Judengasse - Schloßstraße
Kaiser-Wilhelm I.-Denkmal














Judengasse 1916, Foto aus dem Nachlass von Fritz Peschel

Dieses Foto befand sich im Nachlass von Fritz Peschel und ist mit dem Hinweis "Judengasse Lüben 1916" versehen.
Fritz Peschel war der jüngste Sohn des Fuhrunternehmers Ernst Peschel (1875-1957) aus der Kasernenstraße 4/5. Aus seiner Kindheit und Jugend muss Fritz Peschel den Namen Judengasse noch gekannt haben. Im Stadtplan von 1930 (also noch vor der NS-Zeit) ist die Bezeichnung nicht mehr enthalten. Um die alte Gasse zu lokalisieren, stelle ich hier zwei Ausschnitte aus den Stadtplänen von 1715 und 1930 gegenüber.

Ausschnitt aus dem Stadtplan 1715

Ausschnitt aus dem Stadtplan 1715

Ausschnitt aus dem Stadtplan 1930

Ausschnitt aus dem Stadtplan 1930

Konrad Klose beschreibt in seiner Chronik, die 1924 herausgegeben wurde, den Stadtkern folgendermaßen: "Die Stadt selbst in ihrem ursprünglichen Zustande können wir uns kaum primitiv genug vorstellen. Ihr Grundriß ist der für die schlesischen Städte typische. Den Mittelpunkt bildet der große Ring mit dem Rathaus in der Mitte... parallel zur nördlichen und südlichen Ringseite laufen die beiden einzigen Seitenstraßen der inneren Stadt, die Mälzer- und die Judengasse."
Auf Seite 186 vergleicht er die Anzahl der Häuser damals und zu seiner Zeit: "So nach den Katasterakten und den Inventarakten. Der Ring zählte 33 jetzt 31, die Niederglogauer Str. 23 jetzt 21, die Oberglogauer Straße 26 jetzt 19, die Judengasse 12 jetzt 13 Häuser (Schloßstraße 11 und 12 wurden jedenfalls erst nach Abbruch des Judenturmes erbaut), die Steinauer Straße in der inneren Stadt damals 18 jetzt 14, die Liegnitzer Straße 13 jetzt 11, die Tiefe Straße 15 jetzt 14, die Mälzergasse 7 jetzt 5, die Kirchgasse 6, die Schulgasse 6 Häuser."

Daraus schließe ich, dass die Gasse bis in die 1920er Jahre Judengasse hieß und suche das hier abgebildete Motiv auf dem letzten Stadtplan... Ich bin nicht ganz sicher, wo das Foto aufgenommen wurde, weil sich Bebauung und Bezeichnungen geändert haben. Ich vermute, dass der Fotograf dort stand, wo ich das Kreuz gemacht habe, und in Richtung ehemalige Judengasse, spätere Schloßstraße fotografiert hat.

Wann und warum der Straßenname geändert wurde, habe ich bisher nicht herausgefunden. Bis zuletzt hatte die ehemalige Judenstraße, die am Hotel Grüner Baum in den Ring mündete, überhaupt keinen Namen. Vielleicht wurde sie deshalb von den Lübenern einfach weiter Judenstraße oder Judengasse genannt. Mit welchem Unterton wissen wir nicht.

Um so sicherer wissen wir, dass auch Lübener Juden in Treblinka und Theresienstadt ermordet wurden. Für eine jüdische Lübener Familie konnte ich Gedenkseiten anlegen. Niemand weiß, wie viele Lübener Juden die NS-Herrschaft überlebt haben. Konrad Klose nennt auf Seite 540 die Anzahl jüdischer Einwohner im Kreis Lüben zwischen 1788 und 1910.
1910 hatte der Kreis 33 067 Einwohner. Davon waren 46 Juden. Also 0,14 % der Einwohner. Glaubten die übrigen 99,86 % wirklich, an all ihren Problemen sei diese winzige Bevölkerungsgruppe schuld und wenn sie verjagt, ausgeraubt, deportiert und ermordet würden, ginge es der Mehrheit besser?

Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Aber wir können wissen, was geschah, und entsprechend handeln.