Zeitdokument März/April 1945
Ida Watollik geb. Pietsch schreibt in den letzten Kriegstagen im März/April 1945 an ihre Verwandten
Aktuelle Fundstücke














Andreas Pietsch sandte mir diese beiden bewegenden Briefe, die seine Großtante Ida Watollik geb. Pietsch in den letzten Kriegstagen 1945 auf der verzweifelten Suche nach ihren Angehörigen schrieb.

Ketschendorf, den 18.3.1945

Lieber Fritz!

Herzlichen Dank für Deinen lieben Brief vom 8.2., welchen wir gestern erhielten. Er war also über fünf Wochen unterwegs. Wir haben uns sehr gefreut, endlich mal ein Lebenszeichen von Dir zu erhalten.

Aber wo mag nun bloß Gretel sein? Wir dachten immer sie würde sich hier mal melden. Wir haben schon so oft an sie und die Kinder gedacht. Hoffentlich hast Du wenigstens schon Post von ihr, und weißt wo sie ist.

Ihr wird es ja genau so furchtbar gewesen sein wie uns, alles so im Stich zu lassen, denn mit den Kindern ist es ja noch viel schlimmer.

Von Kurt haben wir nun endlich auch ein Lebenszeichen am Mittwoch erhalten. Er schreibt hier an Friedel, ob sie nicht weiß, wo ich und Vater sind. Habe ihm gleich ein Telegramm geschickt. Er ist in Dresden-Lauban. Er schreibt, dass sie mit in Oberschlesien im Einsatz waren. Ich war vielleicht froh, als ich seine Handschrift sah. Ich habe gleich wieder mehr Lebensmut bekommen, denn ich war manchmal schon ganz verzweifelt.

Von Günter habe ich leider immer noch keine Nachricht, obwohl ich ihm schon so oft geschrieben habe. Sein letzter Brief war vom 9.1., den ich noch in Lüben bekam. Da lagen sie noch in Kielce in Ruhe. Wo mag der Junge bloß stecken. Hoffentlich ist er noch am Leben.

Von Clara hatten wie die letzte Post von Muskau O/L (Oberlausitz); aber wer weiß, wo sie jetzt schon wieder ist, denn Muskau wird ja auch längst geräumt sein.

Mit Max war sie von Bunzlau aus, auseinander gekommen. Er war über drei Wochen hier. Er ist vor acht Tagen losgefahren. Hoffentlich hat er sie gefunden.

Tante Marie hat sich auch nicht mehr gemeldet. Max sagte ja, sie wäre in Bunzlau geblieben und da geht doch keine Post mehr raus. Nun sind wir heute schon sieben Wochen hier, und Vater dachte, wir würden in acht Tagen wieder zu Hause sein. Er denkt dauernd an seinen Garten, und hat oft Langeweile. Vor allen Dingen hat er auch nichts zu rauchen, und läßt einmal anfragen, ob Du nicht wiedermal was übrig hast.

Wir denken doch, dass wir hier bleiben können. In Lüben sollen die Russen auch böse gehaust haben. Verschiedene Männer, die den Frauen zu Hilfe kommen wollten, als sie von den Russen vergewaltigt wurden, sind durch Genickschuß getötet worden. Altstadt, die Heimstätten dort draußen, der Getreidespeicher und die Molkerei zerschossen und ausgebrannt.

Dort draußen sollen die Kämpfe stattgefunden haben. Auch die Post, das große Wohnhaus davor, die Ecke Konditorei Neumann und unsere Stadtapotheke sollen weg sein. Also können wir damit rechnen, dass auch unser Seitenhaus, wo wir wohnen, weg ist. Wir stehen also vor einem Nichts.

Für Kurt und Günter habe ich nicht mal was anzuziehen mit, und auch ich und Vater haben nicht viel mit. An die Zukunft darf man überhaupt nicht denken,sondern nur von einem Tag zum andern leben.

Wir sind bloß froh, dass wir am 27.l. früh gleich mit weggekommen sind, denn in der Nacht vom 27.l. zum 28. sind die Russen schon drin gewesen, da haben schon Straßenkämpfe stattgefunden und die Leute, die noch drinnen waren, mußten die Nacht im Keller verbringen und sind dann zu Fuß geflüchtet, weil keine Züge mehr gingen. Ich habe das von verschiedenen Seiten.

