Zuckerfabrik
Unwetter am  5. Juli 1916 in Lüben














Die Lübener Zucker- und Kartoffelflockenfabrik

Zuckerfabrik

"...Der Siegeszug der Zuckerrübe begann erst, nachdem es in den Anfangsjahrzehnten des 19. Jahrhunderts fortschrittlichen Agronomen gelungen war, ihren Zuckergehalt durch planmäßige Veredelungszüchtung auf bis zu 21 % zu erhöhen (Zuckergehalt des Zuckerrohrs bis zu 18 %). Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde sie dort, wo die Bonität des Bodens ihren Anbau zuließ, für die Landwirtschaft zu einer lukrativen Alternative. Neben der Magdeburger Börde entwickelte sich auch Schlesien rasch zu einem bedeutenden Anbaugebiet. Dieser stürmischen Entwicklung mußten sich zwangsläufig Streuung und technische Modernisierung der Verarbeitungsanlagen anpassen. Zur Gewährleistung möglichst kurzer Anlieferwege (als Transportmittel standen neben der gerade erst installierten Eisenbahn ja vorwiegend nur Pferdefuhrwerke zur Verfügung), entstanden während dieser Konjunkturphase in den Anbauzentren, abgestellt auf das Eisenbahnnetz und die Reichweiten der Transportmittel, Zuckerfabriken nach dem neuesten technischen Stand des aufblühenden Industriezeitalters, allein in Schlesien 38 (1939/40) an der Zahl.

Auch die Lübener Zuckerfabrik war ein Kind dieser Konjunkturphase. Hatte sich doch auch die Landwirtschaft unseres Landkreises dort, wo die Bodenqualität es zuließ, beizeiten auf den einträglichen Zuckerrübenanbau umgestellt. Da der wegen des Heidecharakters unserer heimischen Landschaft allerdings nur begrenzt möglich war, nahm unsere Zuckerfabrik nach ihrer Kapazität unter den 38 schlesischen Konkurrenten nur den 28. Platz ein.

Schon Ende der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts waren aus der heimischen Landwirtschaft Forderungen nach einer eigenen Zuckerfabrik laut geworden. Pläne wurden geschmiedet, aber es mangelte an geeignetem Baugrund in Bahnhofsnähe. Da erkannten die Lübener Stadtväter ihre Chance. In wirtschaftspolitischer Weitsicht sprangen sie ein und verkauften 1881 die in Bahnhofsnähe liegenden Grundstücke "Brennerwiese" und "Brenneracker", die ehemals zur städtischen Branntweinbrennerei gehört hatten, an die inzwischen mit neuen Gesellschaftern gegründete Offene Handelsgesellschaft (OHG) "Zuckerfabrik Lüben" (Klose, S. 285).

Unser schlesischer Landsmann Dr. Horst-Dieter Loebner (Heidersdorf b. Nimptsch, Krs. Reichenbach/Eule), der sich, geprägt durch Kindheitserinnerungen, seit Jahren mit der ehemaligen schlesischen Zuckerrübenfabrikation befaßt, hat unter dem Titel "Die schlesische Zuckerrübenfabrikation - Zuckerfabriken und Zuckerindustrie Schlesiens" - ein Buch herausgegeben, das im Januar 2005 beim Scripta Mercaturae Verlag, 55595 St. Katharinen, erschienen ist. Mit seiner freundlichen Erlaubnis entnehme ich dem Abschnitt "(28) Zuckerfabrik Lüben KG" eine Fülle von Informationen, die eigene Erinnerungslücken schließen.

Zuckerfabrik

Werbeanzeige im Heimatkalender Lüben 1942

Die OHG, deren Gründungsdirektor ein Herr Fläschendraeger war, beauftragte die Sudenburger Maschinenfabrik (Magdeburg) mit dem Bau der Fabrikanlage, die daraufhin zügig (1881/82) errichtet wurde. Nach dem damals üblichen Verfahren wurden Saftgewinnung und -reinigung anfangs durch Diffusion und Elution bewirkt. Später arbeitete man auch mit Knochenkohle und Pauly'scher Verdampfung. Für die Schnitzeltrocknung wurden die Abgase des Kesselhauses verwendet.

Bald nach Fertigstellung der Fabrik wechselte Dir. Fläschendraeger nach Lützen im Austausch gegen einen Herrn H. Mitscher, nach dem das Werk den Firmennamen "Mitscher & Co." erhielt. Der galt auch nach Dir. Mitschers Weggang (1894) weiter und bestand lt. "Reichsadressbuch für Industrie, Gewerbe und Handel" von 1933 auch bei dessen Erscheinen noch. Ob die Firma ihn bis 1945 führte, entzieht sich meiner Erinnerung. Auf Dir. Mitscher folgte für nur zwei Jahre ein Herr Heinrich Steffens. 1896 übernahm dann für zwölf Jahre Herr Richard Landgraf die Leitung der Fabrik. 1908 übergab er sie an seinen Sohn Hermann Landgraf, der sie bis 1945 innehatte.

