Pfarrer Rudolf Irmler (1907-1999)
Familie Jänsch














Pfarrer Rudolf Irmler (1907-1999)

Pfarrer Irmler wurde am 11.8.1907 in Lüben als Sohn des Klempnermeisters Otto Irmler geboren. Er genoß schöne Kinder- und Jugendjahre in der Geborgenheit der Familie. Sein Vater, der sehr eng mit den Schönheiten der Heimat verbunden war, brachte auch ihm Kunstdenkmäler und Natur, speziell das Riesengebirge nahe.

Wahrscheinlich war der von Konrad Klose genannte Kantor Paul Irmler, der von 1888-1910 in der Stadtpfarrkirche wirkte, ein Onkel von Rudolf Irmler und trug indirekt dazu bei, dass sich Rudolf Irmler für diese Berufung entschied.

Nach dem Studium und einer Vikarzeit in Pilgramsdorf/Schlesien ging er von 1931 bis 1939 in ein Pfarramt nach Südbrasilien. Hier baute er ein reiches religiöses Leben mit den Gemeindemitgliedern auf. Er lernte die Lebensschwierigkeiten, den Urwald, die Weiten der Landschaft kennen - bald fühlte er sich wohl, da er schnell das Vertrauen der Einheimischen erworben hatte.

Rudolf Irmler mit Schwester und Vater um 1918 vor dem Geschäft in der Breiten Straße

Rudolf Irmler mit Schwester und Vater vor dem Geschäft Breite Str. 14

Während seiner Abwesenheit starb 1934 der Vater. Wie Rudolf Irmler über das politische Engagement seines Vaters für die NSDAP gedacht hat, darüber hat er sich nie geäußert. Es ist anzunehmen, dass es Differenzen gegeben hat, anders ist kaum zu verstehen, dass der Sohn erst Jahre nach dem Tod des Vaters zurückkehrte. Rudolf Irmler liebte seine Mutter ebenso sehr wie sie ihn. Über sie schrieb er in seinen Erinnerungen:

Meine Mutter

Als Adoptivkind ist sie in Petersdorf im Riesengebirge groß geworden. Ihre Eltern haben wir nicht kennengelernt, um so mehr aber die Pflegeeltern. In Lüben ist sie dann Geschäftsfrau geworden und hat diese Stadt immer als ihren Heimatort betrachtet. Schwer hat sie unter dem Tod meiner Schwester, der kleinen Hannchen, gelitten. Täglich ging sie auf den Friedhof zu ihrem Grabe. Daß ich Pfarrer geworden bin, habe ich zum großen Teil auch meiner Mutter zu verdanken, da sie meinen heimlichen Wunsch kannte und ihn mit verwirklichen half, indem sie in unserem Haus die kleinen Zimmer an alleinstehende Herren vermietete. Von dem Erlös ihrer Mühen konnte sie mir zu meinem Studium verhelfen. Später kam immer am Wochenende ein selbstgebackener Kuchen an meinem Studienort. Auf den warteten schon alle meine Freunde mit mir. Wenn ich zum Urlaub nach Hause kam, stand sie des Nachts am Bahnhof, um mich abzuholen. Manchmal brachte sie auch ein Geschenk mit, einen Füllfederhalter oder einen kleinen goldenen Ring.

Schwer war der Abschied vor meiner Reise nach Brasilien, die ich als junger Vikar antreten mußte. Aber sie hat mich vorher noch im Talar in unserer lieben Lübener Kirche auf der Kanzel gesehen und sich gefreut, daß ich mein Ziel erreicht hatte. Ihre Liebe zu mir ging auch weiter, als ich in Brasilien war. Jede Woche kam ein Brief, den sie am Abend beim Schein der Petroleumlampe schrieb. Er erzählte alles, was in der Familie geschehen war und was sich politisch in der beginnenden Zeit des Nationalsozialismus ereignet hatte. Eines Tages kam in Brasilien ein Eilbrief an. Ich ahnte schon, was die Mutter mir mitteilen würde: den Tod des Vaters. Sie nahm das so bewußt und getrost hin und mußte nun sehen, wie sie allein das Geschäft auflösen und ihr Brot verdienen konnte. Das tat sie viele Jahre, ehe ich nach Deutschland zurückkehrte. Sie war eine tapfere Frau und hat ihr Geschick mit Glaubenskraft und Zuversicht getragen.

