Mutter Placht (1853-1945) aus Jakobsdorf
Gemeinde Jakobsdorf













Nein, das ist kein Bild von der Flucht im Jahr 1945! Das Bild zeigt die Mühen der 77jährigen Muttel Placht aus Jakobsdorf, in der schweren Zeit der Weltwirtschaftskrise für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Die Aufnahme wurde im Juni 1930 gemacht, wie auf der Rückseite zu lesen ist. Jemand hat darunter geschrieben "Ein Stück Heimat"... In diesen Worten spiegelt sich die ganze Widersprüchlichkeit unserer Erinnerungen an vergangene Zeiten wider. Wer war diese Muttel Placht'n? In der ersten Ausgabe des Lübener Heimatblattes im Jahr 1953 wurde ihrer in der schlesischen Mundart gedacht. Wenn es Ihnen schwerfällt, diesen Abschnitt zu verstehen, markieren Sie den leeren Raum darunter, als ob Sie kopieren wollen. Ein besonderer Dank an Anita Bräunlein, die mir eine Kopie des Fotos übermittelt hat.

Mutter Placht (1853-1945) aus Jakobsdorf


Mutta Placht'n

Jeder Ort hat seine "Originale", denn auch sie gehören dazu und werden, wenn sie nicht mehr da sind, vermißt! So hören wir die Kotzenauer immer wieder von der "Mutta Plachtn" erzählen. Sie wird nicht vergessen, obwohl sie jetzt über 100 Jahre alt wäre. Sie, die einst manches Schmunzeln hervorzauberte und manches Mal von der Jugend ob ihrer Eigenart geärgert wurde, lebt unter ihren Heimatfreunden weiter!

"Mutta Plachtn" wurde am 27. März 1853 geboren, schenkte in ihrer Ehe neun Kindern das Leben, wovon sieben im Kindesalter verstorben sind. Eine kleine Bauernstelle gab der Familie den Unterhalt. Schon mit 16 Jahren hatte sie mit dem Handel landwirtschaftlicher Erzeugnisse begonnen. Nebenbei besorgte sie für die Einwohner von Jakobsdorf, wo sie zu Hause war, Einkäufe in Kotzenau. Sie fuhr mit einem Hundegespann. Viele werden sich noch erinnern können, daß "Nettl" nebenher lief.

Zu ihrem 80. Geburtstage gedachte ihrer sogar die heimatliche Presse durch Veröffentlichung ihres Bildes. Ein arbeitsreiches Leben lag hinter ihr, aber noch immer war sie auch in diesem hohen Alter tätig, da ihr ein Müßiggehen nicht lag. Wenn auch schwere Arbeit den Rücken gebeugt hatte, so waren ihr freundlicher Sinn und ihre humorvolle Art nicht verlorengegangen.

Anläßlich ihres 80. Geburtstages wurde ausgerechnet, wieviel Kilometer "Mutta Plachtn" gelaufen war. Der Weg, den sie seit ihrem 16. Lebensjahre täglich und später einige Male in der Woche zurückgelegt hatte, war 14 km lang. So kam eine Gesamtkilometerzahl von etwa 210.000 heraus! Das kam dem gleich, daß sie in diesen 64 Jahren fünfmal die Erde umlaufen hatte!

Der 7 km lange Weg zwischen Jakobsdorf und Kotzenau

Der 7 km lange Weg zwischen Jakobsdorf und Kotzenau,
den Mutter Placht zweimal täglich mit ihrer Karre lief.

Sie war die Mutter von Gustav Placht, dem letzten deutschen Bürgermeister von Jakobsdorf. Sie ist im Alter von über 90 Jahren im Sommer 1945 in der Heimat verstorben. Sie mußte die Schreckenstage noch miterleben!

Wilhelm Wende (1904-1979), Jakobsdorfer Mühlenbesitzer, in LHB 23/1958 und 15/1961


Gästebuch, 17.4.2019:
Liebe Frau T., mein Vater möchte Folgendes für die Seite über Mutter Placht aus Jakobsdorf beisteuern:
Mutter Plachte lebte während seiner Kindheit in Jakobsdorf. Ihren Unterhalt verdiente sie sich wohl hauptsächlich durch den Verkauf von Eiern, die ihr ihre Hühner lieferten. Gesundheitlich muss es ihr sehr schlecht gegangen sein, weil sie nur sehr stark nach vorn gebückt laufen konnte. Sie zog einen Handwagen mit Eiern von Haus zu Haus und ging auch über Land.
Eines Tages geschah das Unglück: sie wurde vom Allgemeinarzt Dr. Artur Frank (er gehörte zu den wenigen Einwohnern, die schon ein Auto besaßen) auf der Landstraße angefahren. Man erzählte sich, sie habe gerufen: „Miene Eier, miene Eier! Aich bei taut!“ („Meine Eier, meine Eier! Ich bin tot!“)
Interessant für die Kinder war es auch, sie zu beobachten, wenn sie ihr „kleines Geschäft“ erledigen musste. Mein Vater sah, dass sie sich dann einfach in eine Hausecke hockte und die Röcke hob... Natürlich verbergen sich hinter solchen Episoden traurige Einzelschicksale, die uns die Armut buchstäblich spüren lassen. Liebe Grüße Ihr Bernhard Andrusch

Ärztliche Bescheinigung des Dr. Artur Frank (Kotzenau) vom 12.9.1944


Innse Mutta Placht'n!

