Die Familie Philippsberg
Bianca Philippsberg, geb. 12.5.1873 in Lüben, ermordet in Treblinka














Die Familie Philippsberg

Bianca, Simon, Grete und Gertrud Philippsberg 1933 in Kloster Grüssau

Bianca, Simon, Grete und Gertrud Philippsberg 1933 in Kloster Grüssau

Vor 1860 lebte die Familie Philippsberg in Lissa. Louis Philippsberg (geb. 1832) heiratete Ulrika Schlesinger (geb. 1831) im Jahr 1858. Sie hatten fünf Söhne und zwei Töchter. Die Familie zog etwa 1863 nach Lüben um.

Es gibt einige Unklarheiten in Bezug auf die Beschäftigung von Louis Philippsberg. Nach den Erinnerungen meiner Mutter hatte er einen Herren-Ausstatter. Doch in erst kürzlich entdeckten Dokumenten wird er als Kürschner geführt. Vielleicht hat er Herren-Kleidung während der Sommermonate und Pelze im Winter verkauft?

Der älteste Sohn Siegfried (geb. 1859) und seine Frau Regine geb. Tischler hatten drei Töchter und einen Sohn. Siegfried starb vor dem Zweiten Weltkrieg. Seine Frau und seine älteste Tochter wurden nach Theresienstadt deportiert, wo sie starben.

Das gleiche Schicksal widerfuhr einer Enkelin, deren Mutter die Flucht nach England gelang, wo sie 1969 starb. Der einzige Sohn, ein Zahnarzt, und eine weitere Tochter emigrierten in die USA.

Louis und Ulrikas Sohn Simon (geb. 1868) heiratete Margarethe Meyer. Sie lebten in Waldenburg (heute Walbrzych), wo sie eine Likör-Fabrik sowie eine Bar im Erdgeschoss des Hauses auf dem Markt hatten.

Sie hatten zwei Söhne, Ludwig und Walter. Ludwig arbeitete mit seinem Vater zusammen. Ludwig emigrierte nach Rio de Janeiro. Walter emigrierte nach Melbourne, Australien. Simon und Margarethe wurden von Breslau nach Theresienstadt und dann nach Treblinka deportiert. Dort starben sie.

Sohn Isidore lebte in Belgien, wo er ein Unternehmen für Elektrogeräte und Leuchten führte. Er war zweimal verheiratet, hatte aber keine Kinder.

Sohn Salomon (Salo, geb.1869) und seine Ehefrau Margarethe Rosenthal lebten in Neumarkt, einer Stadt zwischen Liegnitz und Breslau, wo sie eine Kohle-Handlung hatten. Ihre Tochter Lotte emigrierte nach Dänemark. Dort war sie verheiratet. Sie hatte vier Töchter.

Ihr Sohn Hans lebte in Lüben bei seinen Tanten Bianca und Amalie. Er ging dort zur Schule und lernte später das Kürschnerhandwerk. Er emigrierte nach Bolivien. Dort heiratete er. Die Familie hatte drei Söhne und eine Tochter.

Salo und seine Frau wurden nach Theresienstadt und von dort am 31.08.1942 nach Treblinka deportiert. Dort starben sie.

Louis und Ulrikas älteste Tochter Amalie (Mally, geb. 1863), war für kurze Zeit verheiratet und wurde bald geschieden. Sie lebte mit ihrer jüngeren, unverheirateten Schwester Bianca (geb. 1873) in Lüben.

Wir wissen jetzt, dass Bianca die erste weibliche Kürschnermeisterin wurde und nach dem Tod ihres Vaters im Jahre 1912 das Geschäft übernahm. Meine Mutter erinnerte sich, dass Bianca eine große Anzahl von wohlhabenden Bauern als Kunden hatte. Sie bewahrten ihre Pelzmäntel in den Sommermonaten in großen, hölzernen Behältern auf. Sie erinnerte sich auch, dass sie während der langen Schulferien diese Tanten besuchten. Als Lebensmittel knapp waren, baten sie die Bauern um Butter und Eier und die Bauern waren sehr nett zu ihnen.

Bianca und Mally wurden am 23.09.1942 nach Treblinka deportiert. Ihren Todestag kennen wir nicht.

Am meisten weiß ich über Hermann, den zweiten Sohn, denn er war mein Großvater. Er wurde 1861 in Lissa geboren und war zwei Jahre alt, als die Familie nach Lüben umzog. Er muss den Pelzhandel von seinem Vater gelernt haben und führte das Handwerk in Leipzig weiter. Einmal im Jahr reiste er nach Russland, nach St. Petersburg, Moskau und Nischninowgorod an der Wolga, um Pelze zu kaufen.

Diese wurden dann nach Leipzig, das Zentrum des Pelzhandels, geschickt. Das Haus, in dem er arbeitete, steht noch immer. Er heiratete Gertrud Bacher aus Magdeburg im Jahr 1895. Sie hatten vier Kinder - einen Sohn und drei Töchter. Die Familie war sehr wohlhabend und führte eine streng jüdisches Leben. Sie blieben in engem Kontakt mit anderen Zweigen der Familie.

