Erinnerungen von Hans-Werner Jänsch
Käte John (1908-1991)














Ich bin 1924 in der Haynauer Str. 10 geboren, habe dort aber nur bis 1931 gelebt. Dann sind wir - nach dem Tod der Eltern meiner Mutter - in deren Anwesen auf den Bleicherdamm umgezogen. Darüber berichte ich auf einer gesonderten Seite.

Mein Großvater hieß Gustav Carl Lubrich, geb. 06.01.1861, gest. 03.11.1930. Zur Welt gekommen ist er in Wengeln, einem kleinen Dorf nördlich von Kotzenau, das zusammen mit Jakobsdorf ein gemeinsames Ortsbild abgab. Der Vater war "Freigärtner" (so nannte man dazumal wohl die Kleinbauern), über die Anzahl der Geschwister meines Großvaters weiß ich leider nichts mehr. Mindestens einen Bruder muss er jedenfalls gehabt haben, weil ich mich erinnern kann, dass uns in Lüben während des Krieges einmal ein Luftwaffenoffizier besuchte, der vorübergehend auf dem Lübener Flughafen Dienst leistete und sich als Vetter meiner Mutter bei uns vorstellte.

Mein Großvater ist mit 8 Jahren (Tod des Vaters) Halbwaise und mit 10 Jahren (Tod der Mutter) Vollwaise geworden. Er muss wohl ein guter Schüler gewesen sein, sonst hätte er es als Vollwaise und Kleinbauernkind sicher nicht in den Postdienst geschafft. In Lüben war er eine allseits bekannte und angesehene Persönlichkeit.

Die Großeltern hatten die Söhne Paul, Arthur, Alfred (gefallen im 1. Weltkrieg) und Kurt (fünfjährig verstorben an Diphterie), sowie die Töchter Töchter Margarete (meine Mutter), Herta, Frieda, Helene, Gertrud und Elli. Insgesamt sind mir von meiner Großmutter Luise Marie geb. Moratschke 13 Geburten bekannt, darunter waren wohl auch Totgeburten.

Meine Großmutter aus dem Haus Bleicherdamm Nr. 3 war auf dem Friedhof Lüben beigesetzt. Auf ihren Grabstein waren die Worte eingemeißelt: "Hier ruht in Gott unsere liebe Mutter, Witwe des Ober-Postschaffners, Luise Lubrich geb. Moratschke, * 17.7.1863   4.4.1932. Ruhe sanft"

Was meinen Onkel Paul Lubrich angeht, so darf ich erwähnen, dass er im Jahresbericht 1912 des Lübener Gymnasiums zweimal erwähnt wird. Anlässlich der Osterabschlussprüfung 1912 ist ihm als einzigem (offensichtlich wegen guter Leistung) eine Bismarck-Biografie überreicht worden. Seinen dort genannten Berufswunsch "Marine" hat er sich übrigens nie erfüllt. Nachdem er in der Schlosserei Behme in der Haynauer Str. das Schlosserhandwerk erlernt hatte, ist er anschließend zwar in Hamburg gelandet, aber nicht bei der Marine, sondern in dem großen Kupferkombinat.

Hans-Werner Jänsch 1927

Grab meiner Großmutter Luise Lubrich geb. Moratschke in Lüben

Meine Großeltern Marie-Luise und Gustav Lubrich mit den Töchtern Gertrud, Elli, Herta und Helene, wohl um 1915 im Garten Bleicherdamm

Meine Großeltern Marie-Luise und Gustav Lubrich mit den Töchtern Gertrud, Elli, Herta und Helene, wohl um 1915 im Garten Bleicherdamm


1941: Joachim, Margarete geb. Lubrich, Hans-Werner, Ernst Jänsch

Die Familie Jänsch 1941, von links: Joachim, Margarete geb. Lubrich, Hans-Werner, Ernst Jänsch

Mein Vater mit mir und meinem Vetter Horst (1937)

