraden Anteilnahme zu Ihrem großen Verlust auszusprechen. Seit März war Wolfram in meinem Trupp. Trotzdem er der jüngste unter uns war, hatte er sich schnell eingelebt und war von allen gern gelitten. Aus diesem Grunde hat uns alle sein Opfer, das er brachte am 28. Juli durch die Hingabe seines Lebens schmerzlich berührt. Sein Mut und seine Tapferkeit wird uns allen immer ein Ansporn sein, wenn es abermals heißt, dem Ansturm des Feindes standzuhalten. So wird Wolfram bei uns weiterleben bis zu unserem Tod. Ihrem Wunsche entsprechend gebe ich Ihnen eine genaue Schilderung des Kampfverlaufes. Zunächst kann ich Ihnen die Mitteilung machen, daß die Nachlaßsachen Wolframs etwa 8 Tage unterwegs sind. Was die Fotos anbetrifft, so kann ich Ihnen heute einige beilegen. Negative wird Wolfram wohl nicht gehabt haben. Mit meinem Chef habe ich bereits Rücksprache genommen und er hat mir genehmigt, Ihnen alle Negative, die in Frage kommen, schicken zu dürfen. Es ist mir allerdings nicht möglich, diese umgehend zu besorgen, aber ich werde sie Ihnen bestimmt zuschicken, sobald ich sie besitze. Eine genaue Zeit kann ich Ihnen nicht angeben, weil ich nicht weiß, wann eine Verbindung zu unserem Troß besteht, bei dem sich das Fotogerät befindet. Über unseren Infanterieeinsatz kann ich Ihnen folgendes berichten. Am 2. Juli erhielten wir einen neuen Einsatzbefehl nördlich Namslau. Der Russe griff mit starken Kräften in unserem Abschnitt an und es gelang ihm nach hartem Kampf ein Einbruch in unsere Stellung. Da ich mit meinem Trupp keine Einsatzmöglichkeit hatte, erhielt ich den Befehl, mich mit Fahrzeug und Besatzung zu unserem Troß zu begeben. Diese Fahrt war mit großen Schwierigkeitn verbunden, aber es gelang. Eine Möglichkeit zu schreiben bestand nicht, es wurde auch keine Post befördert, was ja auch verständlich ist. Der Feind verstärkte von Tag zu Tag seine Angriffe und so kam es, daß wir am 27. zum infanteristischen Einsatz kamen. Meine Gruppe, in der sich Wolfram befand, hatte den Auftrag eine Straße zu sichern, um das Zurückführen eigener Verbände zu ermöglichen. Der Feind versuchte unter allen Umständen die Straße in Besitz zu bekommen, was ihm am 28. nach- mittags gelang. Ein sofort geführter Gegenstoß unsererseits warf den Russen über seine Ausgangsstellung zurück. An diesem Erfolg hatte Wolfram großen Anteil. Als erster stürmte er eine feindliche MG-Stellung und es gelang ihm die Besatzung in die Flucht zu schlagen, unter Zurücklassung ihrer Waffen. Als Wolfram diese MG-Bedienung weiter verfolgte, um sie gefangen zu nehmen, erhielt er plötzlich aus der Flanke Feuer und es traf ihn ein Infanteriegeschoß in den Unterleib. Wir waren sofort bei ihm und fragten, wo er verwundet sei. Wolfram zeigte mit der Hand nach der Verletzung, im gleichen Augenblick trat auch schon der Tod ein, (28. Juli 15:00 Uhr). Am 29. wurde Wolfram in derselben Gegend beerdigt. Über den Einsatzort selbst und über die Grabstelle Wolframs kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben aus Geheimhaltungsgründen (milit.). Ich bin gerne bereit Ihnen später, nach Beendigung dieses Krieges auch hierüber genaue Auskunft zu erteilen. Aus diesem Grunde gebe ich Ihnen meine Privatadr. bekannt: Architekt Josef Seng, Mainz-Bretzenheim Wilhelm-Straße 22. In der Hoffnung, Ihnen vorerst Ihre Wünsche erfüllt zu haben, bin ich zu weiterer Auskunft gern bereit und erwidere Ihre Grüße recht herzlich, Josef Seng, Uffz.
Es ist unfassbar, wie diese Dokumente zu mir gelangt sind! Tief berührt danke ich Klaus Lister, der mich im Dezember 2020 über das Gästebuch von seinem Fund in Kenntnis setzte! Als Kind habe ich Wolfram Schnabels Eltern kennengelernt! Von ihm und seinem sinnlosen Sterben wusste ich nichts. 75 Jahre später möchte ich an ihn erinnern und einen Beitrag dazu leisten, dass nie wieder junge Männer in Kriegen verheizt werden. Hier nicht und nicht woanders! Heidi T.