Kotzenauer Wappen
Die Kotzenauer Familie Andrusch
Kotzenau














Hätten Sie gedacht, dass jemand auf diesem Foto des Kotzenauer Schützenvereins von 1924 noch einen der Schützen erkennt? Gottfried Andrusch ist es gelungen, Nr. 30 seinen Vater Hermann (1871-1943), damals Obergärtner in der Gräflichen Gärtnerei in Kotzenau, ganz sicher zu erkennen! Und nicht nur ihn, sondern weitere Kotzenauer wie Nr. 29 Zahnarzt Justin Bieske und in Nr. 56 Oberförster Bruns. Gottfried Andrusch ist heute 96 Jahre alt! Sein Sohn Bernhard Andrusch stellte den Kontakt zu mir her und übermittelte die wenigen Bilder, die die Familie über die Flucht gerettet hat, zur Veröffentlichung.

Auf dem folgenden Bild sehen wir das kleine Blumengeschäft der Andruschs in der Gartenstraße 1 in Kotzenau. Die Familie wohnte im gleichen Haus in der zweiten Etage. Das Haus gehörte Zahnarzt Justin Bieske. Dessen Familie bewohnte die erste Etage.
Nachdem Hermann Andrusch als über 60jähriger seine Stellung verloren hatte, versuchte seine Ehefrau die Familie mit dem Verkauf von Blumen über Wasser zu halten. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise, die auch in Kotzenau ankam. Frau Andrusch fand eine Anstellung in Liegnitz. So zog die Familie um 1932 dorthin.

Die Kinder der beiden Familien, Gottfried und Ursula (Andrusch), Johannes, Rudolf und Margarete (Bieske) spielten gelegentlich zusammen. Auf dem folgenden Foto links sind alle fünf abgebildet.

Wildwest in Kotzenau 1931: Von links: Johannes Bieske (nicht sicher erkannt), Gottfried Andrusch, Rudolf Bieske als Chinese mit Wasserpfeife, Ursula Andrusch und Margarete Bieske

Ursula Andrusch bei ihrer Einschulung Ostern 1931 an der Eingangstür zum Wohnhaus Gartenstr. 1 neben dem Blumengeschäft.

In den 1970er Jahren besuchten Gottfried Andrusch und seine Schwester Ursula ihre alte Heimat, heute Chocianów. Obwohl Familie Andrusch schon Anfang der 1930er Jahre nach Liegnitz umgezogen war, standen die beiden mit wehmütigen Gefühlen vor den Stätten ihrer Kindheit. Da war immer noch der Laden, der einst Andruschs Blumenhaus war, da war immer noch der Eingang mit den drei Stufen, auf dem Ursula als Schulkind stolz mit ihrer Zuckertüte posiert hatte, und unter dem Dach die Fenster zu ihrer Wohnung! Und noch eine Erinnerung löste der Anblick aus! An der Ecke ein polnisches Lebensmittelgeschäft! Einst war es ein jüdisches Bekleidungsgeschäft, das dem freundlichen Herrn Berthold Fraenkel gehörte. Er hatte den Kindern die Wildwest-Kostümierung kostenlos zur Verfügung gestellt! Dankbar erinnerten sie sich an den netten Herrn. Die Gedenkseite für die Opfer des Holocaust Yad Vashem erinnert an mehrere Berthold Fraenkel. Ihrer aller soll hier gedacht werden!


Bernhard Andrusch schreibt abschließend:
Ich finde es phantastisch, dass wir Nachkommen unserer Großelterngeneration hier Verbindungen finden, die uns näher bringen, obwohl wir uns nie gesehen haben.
Ich bedauere es schmerzlich, dass uns meine väterlichen Großeltern kaum mehr als diese wenigen Bilder hinterlassen konnten. Auch verzeihe ich es mir nicht, dass ich, als die Möglichkeit noch bestand, nicht mehr mündliche Überlieferungen meiner Großmutter gesammelt habe. Als sie noch lebte, war ich ca. 20 Jahre alt und habe mich einfach zu wenig für ihr Schicksal interessiert! Man ist einfach nicht auf die Idee gekommen, ihr Gelegenheit zu geben, sich das Erlebte von der Seele zu reden. Sie war eine ungemein liebenswerte Oma, die sich nie aufgedrängt hat. Welche Freude würde es ihr bereiten, heute diese Seite zu sehen!
Bernhard Andrusch, Februar 2019