Hermann war nicht nur ein guter Geschäftsmann, er war auch sehr sportlich. Zum Beispiel ging er das ganze Jahr hindurch schwimmen. Dazu gehörte es auch, Löcher ins Eis zu brechen, bevor er ins Wasser stieg… Er lief auch Schlittschuh und fuhr Rad. Neben Deutsch sprach er Englisch, Französisch und Russisch. Er forderte seine Kinder auf, keinen Unsinn zu lesen, sondern Sprachen zu lernen.

Seine Frau starb 1935. Als alter Mann wurde Hermann gezwungen, sich in "ein Altersheim" in Theresienstadt einzukaufen, wo er im November 1942 starb.

Als seine älteste Tochter Elsa heiratete, arbeitete auch ihr Ehemann Leo mit im Geschäft. Sie zogen im Jahr 1931 nach Paris. Elsa starb 1934 während eines Urlaubs in Leipzig. Ihr Ehemann und Sohn wurden in das Konzentrationslager Drancy und von dort nach Auschwitz deportiert, wo sie im September 1942 starben.

Hermanns einziger Sohn ging zu einem anderen Kürschner in die Lehre und setzte nach einigen Jahren die Familientradition fort.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg emigrierte er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn nach Amerika und verbrachte zuerst ein paar Jahre in Kuba. In New York war er im Schmuckhandel tätig.

Hermanns Tochter Lucie (geb. 1899) ließ sich in Leipzig als Kindergärtnerin ausbilden und arbeitete für einige Jahre als solche. Später ging sie nach Berlin, wo sie in einem jüdischen Kinderheim arbeitete. Im Jahr 1939 ging sie nach England und verbrachte dort etwa zehn Jahre. Nach dem Krieg wanderte sie in die USA aus. Sie war nicht verheiratet, sondern hatte einen großen Kreis von Freunden, die sie mit ihrem Gitarrenspiel und Gesang unterhielt. Sie starb im Jahre 1956 in New York.

Das Foto rechts zeigt sie bei einem Besuch bei ihren Tanten Bianca und Amalie (Mally) in Lüben. Auf die Rückseite schrieb sie: "Das neue Lübener Denkmal! Juno und die berühmte Kindergärtnerin Lucie!" Damals ahnte noch niemand, dass dieser Findling im Schillerpark einst Gedenkstein im sogenannten Lübener 'Heldenhain' werden sollte. Lucie wollte keine Heldin, sondern eine berühmte Kindergärtnerin werden!

Meine Mutter Margot war die jüngste Tochter. Nach Verlassen der Schule arbeitete sie für etwa zehn Jahre für ein Lederwaren-Unternehmen, das hauptsächlich Schuhe herstellte. Nachdem ihre Mutter starb, führte sie den Haushalt für ihren Vater. Sie war gesellschaftlich stark engagiert mit einem großen Kreis von jüdischen Freunden. Anfang 1939 verließ sie Nazi-Deutschland, um als Hausangestellte in einem Privathaus in England zu arbeiten. Das war der Weg, mit dem viele junge Frauen es geschafft haben, Deutschland zu verlassen. Wie bereits erwähnt, kam später auch ihre Schwester Lucie nach England.

Meine Mutter hatte über einen gemeinsamen Freund eine Korrespondenz zu einem deutschen Juden, der in Kapstadt, Südafrika lebte, aufgenommen. Er war dort seit 1933. Sie planten zu heiraten, obwohl sie sich nur durch Briefe kannten. Im Mai 1940 verließ sie England per Schiff nach Süd-Afrika. Sie heiratete sechs Wochen nach ihrer Ankunft, und blieben zusammen für mehr als 50 Jahre.

Mein Bruder ist verheiratet und lebt heute in Australien und hat zwei Söhne. Meine jüngere Schwester und ihre Tochter leben in Kapstadt, während ich mit meinem Ehemann, zwei Söhnen und zwei Enkelkindern in London lebe.

Dies erklärt, warum diese jüdische Familie über die ganze Welt verteilt ist.

Dorothy Obstfeld, London 2008
Englischer Originaltext

Gertrud und Hermann Philippsberg am Eiger in den Schweizer Bergen

Gertrud und eine Freundin am Eiger in den Schweizer Bergen

Gertrud und Hermann Phlippsberg um 1930

Bianca, Hermann und Gertrud 1932

Die Brüder Hermann und Simon Philippsberg 1932

Bianca, Simon und Margarete Phlippsberg auf dem Balkon des Hauses
in der Oberglogauer Straße, in dessen Erdgeschoss sich das Bekleidungs-Geschäft der Phlippsbergs befand. Im Hintergrund links der Turm der Evangelischen Kirche.

Letzte Reise nach Marienbad. Die Jüngeren waren schon geflohen.
Die alten Philippsbergs wurden in Theresienstadt und Auschwitz ermordet.




Im Jahr 2014 besuchen mich die Philippsberg-Nachfahrin Dorothy Obstfeld und ihr Mann Henri. Ich bin dankbar, dass ich das Schicksal der Familie auf meiner Website veröffentlichen und damit bewahren darf.