Zeitzeugnisse aus dem Leben
von Frieda geb. Scholz aus Mallmitz und ihrem Ehemann Heinrich Hüttner
Gemeinde Mallmitz














Klaus Thielsch, Nachfahre von Mallmitzern, ist ein akribischer Familienforscher, der seinen Rothe-Stammbaum bis zu einer Verwandtschaft mit der Mallmitzer Familie Hüttner zurückverfolgen kann, von der er alle Familiendokumente besitzt, da es vermutlich keine Nachfahren mehr gibt. Einige wenige, jedoch aussagestarke Dokumente möchten wir hier veröffentlichen. Klaus Thielsch hofft, auf diese Weise weitere Nachkommen der Hüttners ausfindig zu machen. U. a. tauchen die folgenden Namen auf: Hüttner, Scholz, Tiesler, Rothe, Gollmisch, Keil, Wiener, Fluche, Kabitz, Neumann. Gern vermittle ich den Kontakt!

Im Besitz von Klaus Thielsch befindet sich auch der Briefwechsel zwischen Frieda Scholz und ihrem späteren Ehemann Heinrich Hüttner. Dazu gehören sehr schöne Ansichtskarten von Lüben u. a. mit Anmerkungen über Margarete Leupold, eine bekannte Lehrerin der Höheren Töchterschule.

21.7.1909 an Fräulein Frieda Scholz - Hochwohlgeboren, Ostseebad Warnemünde, Pension Reischau
Deine liebe Karte noch erhalten. Herzlichen Dank dafür. Wetter sonnig, wenn auch etwas windig. In Vorderheide ist heute Einweisung. Fahre aber nicht, da amtlich viel zu tun. Herzliche Grüße Dein Heinz

Kgl. Kreissekretär Herrn Hüttner, Berlin-Moabit, Paulstr. 34 I b. Kliche
Mallmitz, den 6.1.1910, Lieber Heinz! Habe soeben deine liebe Karte vom 4. erhalten und bedauere sehr, daß du soviel arbeiten mußt. Brauchst du etwa die Lampe, oder fehlt sonst noch etwas, so schreibe es nur, damit ich es Dir schicke. Herzlichste Grüße Deine Frieda

Mallmitz, den 19.4.1910. Mein Lieber Heinz! Habe soeben Deine liebe Karte erhalten und zugleich Nachricht aus Liegnitz. Der Arzt ist mit Vaters Zustand sehr zufrieden gewesen und hat ihm auch erlaubt, ein paar Stunden aufzustehen. Mutter und ich fahren morgen (Donnerstag) rauf. Hoffentlich kann ich Dir Sonnabend recht gute Nachricht mitbringen. Wie hast Du denn zu Hause alles angetroffen? Herzliche Grüße von Mutter und Ernst und Deiner Frieda

Tafel-Lied
zur frohen Vermählungs-Feier
des
Fräulein Frieda Scholz
aus Mallmitz
und des
Regierungssekretärs, Leutnant der Reserve
Herrn Heinrich Hüttner
aus Berlin.
Lüben, den 8. September 1910


Trauschein
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes ist der Junggeselle Robert Julius Heinrich Hüttner Regierungsrats-Sekretär, Leutnant der Reserve, in Berlin, ev., geb. 2.10.1880 mit Jungfrau Berta Frieda Scholz in Mallmitz, einz. Tochter des Julius Scholz, Gutsbes. daselbst, ev., geb. 21.8.1888 am 8. September des Jahres Eintausendneunhundertundzehn - 1910 getraut und ehelich eingesegnet worden. Dies wird auf Grund des Trauregisters des Kirchenbuchs der evangel. Stadtpfarrkirche, hierselbst hierdurch pfarramtlich bescheinigt.
Lüben, den 8. September 1910.
Das ev. Pfarramt
Jh. 524
Schoen, Superintendent

