Zoe Droysen in 's Heemteglöckla
Zoe Droysen in 'Meine liebe Heimat Du'














Auszüge aus Zoe Droysens Veröffentlichungen in 's Heemteglöckla,
den Rundbriefen der Heimatgemeinschaften Krummhübel-Brückenberg, Schmiedeberg und Buchwald-Quirl


1952 Nr. 27 S. 28 Weihnachten in Buchwald
Der Winter des Jahres 1837 ließ sich für die Menschen im Riesengebirge nicht gut an; die Gräfin Reden schreibt darüber: "Es gibt viel Not, und die Aussichten für die Armen geben mir manche Sorge." - Sie war von jeher darauf bedacht, nicht nur für ihre Gutsangestellten und Bauern in Quirl und Buchwald fürsorglich zu denken und zu handeln, sondern auch über den eigenen Heimatkreis hinaus sich der Not in Schlesien anzunehmen, so sehr es irgend in ihren Kräften stand, besprach sie mit dem Präsidenten Grafen Stolberg, Jannowitz, wie man die schlimme Lage der Ärmsten bessern könne. Denn die Kartoffeln - die Gräfin nannte sie Ertoffeln" - waren erfroren, das Getreide hatte gleichfalls eine Mißernte ergeben. Die Menschen sammelten die Abfälle in den Fabriken und kochten daraus Suppe. Zudem war der Verdienst - zumal für die Spinner und Weber - sehr gering. Manche Familien verdienten mit dem Spinnen in der Woche nur ungefähr 3 Silbergroschen. Trotzdem mußten die Weber das Garn für ihre Webstühle teuer bezahlen, bekamen aber für die fertige Ware nicht den entsprechenden Gewinn. Und endlich waren zu allem anderen die Steuern derart hoch, daß die Leute sie nur mühsam oder auch gar nicht aufbringen konnten. So gerieten sie immer tiefer in Schulden. Gräfin Reden gab nun den Rat, man solle in Berlin vorstellig werden, damit die Steuern gesenkt würden. Weiter wünschte sie eine Geldzulage zum Broteinkauf...
1960 Nr. 73 S. 18 Heimkehr
Eine andere Heimkehr nach Brückenberg ist mir gleichfalls noch überdeutlich in der Erinnerung. Es war nach dem ersten Weltkrieg. Ich wollte mich von Lüben aus mit einer Freundin im alten Brückenberger Haus treffen für etliche schöne Ferien- und Wandertage. Aber in jener kargen Zeit hatte anscheinend der Zug von Liegnitz nach Goldberg, weiter nach Märzdorf nicht genügend Kohlen, um mühelos das Katzengebirge zu erklimmen. Er verpaßte den Anschluß in Hirschberg. Da stand ich nun und durfte dem nach Krummhübel davonfahrenden Zug nachwinken. Weil ich zur bestimmten Zeit in Brückenberg erwartet wurde, versuchte ich, über Landeshut-Schmiedeberg nach Krummhübel vorzudringen. Ich sehe mich noch durch das schöne Landeshut wandern, beladen mit einem Rucksack, der schwer war wie ein Sack voller Steine. Ich hatte nicht gewagt, einen Koffer aufzugeben, denn der Inhalt hätte in der Armseligkeit jener ersten Nachkriegsjahre vielleicht Liebhaber finden können. Also keuchte ich an einem glühenden Sommernachmittag durch Landeshut, ohne mir doch die Freude an der schönen Stadt nehmen zu lassen. Aber die Exkursion war vergeblich, auch hier gab es keinen Anschluß! Es hieß wiederum zurück nach Hirschberg! - Von dort brachte mich endlich der Abendzug an meine Endstation...
1960 Nr. 74 S. 15 Die Annakapelle