Mein Schwager Max Winter schrieb mir verschiedenes aus Barby. Dort ist vom Jakob Georg die Frau hingekommen mit Tochter und Schwester, zur Jakob Clara. Die wohnt dort auf dem Gut, wo von meiner Schwägerin Selma die Schwester ist. Sie mußten auch zu Fuß flüchten.

Dann schickte mir Winter Lenchen einen Brief von Frau Geistefeldt mit, die wußte verschiedenes von unserem Kreisleiter von Lüben, den sie in Görlitz gesprochen haben. Winter Lenchen weiß von ihrem Mann auch nichts, der ist ein paar Tage eher als wir von Lüben mit dem Volkssturm weggekommen, angeblich nach Köben bei Steinau. Wer weiß, wo sie hingekommen sind.

Winter Lenchen ist in Pirna/Sachsen bei Verwandten. Von Frieda haben wir auch lange nichts gehört. Sie war zuletzt mit ihrer Schwiegertochter in Plauen bei deren Verwandten. So sind wir nun in alle Winde zerstreut, und wer weiß, ob wir uns alle nochmal wiedersehen.

Von Otto wissen wir auch nichts. Ernst wird Dir ja unterdessen geschrieben haben, daß er hier war auf Urlaub und daß er jetzt in Wittenberg (Lutherstadt) ist.

Nun mein lieber Fritz will ich aber Schluß machen. Bleibe nur weiter gesund und sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Vater, Deiner Schwester Ida, Friedel und Lieselotte.


Ketschendorf, den 5.4.1945

Mein lieber Bruder Fritz!

Heut erhielten wir Deinen Brief vom 17.3. und vorgestern den vom 15.2. Herzlichen Dank dafür. Wir freuen uns sehr, wieder mal was von Dir zu hören. Hast Du denn unsere Briefe nicht erhalten? Ich habe außer dem 1., den Du bekommen, hast, schon wieder ein paar mal geschrieben.

Lieber Fritz, Du schreibst uns nun, daß Gretel in Thüringen ist. Warum schreibst Du uns aber nicht mal, wo und überhaupt ihre Adresse? Da hätten wir ihr doch auch mal schreiben können. Den Brief, den wir Ernst zustellen sollen, hast Du wohl vergessen mitzuschicken.

Er ist seit ungefähr drei Wochen in Leipzig, und zwar soll er dort einen Zahnersatz bekommen, er weiß also nicht, wie lange er dort sein wird.

Kurt hat sich vor drei Wochen aus Dresden gemeldet. Er fragte hier bei Friedel an, ob sie Ahnung hätte, wo ich und Vater sein könnten.

Er war erst in Oberschlesien und zum Einsatz. Vorgestern bekam ich nun schon wieder eine Karte aus Gotha in Thüringen und wer weiß, was nun jetzt mit ihm ist. In Gotha sind doch schon die Amerikaner. Da werde ich doch wieder keine Post bekommen, wenn sie nicht noch rausgekommen sind.

Man wird eben die Sorgen nicht mehr los und ich glaube, man geht so langsam zu Grunde dabei. Günter hat immer noch nichts hören lassen, es sind nun bald drei Monate und ich befürchte beinahe, dass er dort bei Kielce mit in Gefangenschaft geraten ist. Man macht sich halt so allerlei Gedanken. Es ist aber auch bis jetzt keine Post zurück gekommen und so hoffe ich immer noch, dass er sich doch mal eines Tages melden wird.

Von Clara heben wir nun auch endlich am Ostersonnabend Post bekommen, und zwar ist sie in Selbitz/Oberpfalz, also in Bayern. Der Brief war über einen Monat unterwegs. Sie ist in einem Bahnwärterhaus untergebracht und hat es dort ganz gut getroffen. Dort ist an zu essen noch alles da, da die Leute selber Viehzeug haben und auch selbst geschlachtet haben.

