Großvaters Feldpostbrief Nr. 15 aus dem Jahr 1945














Letzter Feldpostbrief meines Großvaters, bevor er in sowjetische Kriegsgefangenschaft geriet:
Feldpostbrief O. U. Am Charfreitag,* 30.3.45
* [Schreibweise jetzt: Karfreitag]

Mein innig geliebtes gutes Frauchen!
Zunächst herzlichen Dank für Deine lieben
beiden Briefe N 4 und N 7 (letzterer in Taucha
abgestempelt). Mit überaus großer Freude
und Sehnsucht habe ich diese gelesen und
freue mich auch über Dich liebste Mama,
daß auch Du mit aller Liebe an mir
hängst, was mir Mut und Kraft gibt!
Leider fehlen noch die Briefe 2. 3. 5. 6, denn
ich glaube gerade der N 2 ist derjenige
wo ich über Eure Abreise in Lüben was
näheres erfahre, da ich darüber nichts
weiß. War es Dir möglich, liebe Mama
das Geld alles mitzunehmen? Aus deinem
lieben Briefe merke ich jedenfalls, daß ihr
einigermaßen gut untergebracht seid.
Du hast recht meine liebste Mama, daß
ich Dich vor Freude über all deine Zeilen
erdrücken könnte, in Gedanken tue
ich es. In dem Brief N 4 schriebst du von

einer Else. Ist dies etwa die Else
von Berndts? Dann grüße bitte auch
Alle von mir. Wo Liehr und Jacob sind,
weiß ich nicht. Aber Kühn ist auch bei
unserer Division, nur bei einer anderen
Einheit. Auch danke ich dir für die Mit-
teilungen aus Lüben. Mischuda tut
mir leid. Vom Bürgermeister* hatte ich schon
durch Seidel gehört. Ihr seid scheinbar
mit Frau Berndt und Kühn zusammen.
Herr Kühn war beim Volkssturm beim
Verpflegungszug in Paschwitz. Was
aus diesem geworden ist weiß ich leider
nicht. Was mag nur mit Hauptmann Weidner
geworden sein, ob er noch lebt? Leider
haben wir kein Radio und hören wir
nie etwas von Nachrichten. Meine Erkäl-
tung liebe Mama ist wieder gut ge-
worden. Es war auch wirklich kein
Wunder, da man dauernd nasse Füße
hatte. Meinen Brief N 2, welchen ich mit
einem Kameraden nach Dresden

* Mehr über Lübens Bürgermeister

Feldpostbrief mitgab wirst du wahrscheinlich schon
erhalten. Daß die Gröditzer so gar
nichts hören lassen, verstehe ich nicht!
Die Adresse von Lottel wissen sie doch und
konnte doch Emma schon geschrieben
haben. Morgen zum Ostersonnabend
kommen wir hier wieder fort und
zwar in die Gegend von Reichenbach/Schlesien.
Ich schreibe Dir noch näheres. Den heu-
tigen Charfreitag haben wir still ver-
lebt, denn es ist ein Tag wie der andere.
Man ist sehr genügsam geworden,
immer mit dem Gedanken, recht
bald wieder zu Dir zurückkehren
zu können und wenn wir auf den
Trümmern anfangen. Bezüglich der
Mehlsuppe, Hustensaft usw. hast du
recht liebste Mama. Hier ist man nur
auf sich allein gestellt, denn eine
Mama bedient mich nicht. Alles dies
weiß man jetzt zu schätzen. Auch wird
man dies später, sobald es wieder
Feldpostbrief der Fall ist noch mehr zu schätzen wissen.
Daß Gretel in Eger ist, habe ich in Deinem
lieben Briefe gelesen. Ist August auch dort?
Ich denke deine lieben fehlenden Briefe
auch bald zu erhalten, möglich daß es
jetzt paar Tage dauert, da wir hier
wegkommen. Sei nur mit dem Rad-
fahren recht vorsichtig und ebenso
bei Alarm, ängstige Dich nicht zu
sehr. Nun danke ich dir mein liebes
Frauchen tausendmal für Deine
lieben Briefe, ich lese jeden immer
und immer wieder, da mir auch
Deine Zeilen soviel Liebe entgegen
bringen.
Für heute sei Du mein liebes Weibl
herzlich gegrüßt und geküßt von
Deinem Dich über Alles liebenden
Papa
Tausend Grüße und Küsse auch an
Ursel und die beiden Kleinen.
Ursel soll mir auch mal schreiben!

Nach diesem Brief erhielten Großmutter und Mutter keine Post mehr von Großvater.
Es begann die Angst, was mit ihm geschehen war.