Bald lag die Annakapelle vor mir, der stille Platz, auf dem die Tische mit den blaurot gewürfelten Decken der Kaffeegäste harrten. An das Haus schloß sich der winzige Blumengarten an. Nelken, Rittersporn, Ringelblumen, Malven, Phlox und vieles andere, noch wucherten bunt durcheinander. Die weiße Mauer der Kapelle gab dieser Farbenfreudigkeit einen guten Hintergrund. Und ebenso schenkten die Blumen dem einfachen Rundbau einen schönen Schmuck. Die Tür war unverschlossen und verwehrte niemandem den Eintritt. Der leichte Modergeruch alter Gebäude, hier von schwachem Weihrauchduft durchzogen, schlug mir beim Eintritt entgegen. Hier drinnen war es kühl, mich fröstelte fast, draußen aber schien die Sonne, sangen die Vögel, rauschten die Bäume, lebendige Gegenwart, während die Kapelle die Vergangenheit bewahrte. Auch die Quelle gegenüber der Kapellentür rieselte und plätscherte wie in längstvergangenen Tagen. Ihr Wasser war einst als heilkräftig berühmt und oft aufgesucht worden. Mochten jetzt die Gäste an den Tischen bei einem guten Kaffee, schlesischem Streußelkuchen, Kollatschen und Mohnstollen solcher Vergangenheit keine Beachtung schenken, sie war doch gegenwärtig, ohne aufdringlich zu sein. Freundlich klang das Geriesel in das Klappern des Geschirrs, das Lachen und Reden der Menschen hinein...
1962 Nr. 83 S. 155 Die Glasbude bei der Kirche Wang
Wir Kinder liefen jedoch immer gern zu der Bude, die wir um ihres teils gläsernen Inhalts kurzerhand "Glasbude" tauften. Und diesen Namen hat sie für mich zeitlebens behalten! Welche Herrlichkeiten waren hier zu bestaunen! Wir wurden nicht satt, sie immer von neuem eingehend zu betrachten und waren glücklich, hin und wieder ein Stück erstehen zu dürfen... Unter den Gläsern aber darf eines ganz besonderer Art hier nicht unerwähnt bleiben. Das "Steh-auf-Glasel"! Einem rechten Schlesier und Riesengebirgler braucht allerdings die Eigenart des Glases nicht erklärt zu werden, doch sei es trotzdem, dem Glasel zu Ehren, getan: Es konnte niemals umfallen. Wie oft haben wir Kinder unser Glasel geknufft und gepufft, haben es "trudeln" lassen bis fast an die Tischkante, immer wieder richtete es sich auf, dank des verdickten unteren Teils des rundlich geformten Dingels. Ja, so ein echtes rechtes Stehaufglasel - das war etwas. Dazu gabs liebenswürdig und unaufdringlich uns Kindern eine Lehre, die ich mir seit jenen Glasbudetagen hinter die Ohren geschrieben habe: Man dürfe sich nicht unterkriegen lassen, sondern müsse doch immer wieder auf die Füße kommen, möge das Leben einen auch noch so hart und energisch puffen und knuffen...
1963 Nr. 89 S. 275 Heimat in Brückenberg
Einige meiner frühesten Kindheitserinnerungen gehen auf die Kirche Wang zurück: Ich lief auf dreijährigen Beinchen durch die Welt, meine jüngere Schwester lag noch im Kinderwagen, als wir zum erstenmal auf "Sommerfrische" nach Brückenberg fuhren... Dann bauten meine Eltern das Haus unter der Kirche, neben den Nitscheschen Wiesen... Dieses Gefühl des unumstößlichen Hingehörens empfand ich jedes Jahr von neuem, sobald wir, vom Brotbaudenbesitzer in seinem Landauer am Bahnhof abgeholt, vor unserem Hause ankamen, den Berg hinaufstürmten und ich alsdann die hölzerne Haustürklinke ergriff. Damit nahm ich Besitz von Haus, Bergen, Wäldern und der weiten Landschaft. Noch heute fühle ich die Klinke warm und fest in meiner Hand...