Ihr Leute, ich meen, wir missn schläsch sprechen, wenn wir - und wir wulln - von der Muttel Plachtn rädn. Nu säht ok, ihr Leute, es war halt a gutes ales Muttel und so fleißig, wie die nu woar, so fleißig woar balde niemand nie zu Hause.

Jeden Tag kam sie angeschirgt1 aus Jakobsdurf und broachte de Milch nach Kutzn und die Kartuffelschoalen noahm se mit nach Hause. Unds Nettl rannte näben ihr her. Uff dam Bilde, woas ihr hier säht, doa is das Nettl ooch oben! Es is bloaß im Ogenblicke im Stroaßengroaben unten. Nee und ich kann mich lebhaft druff erinnern, eenmoal is de Muttel Plachtn beim Adam Moaler von den eisernen Stuffen runtergefoalln und da tat se sich een Been brächen und mer wullte gloabn, se wirde nie wieder uff de Heehe kummen. Und doch is se wieder hochgekummen und se schirgte1 weiter ihre Milch noach Kutzn. Und wenns ihr ooch sauer gewurdn is, die Milch is nie sauer gewurdn, so hoabs es halt erzählt de Leute.

Eenmoal doa bin ich anmoal mit am Schulfreunde bei der Muttel Plachtn gewäsn und der meente, es wär seine Muhme. Jawoll, Muhme hoat er gesoagt! Na und die Muhme schlief awing und alles tat uffstehn und wir kunntn iberoall herumloofn. Na und da meenten wir zur Muttel Plachtn, se sull ok nie so zutraulich sein, denn es gäb doch so viele schlächte Menschen. Och, meent se, doas wär a wull nich so schlimm, se hät olles gut vasteckt. Na und da ging se mit uns zum Hauklötzl und doas schob se beiseite und doa sagte se: "Säht amoal dohin, hier hob ich mei Geld uffgehobn", und dann hat se äs Hauklötzl wieder druff gestellt.

Und an Dukter hattn mer mal in Kutzn und der kunnte dichtn. Es war der Schaper-Dukter und der hat amoal iber de Plachtn gesoagt: "Wenn die Autos Bogen machten, lag es sicher an der Plachtn!"

Nu, ihr Leute, ich meent, wo wir nun in der Fremde sein, doa sullt mer ooch es Muttel Plachtn nie vergässn, und wenn wir wieder in die Heemte kumm tun, dann wulln wir ooch bei der Muttel Plachtn es Unkraut vom Groabe jäten, - ja, doas wulln mer tun. Und dann, ihr Leute, ich meen halt asu:

"Och wenn wir missn wie die Plachtn schirgen, Lieber heute heem - als mirgen!"

Adolf Haertel, Berlin, LHB 1/1953

1 Mundartl., abgeleitet von scheren; heftige anstrengende Bewegungen machen, schieben, stoßen.


Unsere Mutter Placht'n!

Ihr Leute, ich meine, wir müssen Schlesisch sprechen, wenn wir - und wir wollen - von der Mutter Placht reden. Nun seht doch, ihr Leute, es war halt ein gutes altes Mütterlein und so fleißig, wie sie nun war, so fleißig war fast niemand zu Hause.

Jeden Tag schob sie ihren Wagen von Jakobsdorf bis Kotzenau, wohin sie die Milch brachte und von wo sie die Kartoffelschalen mit nach Hause nahm. Und ihr Hund Nettl rannte neben ihr her. Auf dem Bild, was ihr hier seht, da ist Nettl auch drauf. Er ist bloß im Augenblick im Straßengraben unten.

Nein, ich kann mich lebhaft daran erinnern, einmal ist die Muttel Plachtn beim Maler Adam von der Eisenleiter heruntergefallen und hat sich ein Bein gebrochen. Man glaubte, sie würde nie wieder auf die Höhe kommen. Und doch ist sie wieder hochgekommen und hat weiter ihre Milch nach Kotzenau geschoben. Und wenn es ihr auch sauer geworden ist, die Milch ist nie sauer geworden, so haben es jedenfalls die Leute erzählt.

Einmal bin ich mit einem Schulfreund bei Muttel Plachtn gewesen. Der sagte, es wär seine Muhme. Jawohl, Muhme hat er gesagt. Na und die Muhme schlief ein wenig und alles stand offen und wir konnten überall rumlaufen. Na und dann meinten wir zu Muttel Plachtn, sie solle nicht so zutraulich sein, denn es gäbe doch so viele schlechte Menschen. Ach, meint sie, das wär aber wohl nicht so schlimm, sie hätte alles gut versteckt. Na und dann ging sie mit uns zum Hauklotz und den schob sie beiseite und da sagte sie: "Seht mal dahin, hier hab ich mein Geld aufgehoben", und dann hat sie den Hauklotz wieder draufgestellt.

Und einen Doktor hatten wir mal in Kotzenau, der konnte dichten. Es war der Doktor Schaper und der hat mal über die Plachtn gesagt: "Wenn die Autos Bogen machten, lag es sicher an der Plachtn!"

Nun, ihr Leute, ich meine, wo wir nun in der Fremde sind, da sollten wir auch die Mutter Plachtn nicht vergessen. Und wenn wir wieder in die Heimat kommen, dann wollen wir auch bei der Mutter Plachtn das Unkraut vom Grabe jäten, - ja, das wollen wir tun. Und dann, ihr Leute, ich meine halt so:

"Auch wenn wir müssen wie die Plachtn schirgen,
Lieber heute heim - als morgen!