Militärischer Personalbogen Diensteintritt u. mil. Dienstlaufbahn: 1.10.80 als Einj. Freiw. in die 8. Komp. J. R. 50, 28.9.01 Unteroffizier, 30.9.01 zur Reserve entlassen Vom 2.3.-26.4.04 zur Ableistung der Übung A ? beim Inf. R. 50, vom 14.4.-18.6.07 zur Ableisung der Übung B 0 beim I.R.50 eingezogen. Am 11.4.08 zur Landwehr 1. Aufgebotes übergeführt. / Leutnant: Allerh. Order 19.11.08- R.3 k. Vom 3.4.-28.5.09 zur Übung bei 7. R.50. Vom 30.7.23.9.11 s.o. Vom 6.6.-31.7.13 s. o. Befähigung zur Beförderung dargetan. Am 1.8.14 eingezogen, am 13.1.15 zum I. Ers. Batl., am 23.2.15 zum II. Ers. Batl. / Oberleutnant: Allerhöchste Order 22.5.15 Am 10.6.16 II. Ers. Batl. I R. 47 versetzt Am 1.9.16 Ldst. Inf.-Batl. Ostrowo (V.22) versetzt Am 1.6.17 s. o. Ers. Batl. Merzig (XII 11) überwiesen / Hauptmann: Allerhöchste Order: 20.5.18 Patent 15.4.18 d. Res. d. Inf. Regts. 50 (M.D.O. v. 20.5.18) Am 4.8.18 zum Ers. Batl. Inf. Regt. 50 versetzt Am 6.9.18 gem. Verfg. des Pallwerk. Gen. als V. k. K. II 0 N 9987 vom 31.8.18 Mobilmachungsbestimmung aufgehoben. Bekanntgabe am 7.8.18 / Orden und Ehrenzeichen: L. D. 2 (5.3.13) E. K. II (21.10.14) Verwundetenabzeichen Feldzüge: Feldzug gegen Frankreich 22.8.14 Ethe verwundet Gewehrschuß linker Fuß und rechter Oberschenkel. Im ft. Gebiet der 8. Armee vom 1.9.16 bis 31.6.17 und zwar in Ianom und Wilkomierz v. 3.6.17 bis 4.8.18 in Kielmy, Skandwile u. Rossieni, 31.8.18 nach Berlin entlassen. / Sonstige Bemerkungen: Vom 3.8.16-25.8.16 zum Fortbildungs-Kursus für Ausbildungspersonal ins Warthelager kommandiert. Vom 26.9. bis 22.10.17 zum M. P. Offz. Ausbildungskursus Olita kommandiert.

Am 8. September 1910 wurden Heinrich und Frieda in der Lübener Stadtpfarrkirche von Superintendent Schoen getraut. In Berlin-Friedenau in der Cranachstraße richteten sie sich ihr Heim ein. Hier die Rechnungen für die exquisite Einrichtung:

Während Heinrich Hüttner als Leutnant der Reserve in Lissa in Posen ist, wohnt Frieda wieder bei ihren Eltern in Mallmitz. Ein reger Briefwechsel findet statt.

Leutnant d. Reserve, Herrn Hüttner, Lissa i. Posen, Hotel Reichshalle
Mallmitz, den 2.8.1911. Mein Lieber Heinz! Schönsten Dank für Deine liebe Karte. Ich freue mich, daß Dich mein Brief so schnell erreicht hat. Heut Nachmittag gehe ich zur Grete Leupold*, da werden wir wohl unsere Gebirgsreise besprechen. Ich hoffe immer, daß es vorher mal regnen würde. Herzliche Grüße Deine Fr[ieda]
Hast Du Dir die Liegn. Zeitung bestellt? Den Roman hebe ich Dir auf!

Leutnant d. Reserve, Herrn Hüttner, Lissa i. Posen, Hotel Reichshalle
Mallmitz, den 3.8.1911, Mein lieber Heinz! Recht schönen Dank für Deine heutige Karte, aus der ich ersehe, daß es Dir gut geht, was mich sehr erfreut. Grete Leupold* traf ich gestern nicht zu Hause an, sie war in Liegnitz im Theater. Heute bekam ich aus Liegnitz einen Brief. Sonntag erhältst Du ein längeres Schreiben. Herzliche Grüße Deine Fr[ieda]

* Margarete Leupold (1886-1977), Gutsbesitzertochter aus Mallmitz, war anfangs Lehrerin an der Höheren Töchterschule, später am Gymnasium.


Gleich im August 1914 wurde Heinrich Hüttner zum Kriegsdienst einberufen. Schon am 22.8.1914 erlitt er eine schwere Verwundung, die ihm den linken Fuß und den Oberschenkel zerriss. Dafür erhielt er das Verwundetenabzeichen. Das Ministerium, in dem er vor und nach dem Krieg tätig war, übermittelte seiner Ehefrau "herzliche Teilnahme".

