Allerlei Zeitdokumente - 1908
Elfriede Tecklenburg schreibt an ihre Schwestern in Görlitz
Postkarte von 1909














Diese beiden Postkarten von der Haynauer Straße in Lüben wurden kürzlich im Internet zum Kauf angeboten. Leider viel zu teuer. Aber ich kann die bewegende Lebensgeschichte der Verfasserin Elfriede Tecklenburg und ihre Todesanzeige aus dem Jahr 1980 beisteuern! Anlässlich ihres 90. Geburtstages im Jahr 1977 beschrieb sie im Lübener Heimatblatt ihr Leben! Sollten Verkäufer und Käufer mit meiner Veröffentlichung nicht einverstanden sein, bitte ich sie um Kontaktaufnahme. Das gleiche gilt für mögliche Nachfahren. In Ratzeburg gibt es eine Vielzahl von Hoffmann, dem späteren Ehenamen von Elfriede Tecklenburg! Heidi T.



Adolf Hoffmann, der künftige Ehemann von Elfriede Tecklenburg, schreibt an seine Schwestern in Görlitz.

An Frl. Hoffmann
Görlitz i. Schl.
Emmerichstr. 70I

Lüben, den 18.10.1908
Liebe Schwestern!

Wir senden Euch und der lieben Mattich-Muttel die herzlichsten Grüße. Leider ist das Wetter nicht gut, so daß wir nur in der sitzen können. Wenn wir mit Euch zusammen wären, würden wir mehr Spaß haben. Adolf.
Elfriede Tecklenburg.


Diese Aufnahme von Elfriede Tecklenburg aus dem Jahr 1909/10 befindet sich auf einem Hochzeitsbild. Neben ihr steht ihr Ehemann Adolf Hoffmann. Ein weiteres Ehepaar Tecklenburg auf dem Foto könnten ihre Eltern Marie und Otto sein. 1907 hatte sie die Leitung der Damenriege des Lübener Turnvereins übernommen!

Lüben, den 19.12.1908
Ihr lieben Guten! Habt innig, innig Dank für die Liebe und Güte, mit der Ihr mir begegnet seid. Ihr müßt mich für recht undankbar halten, daß ich noch garnichts von mir habe hören lassen; verzeiht mir bitte, ich stecke so im Weihnachtstrubel, daß fast jede Minute fehlt. Hoffentlich seid Ihr, sowie Frau Mattich recht gesund. Wie hat letzterer die schöne Geschichte vom Leichenzehrer und seiner Liebgevielten* gefallen? Wart wohl am Mittwoch wieder recht fidel? Habe sehr an Euch, Ihr Lieben, gedacht. Werde doch wohl hoffentlich auch einmal in den lustigen Kreis aufgenommen werden. Möchte auch meinen und der Meinen herzlichsten Dank für Euer freundliches Gedenken beifügen. Schließe nun mit 10000 Grüßen an Euch und Mattich-Muttel
Eure Friede.



* Vermutlich ein Buchstabenverwechselspiel wie dieses:
"Hinter einer Pappelgruppe saß ein Zeichenlehrer und zeichnete die Schattenrisse seiner vielgeliebten Laura."
Durch Verdrehung einzelner Buchstaben entstehen plötzlich komische oder gar anzügliche Wörter:
"Hinter einer Grappelnpuppe saß ein Leichenzehrer und neichzete die Rattenschisse seiner liebgevielten Raula."
Tja... damals gab's eben noch kein Fernsehen und Internet. Da vergnügte man sich so...


Lübener Heimatblatt Nr. 5 / Mai 1977 S. 18/19

Eine 90jährige erinnert sich

An meinem 90. Geburtstage gedachten so viele Bekannte und Freunde meiner, und es weilten auch offizielle Gäste - wie eine Abordnung der Landsmannschaft Schlesien - bei mir.

Dieser Tag nun hat mich aber doch zu einem Rückblick auf mein langes Leben, eben auf alles, was sich zutrug, veranlaßt. Wenn ich nun mein Leben wie einen Film vor mir ablaufen lasse, muß ich erkennen, wie sehr das Leben eines Durchschnittsbürgers - wie ich es bin - von den Ereignissen der Zeitgeschichte bestimmt wird und wie sich die Welt innerhalb von 90 Jahren verändert hat.

Ich bin am 15. März 1887 in Lüben geboren. Es war die Zeit, in der man gerade die ersten Fahrräder ausprobierte und Benz sein erstes Auto erfand. Heute kreisen Weltraumraketen um die Erde und die Menschen landen auf dem Mond.

Als ich Kind war, machte man die ersten Versuche mit dem Telefon. Heute kann man rund um den Erdball fernsprechen und sogar fernsehen, selbst wenn man sich auf einem Schiff mitten im Ozean oder im fahrenden Auto befindet. In meinem Elternhaus wurde mit Petroleum geleuchtet, mit Kohle geheizt, gekocht, geplättet und die Wäsche mit der Hand auf dem Waschbrett gewaschen. Es gab weder Waschmaschinen noch Spülmaschinen, weder Staubsauger noch Tiefkühltruhen, Heute verfüge auch ich über eine vollautomatische Küche, in der sich selbst jeder Quirl elektrisch dreht. Damals fuhr man zur Erholung mit dem Kremser in die Heide. Heute fliegt man mit Neckermann nach Mallorca.

Ich habe beim Kaisermanöver in Liegnitz "Hurra" geschrien und John F. Kennedy bei seinem Berlin-Besuch zugewinkt. 90 Jahre Politik von Bismarck bis Willy Brandt in vier verschiedenen Staatsformen mit allem, was diese dem Bürger zu bieten hatten, habe ich miterlebt bzw. auskosten müssen: Im Deutschen Kaiserreich bin ich geboren, ich erlebte die Weimarer Republik mit den "goldenen zwanziger Jahren", das "Dritte Reich", das mit der Zerstörung Deutschlands endete, und dann war es mir vergönnt, am Wiederaufbau als Bürger der Bundesrepublik Deutschland teilzuhaben.

Unter den drei Kaisern verlebte ich eine sorglose Kindheit und eine glückliche Ehe. An den Folgen des Ersten Weltkrieges starb mein Mann und ließ mich mit zwei kleinen Kindern zurück. In der Inflation am Anfang der zwanziger Jahre verloren ich und meine Angehörigen Vermögen und Lebensgrundlage. Der Zweite Weltkrieg nahm mir meinen einzigen Sohn. Und schließlich mußte ich nach dem Krieg 1945 auch noch allen Besitz in Schlesien zurücklassen und landete mit meiner Tochter nach einer dramatischen Flucht in Ratzeburg, im wunderschönen Naturpark Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein. Im Kreis lieber und hilfsbereiter Menschen wurde mir diese hübsche Inselstadt zur neuen Heimat. 1st es nicht erstaunlich, was ein heute 90jähriger alles miterlebt hat? Es sind 90 Jahre Lebensgeschichte, aber auch 90 Jahre Zeitgeschichte!

Elfriede Hoffmann geb. Tecklenburg
Ratzeburg, Jägerstraße 11