Briefkopf der Zuckerfabrik Lüben

Zum Betriebsstammpersonal gehörten während des 63-jährigen Bestehens der Fabrik (für die Vollständigkeit der Auflistung kann ich keine Gewähr übernehmen):

  • als Buchhalter die Herren R. Spiesecke, H. Schott und Franz Wieczorek;
  • als Chemiker E. Heuber, Otto Kühndel, V. Bernard (zugleich Assistent) und Reinhold Grabmann (zugleich Siedemeister);
  • als Siedemeister die Herren Koch, P. Rausch und Reinhold Grabmann (zugleich Chemiker);
  • als Maschinenmeister die Herren Fritsche und Gustav Engelmann;
  • als Waagemeister E. Purrmann, E. Heinemann, Karl Kirchner, Gerhard Schmalke, Johannes Lehmann und Kurt Sammer.

Über die Belegschaftsstärke während der sog. Kampagne, die gewöhnlich von Anfang Oktober bis zur Weihnachtszeit dauerte, liegen mir keine Unterlagen vor. Ich erinnere mich aber, daß während dieser Zeit jeweils eine beachtliche Zahl Arbeitssuchende Beschäftigung fanden. Zum Vorstand der OHG und später (ab 1925) der Kommanditgesellschaft (KG) gehörten im Laufe der Jahre neben den jeweiligen Direktoren die Ritterguts- bzw. Gutsbesitzer H. v. Weigel (Fauljoppe), Otto Hübner, J. H. Meier (Ziebendorf), Burggraf zu Dohna (Klein-Kotzenau), Major v. Wiedner (Kniegnitz), Fritz Moltrecht (Groß-Krichen), Richard Anders (Mallmitz), Victor v. Lucke (Ossig), Reinhold Preiss (Nieder-Töschwitz), Fritz Gugsch (Lüben/Samitz) und Gustav Rothe (Mallmitz).

Zur Modernisierung und Erweiterung des Betriebs waren 1898, 1902 und 1925 Um- und Ergänzungsbauten unumgänglich. Um 1935 wurde die Firma um die Kartoffelflockenfabrik erweitert. [...]

Der Beginn der Rübenernte und der Kampagne war von der Stadtbevölkerung weder zu übersehen noch zu überhören, ja, er blieb nicht einmal dem Riechorgan verborgen; bei Westwind nämlich verbreitete sich die von der Schnitzeltrocknung ausgehende spezifische Duftwolke penetrant bis in unseren Stadtteil zwischen Liegnitzer- und Steinauer Straße. Aus allen Himmelsrichtungen kommend polterten die hochbeladenen Pferdefuhrwerke auf den gepflasterten Straßen Richtung Zuckerfabrik.

Bei der Ruckelei blieb es nicht aus, daß die eine oder andere Rübe aufs Pflaster purzelte, von uns Arme-Leute-Kindern schon sehnlichst erwartet.

Brief der Zuckerfabrik Lüben an die Zuckerbank in Berlin 1923

Ausgerüstet mit "Eemern und Kerbeln" waren wir nach Erledigung der Schulaufgaben auf den Straßen unterwegs, um das "Fallobst" einzusammeln. Wenn die erhoffte Ausbeute auf diese Weise nicht zusammenkam, bettelten wir die Kutscher auch schon mal an: "Onkel, schmeiß amoal a poar runda!" Nützte auch das nichts, mußte unser flinker Freund Kurtel sich von hinten anschleichen, den Wagen entern und behände ein paar Rüben herunterzerren. Dabei durfte er den Kutscher freilich nicht aus den Augen lassen, denn der Peitschenriemen reichte leicht bis nach hinten. Und was geschah mit den gesammelten Schätzen? Davon kochte die Mutter im Waschkessel Rübensirup als Brotbelag - eine Köstlichkeit, der ich heute noch nachtrauere."

Hans-Werner Jänsch, in Lübener Heimatblatt 4/2005, S. 109 f


"Eene Zuckerriebe"
Cläre Schmidt in LHB 23/1960

Unsere Heimatstadt Lüben gehört zu den Orten Schlesiens, die eine Zuckerfabrik besaßen. Und so kam es, daß im Herbst und sogar noch im Spätherbst lange Wagenreihen, bis obenan gefüllt mit Zuckerrüben, die überall in unserem Landkreis angebaut wurden, durch die Straßen unserer Stadt fuhren. Das ging fast den ganzen Tag bis in die hereinbrechende Dunkelheit hinein!