Weihnachten 2014 machte ich eine Reise nach Breslau und ins Riesengebirge! Es war unbeschreiblich schön. Ich will mich hier jedoch auf ein Erlebnis in Krummhübel/Karpacz beschränken! Auf der Durchfahrt durch den Ort machte uns der polnische Reiseführer auf ein Haus aufmerksam, an dem sich eine Tafel zur Erinnerung "an eine Schriftstellerin" befinden sollte. Leider konnte der Bus nicht für mich anhalten. Aber ich ahnte sofort, dass es das Haus der Droysens sein musste! Nach meiner Heimkehr bat ich meine polnischen Freunde um Unterstützung und erhielt von Marcin Owczarek tatsächlich einige Fotos des Hauses! Weitere mit der Gedenktafel für Zoe Droysen sollen folgen!

Das Droysen-Haus zu Beginn des 20. Jhs.
Es sieht aus, als stehe Zoe Droysen selbst auf dem Balkon! Was für eine Überraschung!

Das Haus im heutigen Karpacz. Inzwischen befindet sich an der linken Vorderseite eine Gedenktafel. Meine polnischen Freunde haben mir versprochen, davon Fotos zu machen.
Das Andenken an Zoe Droysen wird in Polen bewahrt! Eine schöne Geste!


1964 Nr. 94 S. 365 O schöner grüner Wald
Das Riesengebirge hat mich gelehrt, den Wald zu lieben. Zwar war er bei unserem Haus unter der Kirche Wang keineswegs schön und üppig. Aber dem Kind erschien er voller Geheimnisse, wenn die Sonne ihr Licht auf den Boden warf, wenn der Nebel zwischen den Stämmen geisterte. Und wie glücklich waren wir, sobald wir auf etliche Stunden im Walde verschwinden durften. Das geschah täglich, wenn wir unsere Schulaufgaben erledigt hatten, während der Zeit, die wir nach den großen Ferien von Berlin fernblieben. Meine Schwester und ich stromerten nach Herzenslust herum, meist auf winzigen Pfaden zwischen niedrigen Fichten, deren Zweige uns ins Gesicht schlugen und unsere Haarschleifen aus den Zöpfen rissen. Oft ließen sie sich trotz eifrigen Suchens nicht wiederfinden, und wir mußten die Strafpredigt nach unserer Heimkehr auf uns nehmen...
1965 Nr. 100 S. 499 Bergbäche
Wir waren im Sommer 1897 wieder im Brückenberger Haus bei der Kirche Wang. Es gab tagelangen Regen, er schien überhaupt nicht wieder aufhören zu wollen, der Nebel hing dicht ums Haus. Schnell wuchsen auch kleine Bäche gewaltig an. Aus der Felswand, in die das Haus hineingebaut war, rieselten kleine Quellen. Und zum Entzücken von uns Kindern sprudelte auch eine Quelle lebhaft aus der felsigen Treppe, die in den Keller führte. Dann kam eine Nacht - es war die zum 30. Juli - in der niemand sich schlafen legte. Der Regen hatte zwar aufgehört, doch wie eine undurchdringliche weiße Mauer stand nach wie vor der Nebel vor allen Fenstern. Und in die Stille hinein dröhnte es schauerlich von der Lomnitz herüber. Die aber war zumindest eine halbe Stunde von uns entfernt, dazu drunten im waldigen Tal. Das seien die Felsblöcke, sagte man uns, die von dem Hochwasser vom Gebirge mitgeführt wurden. Unser Vater war am Vormittag an den Platten gewesen. Er hatte berichtet, wie dort eine tosende, gischtende Wassermasse das ganze Bachbett füllte, Steine, Blöcke und entwurzelte Tannen mit sich riß und es nicht geraten sein ließ, auch nur eine Fußspitze vom erhöhten Waldrand herunterzusetzen. Dieses Dröhnen war es also, das wir hier fern der Lomnitz so unheimlich hörten. Wieviel Unglück mochten die Wasser jetzt nicht nur hier, sondern rund herum im Gebirge anrichten. - Am anderen Morgen sahen wir die Verwüstungen drunten im Tal, bei Birkicht und Zillertal, wir hörten von denen, die die Eglitz in Schmiedeberg angerichtet, ebenso von dem Bergsturz, der die Bergschmiede mitgenommen hatte. Trotz allem, diese Nacht war wunderbar - denn sie machte dem Kind klar, wie winzig der Mensch ist, wenn die Natur ihn ihre Gewalt spüren läßt. Und das Kind begriff ehrfürchtig, daß auch in dieser Gewalt Gott war...
1965 Nr. 105 S. 97 Der alte Rucksack
Der Rucksack hat sich auch später bewährt: Auf der Flucht aus Schlesien im Januar 1945 nahm er meine kleine Schreibmaschine auf, die ich nicht zurücklassen wollte und konnte. Anders aber hätte ich sie nicht fortbringen können. Zwar rutschte mir der Rucksack mit so gewichtigem Inhalt auf der Flucht beim Zugwechsel oder bei der Wanderung auf einem Bahnhof zum Bunker oft von der Schulter. Denn ich hatte, um möglichst viel Bekleidung mitzunehmen, viel übereinandergezogen, was durch die Kälte möglich war. Der Rucksack aber hielt sich großartig, er platzte nicht, kein Riemen riß. Mochten wir auch noch so sehr auf den Bahnhöfen ins Gedränge geraten. Und später nochmals hat er "Dienst" tun müssen: Wenn ich in den ersten Jahren in Süddeutschland mit ihm in den nahen Wald ging, um Kiefernzapfen zu sammeln, für mein Öfchen. Die Heizung war knapp. Während ich so im fränkischen Wald "Butzeln" sammelte, wie man hierzulande sagt, gingen meine Gedanken immer wieder zurück ins Riesengebirge. Als ob der Rucksack immer wieder mahnte, weißt du noch? Und ob ich noch wußte!
1965 Nr. 105 S. 97