Vor unserem Haus Bleicherdamm Nr. 3 im Jahr 1939 hinten v. l. Onkel Max Joachim aus Berlin, meine Eltern Jänsch, vorn Bruder Jochen und Cousin Horst Joachim

Mein Bruder Jochen und ich im Jahr 1939

Mein Freund Günter John und ich beim Dreschen gelesener Weizenähren etwa 1940/41

Zu den vier Fotos, von links:
Mein Vater mit mir und meinem Vetter Horst (1937). Vor unserem Haus Bleicherdamm Nr. 3 im Jahr 1939 hinten v. l. Onkel Max Joachim aus Berlin, meine Eltern Jänsch, vorn Bruder Jochen und Cousin Horst Joachim. Im gleichen Jahr mein Bruder Jochen und ich. Mein Freund Günter John und ich beim Dreschen gelesener Weizenähren in unserem Hof Bleicherdamm Nr. 3 etwa 1940/41.

Gruppe der Frauenschaft im Jahr 1942 richtet Wintersachen für die Frontsoldaten her

Meine Eltern mit dem Ehepaar John 1956


Zum Bild der handarbeitenden Damen, das ich im Nachlass meiner Mutter gefunden habe, kann ich nach so langen Jahren nur sagen, dass mir zwar alle bekannt, einige Namen aber entfallen sind. Es zeigt eine Gruppe der Frauenschaft im Jahr 1942. Die Frauen richten Wintersachen für die Frontsoldaten her. Die zweite von links ist Tante Anna John, Muttel Jänsch in der Mitte, rechts die Leiterin der Gruppe Frau Gittig (Sattlerei). Frau John war etwa so alt wie meine Mutter und für mich und meinen Bruder die (Nenn-) Tante John, weil meine Eltern mit dem Ehepaar John eng befreundet waren. Auch Johns hatten zwei Söhne die beide geringfügig jünger waren als wir zwei. Sie wohnten in der Dragonerstraße Richtung Kaserne rechtsseitig im vorletzten Mehrfamilienhaus vor der von-Bredow-Straße im Souterrain. Frau John waltete in dem Haus, in dem sonst nur Familien des Mittelstandes wohnten, als Hausmeisterin. Daneben arbeitete sie bei der Arztfamilie Dr. Brörken als Reinigungskraft. Dr. Brörken hatte, bevor er das Einfamilienhaus in der Dragonerstraße baute, seine Praxis und Wohnung im gleichen Haus. Onkel Alfred John war bei Dr. Brörken als Chauffeur und Hausmeister angestellt. Das Bild rechts zeigt meine Eltern mit dem Ehepaar John beim ersten Wiedersehen nach der Vertreibung.

Hans-Werner Jänsch 1944

Die unsäglichen 15 Jahre des tausendjährigen Reiches gehören leider zu unserer Geschichte. Und ich habe keinen Grund, mich meines Vaters wegen eines Abzeichens auf seinem Jackett zu schämen. Er hat als schlichter und armseliger Hilfsarbeiter aus dieser Mitgliedschaft keinerlei Vorteile gezogen und niemandem Leid oder Schaden zugefügt hat.

Ich selbst war ja als Halbwüchsiger auch Jungvolkführer. Angesichts zahlreicher hochangesehener Lübener Persönlichkeiten mit Parteiabzeichen, darunter zahlreiche unserer Lehrer, wäre ich als Kind und Jugendlicher nie auf die Idee gekommen, einem verbrecherischen System zu dienen. Das ist mir erst während meiner 5-jährigen Gefangenschaft in Russland klar geworden, als wir dort die Massengräber öffnen mussten, in denen neben (möglicherweise) Partisanen auch Hunderte von Frauen und Kindern verscharrt worden waren.

Als ich Lüben verließ, um in einen mörderischen Krieg zu ziehen, ahnte ich nichts von den schrecklichen Ereignissen, die mir bevorstanden, von Tod und Leid, die ich erleben musste, von meiner bevorstehenden fünfjährigen Kriegsgefangenschaft und dass ich Lüben nie wieder so sehen würde, wie ich es verlassen hatte.
Hans-Werner Jänsch, 2011