Erinnerungen an die Familie Vogelweider
Die Lübener Lehrer














Oliver Scholz erforscht das Leben seiner Lübener Vorfahren. Seine Großmutter Erna Vogelweider hatte sieben Geschwister, die bei der Flucht zwischen 9 und 25 Jahre alt waren. Ihre Eltern waren Frieda und Paul Vogelweider. Sie wohnten in der Liegnitzer Str. 12. Die Kinder waren Gerhard (1920-1942), Erna (1921-2009), Kurt (1925-1977), Martha (1927-1945), Grete (1928-1945), Fritz (1933-1992), Gerda (* 1934) und Helmut (1936-1996).
Meine Mutter Ursula Moch besuchte die gleiche Klasse der Volksschule wie Erna und Gerhard Vogelweider. 3 Kinder der Vogelweiders überlebten den Krieg nicht. Bruder Gerhard starb 1942 in einem Kriegslazarett im besetzten Simferopol. Martha und Gretel starben im Bombenhagel von Dresden, wohin sie ihre Flucht aus Lüben geführt hatte. Dem Verlobten ihrer Schwester Gretel überbrachte Erna persönlich die traurige Nachricht. Die beiden Überlebenden schlossen später den Bund fürs Leben und bewahrten so auf ewig die Erinnerung an Gretel. Nur wenige Erinnerungsstücke haben Krieg und Flucht überlebt. Darunter kaum Fotos aus der Vorkriegszeit. Deshalb können hier nur wenige gezeigt werden:

Hochzeit von Erna Vogelweider und Erich Richter am 20.8.1946

Gretel Vogelweider, am 14.2.1945 mit Schwester Martha
in Dresden im Bombenhagel ums Leben gekommen.

Gerda Vogelweider, die einzige der Schwestern, die 2019 noch lebt.

Zwei Zeitungsausschnitte haben Krieg und Flucht überlebt. Sie müssen von großer Bedeutung für die Familie gewesen sein. Ein zerrissenes, wieder zusammengeklebtes Bild zeigt die Bahnhofstraße in Lüben. War es das einzige Foto ihrer Heimatstadt aus der Vorkriegszeit oder worin mag seine große Bedeutung gelegen haben? Das zweite ist ein Bericht über ein "Kriegswinterhilfswerk-Konzert" im Hotel zum Löwen! Erich Richter spielte in dieser Militärkapelle und war stolz auf den Erfolg! Bei diesem Konzert lernte er die Vogelweider-Mädchen kennen.


Letzter Brief von Gerhard Vogelweider aus Russland

Rußland, den 29.3.1942
Liebe Eltern und Geschwister
Nun muß ich mich aber schnell einmal für die
letzte Post bedanken. Am Mittwoch bekam ich
nun auch das Päckchen und mit dem Schneehemd, was
ich ja nun nicht mehr gebrauchen kann, denn jetzt
heißt es wieder "grau wie die Erde ist unser Kleid".
Zum Glück war ja auch etwas zu essen dabei, was
ja besondere Freude machte. Heut ist nun Sonntag,
da kamen 3 100g-Päckchen an, da habe ich nun
schon das zweite Mal mit Sonntagspost Glück.
Genauso danke ich der Gretel für den Brief und Päck-
chen, was ich von ihr bekam. Ihr werdet es ja wieder
verstehen, wie knapp bei uns die Zeit ist, daß ich
jedem einzeln einen Brief schicken könnte. Nun
vielen Dank an Euch liebe Eltern für die Post. Genau
danke ich der Marthel. In 8 Tagen ist nun
Ostern, da wird mein Ostergruß gar nicht mehr
hinkommen. Dann wünsche ich Euch nachträglich
alles Gute. Wir haben nun schon schöne Frühlingstage,
die ja bei Euch auch sein werden. Bin sonst noch
gesund und munter, was ich auch von Euch hoffe. Nochmal
vielen Dank der Post.
Es grüßt Euch vielmals Euer Gerhard!