Verschneiter Wald

Die Straße durch den Wald war tief verschneit.
Sie trug noch keinen Fußes dunkles Spreiten
und lud mich ein, auf ihr hinauszuschreiten
aus meinem Selbst und aus begrenzter Zeit

in das Geheimnis, das nun weiß und weit
um mich gebreitet war in vielen Zeichen
Und nie zuvor noch sah ich ihresgleichen
so schön und mannigfaltig aufgereiht.

Sie führten mich zu immer neuem Kreis.
Und um mich war das große Flügelweiten
der Engel, die im Auf- und Niedergleiten
das Wissen Gottes trugen, das nicht weiß,

wer noch gebunden ist an das Geschrei
der Menschensorgen und an das Verneinen,
dem noch das Kleinste wichtig mag erscheinen,
als ob es Lebens letzte Wahrheit sei -

Nun brach das Laute ohne Lärm entzwei,
das Große hob sich schimmernd aus dem Kleinen,
im Gleichnis sich den Engeln zu vereinen,
damit das Unerkannte sichtbar sei.

Zoe Droysen
1966 Nr. 107 S. 133 Geh aus mein Herz
Wenn wir also den schmalen Pfad über die Halde hinunterliefen zu jenem "Enzianwasser", wie wir es nannten, so schmetterten wir: "Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt!" Ich weiß noch heute das glückliche Freiheitsgefühl, das ich mir da von der Seele sang. Und war's nicht durchaus berechtigt, angesichts des Gebirges, der Täler, des blauen Himmels, des Sonnenscheins und in der fröhlichen Gewißheit, hernach einen großen Enzianstrauß glücklich nach Hause zu tragen - damals war der Enzian noch nicht unter Naturschutz gestellt. Und ich habe mich wohl nicht oft späterhin ebenso frei gefühlt wie auf jenem Berghang, auf dem wir ungehemmt herumstreichen durften!
Kamen wir dagegen mit Vater vom Gebirge herunter nach einer fröhlichen Wanderung, wurde ein andres Lied gesungen: "Geh aus mein Herz und suche Freud!" Es hat ja glücklicherweise viele Verse, die reichten fast vom Weg unter den Dreisteinen bis zur Hasenbaude und dem dahinter im Walde liegenden Katzenschloß, dem kleineren Bruder der Dreisteine aus undenkbar fernen Urzeiten. Waren die Verse dann aber doch zu Ende gesungen, improvisierte Vater noch eine Handvoll neue, die alle Bezug nahmen auf die Erlebnisse unseres Wandertages! Wir schmetterten sie mit erhöhter Begeisterung!