Allerlei Zeitdokumente - 1917-1922
Karten an den Alumnatsschüler Herbert Wiester von seiner Mutter und von Bekannten
Postkarte von 1918














Ein Konvolut Postkarten der Breslauer Familie Wiester aus den Jahren 1917-1922 enthält auch eine Karte seiner Mutter an den Sohn Herbert. Die Anschrift lautet: Städtisches Alumnat, Lüben i. Schlesien, Bahnhofstr. 11. Seit 1908 bzw. 1910 gab es zwei Alumnate in Lüben. Beide befanden sich allerdings in der Haynauer Straße. In der Bahnhofstr. 11 war die Spedition von Arthur Knispel. Leider besitze ich weder die Schuljahresberichte des Gymnasiums für die letzten Kriegsjahre noch Fotos dieser Schülerjahrgänge. Deshalb ist unsicher, ob es sich bei Herbert Wiester um einen Schüler oder einen Angestellten des Alumnats, vielleicht sogar den Alumnatsleiter, handelt. Die Anredeformel der Mutter lässt jedoch eher auf einen sehr jungen Mann schließen. Er könnte evtl. privat bei Knispel untergebracht gewesen sein. Interessant dazu die Information von Hans-Werner Jänsch, dass auswärtige Schüler, die nicht in eines der städtischen Alumnate aufgenommen werden konnten oder wollten, über viele Jahre bei der Wahl einer Privatpension der Einwilligung des Direktors bedurften!

An Herrn Herbert Wiester
Städt. Alumnat
Lüben i. Schlesien
Bahnhofstr. 11

Breslau, den 4.10.1917 Geliebter Junge! Ich bin gut hier angekommen, in Lüben hatte der Zug noch soviel Verspätung, daß ich in Liegnitz nur mit knapper Not den Breslauer Zug erreicht habe. Ich bekam aber noch einen guten Sitzplatz. Nora hat es in Freiburg sehr gut getroffen, sie läßt Dich vielmals grüßen. Hoffentlich bist Du gesund und munter, schreibe mir nur recht bald mal, wie es Dir geht. Tausend herzliche Grüße und Küsse von Deiner Mutter


Von der oberen Karte kennen wir schon Herberts Schwester Nora. Sie schrieb diese Karte 1919 aus dem Seebad Bansin an ihre Eltern in Breslau, wobei sie auch ihren Bruder Herbert grüßt. Ob sie selbst den Stempel mitten auf die Empfängeradresse gesetzt hat? Die Angaben stimmen genau mit denen des Adressbuchs Breslau 1936 überein!

28.7.1919
Herrn und Frau
Walter Wiester
Breslau 18
Kürassierstraße 32/34

Auszug aus dem Adressbuch Breslau 1935
Geliebte Eltern!
Schimpft nur nicht gar zu sehr, daß ich jetzt Euch so wenig schreibe. Die Zeit ist so furchtbar schnell vorbei und es ist jetzt ja gerade so himmlisch hier. Viele herzliche Grüße an Euch alle und Herbert von Eurer Nora
Absender gestempelt: Walter Wiester Breslau XVIII, Kürassierstrasse 32/34


Zwei Jahre später schreibt Mutter Else Wiester aus Wildungen an ihre Kinder in Breslau:

Herrn Herbert Wiester
Breslau 18
Kürassierstr. 32/34

Wildungen, den 31.3.1921
Lieber Junge!
Vielen Dank für Deinen lieben Brief. Vatel mußte heute ganz plötzlich nach Neusalz abreisen, um sich mit einem Herrn aus Holland zu treffen. Er kommt auch nach Breslau und in einigen Tagen auch wieder hierher. Mir geht's sehr abwechselnd, die Schmerzen langen noch zu, jeden zweiten Tag muß ich zum Arzt zur Behandlung, die auch nicht gerade wohltut. Hoffentlich seid Ihr gesund und fidel. Das Wetter ist sehr aprilmäßig. Viele herzliche Grüße an Dich, Norle und Luise Deine Mutter


Hier noch ein Schmankerl aus dem Jahr 1922! So etwas sehe ich nicht zum ersten Mal! Ich überlege, ob damit den Postangestellten die Chance zum Lesen der Privatpost genommen werden sollte oder ob man auf diese Weise ein höheres Porto sparen wollte... Mit etwas Konzentration ist der Text jedoch fast vollständig lesbar! Die Karte wurde in Obergläsersdorf geschrieben. Vermutlich von einer "Gräfin Gabriele Schwarz" - oder ähnlich, die Unterschrift ist nur zu erahnen. Da sie Langwitz erwähnt, könnte sie evtl. auch nur besuchsweise in Obergläsersdorf gewesen sein. Wem ist der Name bekannt?

4.1.1922
Herrn Herbert Wiester
Breslau
Güntherstraße

Ober Gläsersdorf, den 4. Januar
Lieber Herr Wiester!
Ihren lieben Brief erhielt ich heut und habe mich sehr über Sie und Ihre Treue gefreut! Danke Ihnen zunächst für Ihre Wünsche, und erwidere dieselben herzlichst. Möchte Gott Sie behüten und gesund erhalten und Ihnen zu einem guten Schicksal verhelfen. Ich freue mich auch sehr, daß auch die Berufsaussichten gut für meinen Herbert sind.
Wie tut es mir in Langwitz leid, Sie nicht empfangen zu können in schönen Stunden. Mit den treuesten Wünschen bin ich Ihre ... Gräfin Gabriele Schwarz
Vielleicht macht es sich später einmal durchführbar? Grüßen Sie Ihre lieben Eltern und sprechen Sie ihnen meine besten und herzlichsten Wünsche für's neue Jahr aus und sagen Sie ihnen meinen warmem Dank, daß sie stets so rührend...

... es ist doch einer der interessantesten Berufe. Sehr freut es mich, daß es Ihrer verehrten Frau Mutter und Ihrem verehrten Herrn Vater gut geht. Möchte es bei Ihrer fleißigen Mutter so anhalten. Und Ihr herziges Schwesterchen soll nach Dresden, dann wird sie diese Stadt der Kunst genießen. Mir tut es so leid, daß ich Sie jetzt niemals einladen kann, da ich jetzt hier ... selbständig bin.