Erna Vogelweider (*1921) und Käthe Schmidt (*1924) waren Freundinnen seit dem Besuch der Volksschule in Lüben. Sie blieben auch nach dem Krieg miteinander in Kontakt und halfen sich, den Verlust der Heimat und ihrer Liebsten zu verwinden.
Ernas Enkel Oliver Scholz übermittelte mir die Reime, die Käthe ihrer Freundin Erna zum 70. Geburtstag geschrieben hat. Legen Sie keinen literarischen Maßstab an die Verse. Erkennen Sie darin aber die jahrzehntelange Freundschaft zweier Mädchen, ihre starken Erinnerungen an die Heimatstadt Lüben und ihre Schulzeit. Danke dem Enkel und der Tochter von Erna Vogelweider!
Zum 70. Geburtstag
Hallo Erna, ein Stückerl Heimat sind wir,
zu Deinem 70. Geburtstag gratulieren wir!
Ich dreh heut mal die Zeit zurück,
als wir vor vielen Jahren
vergnügt und glücklich mit Eltern und
Geschwistern in der Heimat waren!
Mit immer frohem Sinn liefen wir als
Kinder in die Lübener Schule hin.
Was waren wir wißbegierig,
neumal klug und klein,
jeder ging, je nach Alter in
eine andere Klasse rein!
Vor der Lehrerschaft hatten wir großen Respekt.
Zu Strafen hat so mancher den Hintern
oder die Hände hingereckt.
Die Rektoren wechselten vom Kienast
bis zum Riedel.
Lehrer Kutzner und Lehrer Bartsch
gaben Unterricht mit der Fiedel!
Zwei Schulz` gab es, der eine klein und dick,
der andere dürr und lang.
Fräulein Heintze setzte nach Fleiß,
rauf und runter in der Bank.
Turnen und Handarbeit
hatten wir bei Fräulein Stahlbock!
Fräulein Zemke saß immer auf meinem Tisch.
Ich bemalte mit Kreide ihren Rock.
Ich zähl die andern auf, es ist mir doch egal,
heut singen wir ja sowieso, es war einmal!
Lehrer Klaß, Lehrer Zerna, Lehrer Jerke,
Lehrer Büttner, vor dem haben wir gezittert,
der war sehr ernst und streng,
und wir darum verbittert!
Fräulein Scheitzel, Fräulein Zingel, merkt ihr was?
Es waren alles alte Jungfern,
wie erklärt ihr das?
Frau Heinrich schickte meine Aufsätze ein,
das konnte ich immer sehr gut, ob groß oder klein!
Das Kochen bei Fräulein Stahlbock
War einfach wunderbar,
da waren wir fast Damen, das ist wahr!
Als Knospe sind wir dann erblüht
in dieser schönen Stadt.
Das Herzerl heiß und oft verliebt
weil's schmucke Soldaten gab.
Getanzt haben wir nur kurze Zeit,
nach Mallmitz zu laufen, waren wir immer bereit!
Verboten war vom Herrn Papa der Tanz
im "Frieden" und "Lamm" in der Steinauerstraße.
Hielten wir uns nicht daran, gab's Schläge,
es tropften Aug und Nase.
Denn damals durfte geschlagen werden
ohn Unterlaß,
da wurde so manchem übel,
und die Hose naß!
Im Beruf warst Du bei Forchner,
konntest mit Blumen gut umgehen,
ich wurde Kindergärtnerin, deshalb hat
man sich nicht mehr so oft gesehen.
Dann kam der Krieg, das große Leid,
mußten die Heimat verlassen.
Aber all diese Erinnerungen können nie verblassen.
So wünschen wir Dir Gesundheit
und ein bißchen Glück.
Schau immer vorwärts, aber manchmal
in einer stillen Stunde zurück.
Von ganzem Herzen eine schlesische Lerge
Käthe Meier geb. Schmidt

Fast alle hier genannten Lehrer der Volksschule Lüben sind auf einer Einzelseite zu sehen!