Mein Großvater Konstantin Moch aus Badewitz (1890-1958)














Franz Moch und Franziska, geborene Jahn, wohnhaft in Badewitz bei Leobschütz in der preußischen Provinz Schlesien, wurden am 18. Oktober 1890 Eltern eines Jungen, den sie in der katholischen Pfarrkirche von Badewitz auf den Namen Konstantin taufen ließen. Es ist nicht überliefert, ob er seinen Namen zu Ehren eines Vorfahren der Familien Moch oder Jahn, des Kaisers Constantin des Großen oder irgendeines anderen berühmten Namensträgers erhielt. Aber der Name - constans ‚beständig, standhaft' - hätte nicht besser gewählt sein können. Um so mehr, da sich Konstantin Mochs Umfeld in einem Tempo veränderte, das vorangegangenen Generationen unbekannt war.

Konstantin Mochs Geburtsurkunde ging im zweiten Weltkrieg verloren. Erst 100 Jahre nach seiner Geburt gelang es mir, sie als beglaubigte polnische Übersetzung zu bekommen. Nun liegt dieses doppelt fremde Dokument vor mir. Es zeigt nicht nur die Geburt eines Menschen im Herbst 1890 an, sondern weist durch Sprache und Ausstellungs-behörde gleichzeitig auf historische Ereignisse und menschliche Schicksale kommender Jahre hin.

Geburtsurkunde Konstantin Moch aus dem Jahr 1993 auf Polnisch

Zu den beiden Schreibweisen seines Vornamens: Das Kirchenbuch der Katholischen Kirche Badewitz (Kr. Leobschütz), in dem die Geburt meines Großvaters bezeugt wird, wurde von den Mormonen verfilmt. Dort wird sein Geburtsname Constantin geschrieben. Erst nach der Rechtschreibreform von 1901 wurde es üblich, das C durch K zu ersetzen. In seinem Firmennamen schrieb er bis zuletzt C. Moch. Privat schrieb er sich bald K. Moch. Warum auf der polnischen Kopie seiner Geburtsurkunde aus dem Jahr 1993 Konstantin Moch steht, ist unklar.

In dem Teil Schlesiens, aus dem die Mochs stammten, lebten hauptsächlich Polen und Deutsche. Je nach Gegend war ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung verschieden hoch. Die Menschen lebten jahrhundertelang friedlich nebeneinander.

Es wurde Deutsch, Polnisch und eine Mischung von beidem, das sogenannte "Wasserpolnisch", gesprochen. Die große Mehrheit der Einwohner war katholisch. Die Armut unter den Polen war größer als unter den Deutschen. Polen existierte seit 1795 nicht mehr als eigenständiger Staat, sondern war unter Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt worden. An der Schwelle zum 20. Jahrhundert verbreiteten sich nationalistische Ideologien, die zum Kampf um Schlesien und schließlich zum Verlust des Gebietes für Deutschland führen sollten.

Konstantin Moch war noch nicht einmal 14 Jahre alt, als er eine Lehre bei dem Eisenwarenhändler Emil Rother in Leobschütz aufnahm. Seit der Einführung der Gewerbefreiheit und der Industrialisierung hatte die Zahl der Eisenwarenhandlungen sprunghaft zugenommen. In den Eisenwarengeschäften wurden nicht nur landwirtschaftliche und Baumaterialien angeboten, sondern auch Geschirre und Bestecke aus Eisen und Stahl, elektrische Koch- und Heizapparate wie Wasserkocher, Teekessel, Eierkocher, Tellerwärmer und vieles mehr. 1898 war der Verband Deutscher Eisenwarenhändler gegründet worden. Vermutlich war auch Eisenwarenhändler Emil Rother aus Leobschütz Mitglied darin. Die Mochs werden es als ein großes Glück empfunden haben, ihrem Sohn eine kaufmännische Ausbildung in einem perspektivreichen Gewerbe geben zu können.

