Großvaters Feldpostbrief Nr. 14 aus dem Jahr 1945














Feldpostbrief O.U.* den 29.3.45
* Ohne feste Unterkunft

Meine liebe gute Mama!
Ich hoffe, daß Du meinen Brief N 1 vom 25.3.
erhalten hast, möglich vielleicht auch noch
nicht. Leider habe ich den längeren Brief,
welchen Du mir nach Deinem lieben ersten
Briefe vom 7.3. senden wolltest noch nicht
erhalten. Gestern erhielt ich einen
kurzen Brief von Lottel, habe ihr auch gleich
wieder geschrieben. Diese Zeilen nimmt
mir morgen ein Kamerad bis Dres-
den mit, welcher morgen früh in Ur-
laub fährt, da seine ganze Familie
durch Bombenterror umgekommen ist; denn
Urlaub gibt es sonst nicht. Liebste Mama,
hoffen will ich nur, und Gott bitten,
daß er Euch Alle gesund erhält und
wir eines Tages wieder zusammen
sind. Du glaubst nicht wie sehnlichst
ich mir wünsche wieder bei Dir zu
sein. Nachdem wir so plötzlich getrennt

Feldpostbrief wurden und wir in einer solch
trostlosen Lage sind, wünscht man sich
weiter nichts, als die Lieben alle wieder
zu sehen. Nächsten Sonntag ist Ostern.
Wie wird bei Euch dieses Oster-
fest aussehen? Wir Soldaten merken
ja sowieso nichts davon, aber leid
tut es mir, daß Ihr unter diesen
Verhältnissen so leiden müßt. Wo
ist das Resultat unserer 20jährigen
Arbeit im Geschäft? Am besten ist es
ja, man denkt nicht daran, sondern
man hat nur noch einen Gedanken
mit seinem lieben Frauchen und Kindern
und Enkelkindern wieder zusammen
sein zu dürfen. Leider kann ich mir
immer noch kein Bild machen, wie
Ihr in Lüben fort gekommen seid und
wie es Euch weiter ergangen ist.
Wie kamt Ihr nach Leipzig? Wer
hat Euch die Wohnung zugewiesen?
Feldpostbrief Wie werdet Ihr verpflegt? Ich ver-
mute, daß letzteres sehr knapp sein
wird. Daß Du mir liebste Mama,
dies alles geschrieben haben wirst,
daran zweifle ich nicht, nur geht die
Post sehr lange, scheinbar 14 Tage hin.
und 14 Tage - 3 Wochen her. Jedenfalls
meine liebe gute Mama wollen wir
uns recht oft schreiben, in Gedanken
stets beieinander sein und unser
Schicksal gemeinsam tragen. Daß
alles so gekommen ist, daran haben wir
keine Schuld. Scheinbar wohnt ihr in
Leipzig-Gohlis? Habt Ihr schon öfter
Alarm gehabt? Was macht Ursel und
die Kinderchen? Ich wünschte, ich könnte
Euch Ostern besuchen, damit ich zunächst
sehe, wo ihr steckt und Euch Alle so
herzlich an mich drücken. Wir befinden
uns noch in der Gegend von Neisse usw.
Ihr werdet Ostern gewiß auch mal
Feldpostbrief an die früher verlebten Osterfeste in
Gröditz denken, wie schön war dies
doch und nun hat man nur noch die
Erinnerung. Hattest Du meinen Brief
aus Görlitz nicht erhalten, wo ich Dir
mitteilte, daß ich bei Frau Anny Schulz war,
und denselben Tag Deine liebe Karte bei
ihr ankam. Dadurch erst wußte ich, daß
Ihr bei Lottel seid. Mit wem wohnt
ihr dort zusammen, oder bei wem?
Für heute mein liebes gutes Frauchen
sende ich Dir, Ursel und den Kinderchen
die herzlichsten Ostergrüße, drücke
Euch Alle fest an mich mit einem
herzlichen Kuß von Deinem
Dich herzlich liebenden treuen
Papa
Grüße bitte auch Lottel und Kinder!
Habt ihr schon von Gröditz was ge-
hört? Wie sieht es in Dresden aus?
Nochmals tausend Küsse Euer
Papa