Nur wenige Tage später fordert das Ministerium den "Königlichen Geheimen expedierenden Sekretär und Kalkulator, z. Zt. Leutnant der Reserve", Heinrich Hüttner, auf, seinen Fuß röntgen zu lassen!


Das Geschoss, das ihn am 22.8.1914 in der Schlacht bei Ethe-Virton verwundete, verarbeitete er zu einem makaberen "Souvenir".
Kämpfe um Virton
Schlacht um Ethe
Schlacht bei Longwy

Der zuvor Königliche Geheime expedierende Sekretär und Kalkulator im Ministerium der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten Heinrich Hüttner an seinem Arbeitsplatz, inzwischen zum Rechnungsrat berufen!

Anschreiben zur "Patentverleihung" am 25.6.1918: Seine Majestät der Kaiser und König haben Allergnädigst geruht Ihnen den Charakter als Rechnungsrat zu verleihen... Wohl eine der letzten Amtshandlungen Kaiser Wilhelm II., der den 1. Weltkrieg und die Novemberrevolution nicht überstand und wenige Wochen später ins Exil ging.

WIR WILHELM,

von Gottes Gnaden

König von Preußen u.,

tun kund und fügen hiermit zu wissen, daß WIR Allergnädigst geruht haben, dem Geheimen expedierenden Sekretär und Kalkulator bei dem Ministerium der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten Heinrich Hüttner den Charakter als Rechnungsrat zu verleihen. Es ist dies in dem Vertrauen geschehen, daß er UNS und UNSERM Königlichen Hause in unverbrüchlicher Treue ergeben bleiben und seine Amtspflichten mit stets regem Eifer erfüllen werde, wogegen er sich UNSERES Allerhöchsten Schutzes bei den mit seinem gegenwärtigten Charakter verbundenen Rechten zu erfreuen haben soll. Auf Grund Allerhöchsten Auftrags urkundlich vollzogen und mit dem Königlichen Insiegel versehen. Berlin, den 19. Juni 1918
Das Staatsministerium. Schmidt


Patent
als Rechnungsrat für den Geheimen expedierenden Sekretär und Kalkulator bei dem Ministerium der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten Heinrich Hüttner


Nach dem Krieg ziehen Heinrich und Frieda Hüttner wieder nach Berlin-Friedenau in die Cranachstr. 21/22.

An Frau Frieda Hüttner, Berlin-Friedenau, Cranachstr. 21/22
Altstadt, den 24.1.1919. Liebe Frieda! Deine Karte habe ich erhalten, worüber ich mich sehr gefreut habe, etwas von Euch zu hören. Was meine Gesundheit angelangt, geht es wieder etwas besser mit den Nervenschmerzen. Ich habe an meinen Arzt geschrieben nach Liegnitz, Herrn Sanitätsrat Geisler. Der hat mir etwas verordnet. Liebe Frieda, es freut mich, daß Ihr Euch wieder gut eingewohnt habt und es Euch gesundheitlich gut geht. Es grüßt Euch alle Deine Tante Ida


Nach 40 Jahren Beamtenlaufbahn erhält Heinrich Hüttner ein weiteres Anerkennungsschreiben aus Berlin. Für die massenhafte Verteilung von Lob und Anerkennung verwendet der Diktator vermutlich einen Stempel.

Dass die Hüttners den Rassegeboten der Nazis standhielten, hatten sie schon 1934 mit kirchlicher Unterstützung unter Beweis stellen müssen: 1837 war ein Hüttner unter christlichem Glockengeläut beerdigt worden. Das reichte aus, um nicht nach Auschwitz deportiert zu werden.

Am 22. Juli 1937 übermittelt das Katasteramt Lüben einen Auszug aus den Katasterunterlagen, in denen noch Frieda Hüttners Vater, der Mallmitzer Gutsbesitzer Ernst Scholz, als Eigentümer der Grundstücke genannt ist.

Nach dem frühen Tod von Heinrich Hüttner wird Frieda als alleinige Eigentümerin des Mallmitzer Grundstücks ins Grundbuch eingetragen. Der bekannte Lübener Rechtsanwalt und Notar Dr. Hans Rathey (1889-1966) und Justizangestellte/r Jäkel bestätigen den Vorgang.

Der "Antrag auf Kriegsentschädigung" aus dem Jahr 1953 ist alles, was Frieda Hüttner vom väterlichen Erbe geblieben ist.