Der Max ist in Delmenhorst bei Bremen und zwar sind dort die Bunzlauer mit dem Wirt, wo er gewesen ist. Am Karfreitag kam nun plötzlich Heinz an. Er ist vom R.A.D. entlassen, er kam auch aus Bayern und wußte nun nicht, wo er hin sollte, weil er doch auch nicht wußte, wo seine Eltern sind. Nun war es gut, dass am Sonnabend dann Claras Brief kam. Er war nun bis gestern hier, und ist nun erst zu Max nach Delmenhorst gefahren, und von dort werden sie nun wohl beide zur Clara fahren, denn Max wußte doch bis jetzt von ihr auch noch nichts. Sie haben sich nun wenigstens wieder alle drei zusammen gefunden.

Von Otto hatten wir vor ungefähr drei Wochen Post von Rathenow. Er schrieb uns, dass sie erst in Sorau eingeschlossen waren, wurden aber von einer Kampfgruppe "Großdeutschland" freigekämpft. Ob er nun noch in R. ist, wissen wir nicht. Frieda war zuletzt mit Oskars Frau in Plauen. Sie haben aber auch lange nichts mehr hören lassen.

Von Hans und Oskar wußten sie auch nichts. Oskar hatte doch eine Woche, bevor wir weg mußten, geheiratet, und sie haben ihn in Lüben in der Kaserne behalten. Tante Marie hat sich auch nicht mehr gemeldet, und wir nehmen an, wie auch schon Max sagte, dass sie in Bunzlau geblieben ist.

Lieber Fritz, Du schreibst auch, daß Lüben sehr zerstört sein soll. Ja, unser schönes Heimatstädtchen Lüben soll nur noch ein Trümmerhaufen sein. Das schrieb mir Familie Schulz aus unserem Hause in Lüben. Die hatten sich noch acht Tage in Ober-Gläsersdorf bei Verwandten aufgehalten.

In der Zwischenzeit war Herr Schulz nochmal mit dem Rade in Lüben, als die Straßenkämpfe vorbei waren. Er schreibt, es war ein furchtbarer Anblick. Alles zerschossen und ausgebrannt. Die Heimstätten, wo Otto gewohnt hat, vollständig verschwunden. Die Stadtapotheke ist auch verschwunden. Von unseren Wohnungen im Seitenhaus stehen nur noch die kahlen Mauern, alles ausgebrannt und vernichtet. Wir mir so zumute war, als ich den Brief gelesen hatte, kannst Du Dir ja denken.

Wir sind also nun bettelarm geworden. Für Kurt und Günter habe ich überhaupt nichts anzuziehen mit. Was wird nun bloß mal mit uns werden? Hier können wir doch auch nicht bleiben und wollen auch gar nicht. Gesund sind wir ja noch, wenn wir bloß nicht so hungern brauchten.

Uns geht es genau wie Gretel, aber wir würden das ja gern noch eine Weile ertragen, wenn der Krieg bloß endlich ein Ende hätte. Vater macht sich auch so allerhand Gedanken, was aus uns werden wird. Er ist vor allen Dingen ganz unglücklich, dass er fast gar nichts zu rauchen hat, ich glaube das tut ihm noch mehr bange wie das Essen.

Nun lieber Fritz mache ich Schluß. Wer weiß, ob Du den Brief überhaupt bekommst. Ich schreibe dir auch die Adressen mit, ob es Zweck hat, weiß ich nicht. Sei nun herzlich gegrüßt und geküßt von Vater, deiner Schwester Ida, Friedel und Lieselotte

Werner liegt bei Frankfurt im Einsatz.


Bei den Briefen lag auch dieses Hochzeitsbild von 1931. Nach dem Tod ihres ersten Ehemannes heiratete Margarete John geb. Friedrich den Fritz Pietsch aus Petschkendorf. Da lag der letzte Krieg dreizehn Jahre zurück. Er galt noch nicht als der "erste" Weltkrieg. Niemand wusste, dass ein weiterer bevorstand, der alles vernichten würde, was man sich aufgebaut hatte. Auch die Familien John, Friedrich und Pietsch verloren alles. Lesen Sie die beiden Briefe!
Die Braut ist die Schwester von Käte geb. John. Vielleicht gelingt es Andreas Pietsch, weitere Personen zu identifizieren. Viele Gäste werden in den beiden Briefen genannt. Ich erkenne zumindest drei der Kinder! Es sind von links: Paul Zeidler (Vetter der Braut), Annemarie John (Schwester der Braut), das Mädchen rechts sitzt neben Erich John (Bruder der Braut). Dank an Andreas Pietsch für die beeindruckenden Zeitdokumente!