Emil Rothers Eisenwarenhandlung in Leobschütz um 1920 Lehrherr Emil Rother und seine Familie vor dem Laden in Leobschütz

Herzlichen Dank den Nachfahren von Emil Rother, die mir diese beiden Bilder geschenkt haben. Dabei musste ich erfahren, dass beinahe die gesamte Familie Rother auf dem Weg nach und in Auschwitz ums Leben gekommen ist. Ich bin immer wieder sprachlos, wenn das Grauen der Nazizeit einen direkten Bezug zum Leben meiner Vorfahren bekommt. Mir scheint der Verlust der schlesischen Heimat meiner Großeltern die Sühne für das unfassbare Verbrechen der Nazis an den Juden zu sein.

Das rechte Foto zeigt Gertrude Baum und ihre Schwester Else mit ihrem Ehemann Max Bachrach, dem Inhaber und Nachfolger der Eisenwarenhandlung Emil Rother. Darüber informierte mich Harold Baum aus den USA. Sein Schicksal als deutscher Jude und seinen Kampf gegen Nazideutschland als amerikanischer Soldat beschreibt Steve Karras in dem Buch The Enemy I Knew.
Mehr über Harold Baum!

Adolf Holzborn: Der Eisenwarenhandel

Es ist unbekannt, ob Konstantin Moch beim Lehrherrn wohnte oder täglich zweimal den Weg zwischen Badewitz und Leobschütz zurücklegte. Man muss allerdings bedenken, dass es keine gesetzlichen Regelungen für die Dauer der Arbeitszeit gab. Für den Eisenwarenhandel war nur festgelegt: Zehn Stunden minimale Ruhezeit vom Abend bis zum Morgen, Sitzgelegenheiten für das Personal, angemessene Mittagszeit als Ruhepause. Da wird es kaum möglich gewesen sein, sich jeden Abend nach Ladenschluss und den damit verbundenen Arbeiten auf den Weg nach Badewitz zu machen und jeden Morgen pünktlich und - vor allem - ausgeschlafen wieder zurückzukehren. Vermutlich hat Konstantin Moch in den Lehrjahren nur die Wochenenden zu Hause verbracht, getreu dem damaligen Motto "Lehrjahre sind keine Herrenjahre".

Fleißig und umsichtig wie er war, fand Konstantin Moch schnell die Anerkennung seines Lehrherrn. Den theoretischen Teil der Ausbildung erhielt er in der Berufsschule Leobschütz. Vielleicht mit dem noch heute hoch anerkannten Buch von Adolf Holzborn "Der Eisenwarenhandel; Ein Lehr- und Nachschlagewerk für den Handel mit Eisenwaren und Haus- und Küchengeräten", das um 1900 unter Mitarbeit zahlreicher Fachleute in Nordhausen, bei Killinger herausgegeben worden war.

Nach seiner Lehrzeit fand Konstantin Moch Anstellung als 'Gehülfe' in Eisenwarenhandlungen. Zuerst in Schönau an der Katzbach bei Eisenwarenhändler August Beer, zuletzt bei Emil Schütze in Lüben.

Aus dem Lähner Anzeiger des Jahres 1918:


Als der 1. Weltkrieg ausbrach, erhielt auch Konstantin Moch den Einberufungsbefehl. Ob er ihm mit Begeisterung folgte, weiß ich nicht. Dass er für Deutschlands Position Partei nahm, ist sicher. Es gab nur einen Grund, der ihn an seiner bevorstehenden Mission hätte zweifeln lassen können: Er hatte sich in Gertrud Stein aus Ober Gröditz verliebt.

Grab von Fritz Stein, gefallen 1917

Im 1. Weltkrieg verloren mehr als zehn Millionen Menschen ihr Leben. Darunter auch Fritz, der jüngste Bruder meiner Großmutter Gertrud Moch geb. Stein.

Ein postkartengroßes Foto zeigt ein schlichtes Holzkreuz auf seinem Grab vor einem Kiefernwäldchen. Die Blumen auf dem Grab sind vertrocknet.


Hier
ruht in
Gott
der
Musketier
Ruhe - Fritz Stein - sanft!
1. Komp. J. R. 335.
* 15.9.93
gefallen
8.5.17


Auf den vier Schleifen ist zu lesen:

"Unserem geliebten Fritz zum letzten Heimatgruß! -
Deine treue unvergeßliche Hilde. -
Unserem unvergeßlichen Sohn und Bruder die letzten Heimatgrüße! -
Deine Eltern und Geschwister."