Niemand war besser darüber orientiert als unsere Jungen und Mädel. Ihre Zeit war jetzt gekommen, einzeln oder gruppenweise liefen sie neben den Wagen her, das "Bitte, bitte, gäb'n Se mir doch eene Zuckerriebe" konnte man in dieser Zeit täglich hören. Die Kinder entwickelten einen bewunderungswürdigen Eifer, und es wurde nicht eher nachgelassen, bis sich der Kutscher des Wagens erweichen ließ, nach hinten zu langen und eine Rübe hinunterzuwerfen. Auf dem holprigen Kopfsteinpflaster geschah es auch oftmals, daß sich Rüben allein lockerten und herunterfielen, darüber stürzte sich dann die sammelnde Kinderschar. Saß auf einem der Wagen aber der Vogt eines Dominiums, der drohte dann abwehrend mit dem Stock, um die Quälgeister loszuwerden, oder er knallte immer wieder mit seiner Peitsche. Das aber war nur eine Abschreckung für kurze Zeit. Schon bei der nächsten Wagenreihe ging der Versuch, Beute zu beschaffen, weiter. Erwischten sie nur kleine Schwänze!, so trösteten sie sich damit, das gäbe den besten Rübensaft. Routinierte Sammler hatten irgendwo, an einen Baum gelehnt, sogar einen Sack stehen, um die erbettelten Rüben sicherstellen zu können.

Bei den heutigen Verkehrsverhältnissen wäre es wohl undenkbar, daß sich eine solche Angelegenheit ohne Unfälle abgewickelt hätte, zumal eben aus allen Richtungen des Landkreises die Wagen nach Lüben kamen und oftmals die Vorwerkstraße, vom Bahnhof bis an die Zuckerfabrik, vollgestopft mit Wagen war. Auch hier krochen zwischen den Wagen noch die Kinder herum, um noch einmal ihr Glück zu versuchen. Dann ging es heim. Dort ging es nun ans Sirupkochen. Es war keine einfache Arbeit, bis die Rüben gereinigt, gekocht, gepreßt und eingekocht waren, zumal dabei die größte Vorsicht zu beachten war. Schnell genug lief die klebrige Masse über und erfüllte die Küche mit Qualm.

Es wird nicht viele Familien gegeben haben, die nicht zumindest in den schweren Kriegsjahren (1914-18) und Nachkriegsjahren Sirup gekocht hätten, um auf diese Weise den schmalen Küchenzettel und besonders den geringen Brotaufstrich zu bereichern. Viele unter uns werden einst selbst Zuckerrüben gesammelt haben, obwohl diese Bettelei nicht erlaubt war. Es wurde auch in der Schule darauf hingewiesen, es zu unterlassen. Es hatte sich aber so eingebürgert, so daß bei Beginn der in die Stadt einfahrenden Wagenkolonnen - vielleicht erst etwas zaghaft - dann aber doch wieder mit derselben Lautstärke vernehmbar wurde: "Bitte, bitte, gäb'n Se mir 'ne Zuckerriebe!"

Muttel, gib mir bitte, bitte,
eene große Sirupschnitte,
ja, so schreien Heinz und Fritze
noch in ihrer Sammlerhitze.

Mutter ist jetzt nicht bereit,
sie hat grade wenig Zeit,
denn sie weiß, was dann passiert,
wenn sie Fritz 'ne Schnitte schmiert.

Soweit hat sie's nun geschafft,
daß der Sirup dampft und pafft,
wär sie jetzt nur weggerannt,
wär das Zeug ihr angebrannt.
Gestern lief es ihr, o Schreck,
übern Pfannenrand hinweg,
und eh sie die Flut gestillt,
war alles voll mit Dampf gefüllt.

Wie das riecht in solchem Falle,
wissen Sirupkocher alle.
Fritz und Heinz, die hab'n indessen,
nicht gewartet mit dem Essen,

hab'n am Siruptopp geleckt
und das Tischtuch vollgekleckt.
Ganz besabbelt sind die Münder,
und wie arme kleine Sünder
schaun sie nun die Mutter an,
deren Arbeit jetzt getan.
Heut im Wirtschaftswunderland
ist Sirup weniger bekannt,

doch wir schles'schen Frauen haben
Dank gewußt für diese Gaben.
Manchmal schimpfte wohl der Bauer,
lagen Kinder auf der Lauer,

ihm die Rüben zu stibitzen -
doch verzeiht den Bettelfritzen.
Sie baten meist ans eignem Triebe:
"Gäb'n Se mir 'ne Zuckerriebe!"

Lübener Mundartdichterin Cläre Schmidt (1897-1975)