Als ich nach acht Jahren aus Brasilien heimkehrte, stand meine Mutter wieder am Bahnhof. Ach, wie groß war ihre Freude! Ich habe ihr versprochen, nun bei ihr zu bleiben und ihr zu danken für all ihre Treue. Oft hat sie in Gottesdiensten, die ich in Lüben und später auch in den Dorfkirchen des Kreises zu halten hatte, gesessen. Sie war auch stolz auf ihren Sohn. Dann kamen 1945 die Russen und standen vor Lüben. Da habe ich Mutter mitgenommen auf die Flucht, erst nach Petersdorf und dann weiter nach Eger, wohin wir evakuiert wurden.

Später war ich einige Jahre als Landesgefängnispfarrer von Sachsen in Waldheim. In dieser schweren Zeit, wo wir kaum etwas zu essen hatten, betreute meine Mutter auch die vielen Angehörigen der Gefangenen, die in dem schrecklichen Gefängnis schmachteten. Sie wurde eine "Mutter der Gefangenen." 1953 evakuierte sie mit uns nach dem Westen. Dort hat sie noch zwei Jahre in Frankfurt und Kassel mit uns gelebt. Still und friedlich ist sie heimgegangen. Ihre Urne habe ich nach Marktheidenfeld kommen und sie hier auf unserem Diakonissenfriedhof beisetzen lassen. Ich werde meine Mutter niemals vergessen, denke oft an sie und bete für sie.

Rudolf Irmler in seinem letzten Buch "Erinnerungen", geschrieben, als er schon fast blind war.

Seine Mutter Ida Irmler 1879-1955

Seine Mutter Ida Irmler 1879-1955

Grabstein für seinen Vater Otto Irmler, um 1970 auf dem Friedhof in Lubin vom Sohn aufgefunden, ohne Grabstätte

Grabstein für seinen Vater
Otto Irmler, um 1970 auf dem Friedhof in Lubin vom Sohn
ohne Grabstätte aufgefunden


Sein seelsorgerisches Aufgabengebiet in der Kriegszeit wurden die Gemeinden Oberau, Gläsersdorf, Heinzenburg, Kriegheide, Seebnitz und Braunau, zeitweise mußte er in anderen Gemeinden vertreten. 1944 erhielt er den schweren Auftrag, zum Tode Verurteilten in ihren letzten Stunden beizustehen.

1945 ging er anfangs von daheim fort, aber sehr bald ging er wieder über die Görlitzer Neiße, es zog ihn nach Hause, zu den Menschen, die ihn brauchten. Er wirkte im Kreise Lüben und Steinau und betreute hier als Superintendent auch die Katholiken. Die Arbeit war außerordentlich schwer, denn bald gab es durch die polnischen Behörden, dann durch sowjetischen Schwierigkeiten, und hier erfuhr er seine ganz große Bewährung. Hier mußte er seine ganze Kraft einsetzen, denn es galt in dieser schweren Zeit mit unendlich viel Leid und Elend, den Menschen nicht nur tröstende Worte, vielmehr Taten zu geben. Er fuhr mit seinem alten klapprigen Fahrrad ohne Bereifung übers Land, hielt Gottesdienst, kümmerte sich vor allem um die schutzbedürftigen Menschen. Ihm war es zu verdanken, daß die Insassen des Lübener Altersheimes nicht verhungerten.

Lesen oder hören Sie bitte auch die berührende Geschichte vom Jesuskind aus dem Lübener Weihnachtsaltar, das Rudolf Irmler gefunden, gerettet und zurückgegeben hat.

1947 erfolgte seine Ausweisung von Polen in die sowjetische Besatzungszone. Dort übernahm er das Landesgefängnispfarramt für Sachsen und verkündigte in Waldheim, Leipzig, Dresden und Bautzen das Evangelium. Wieder stand er einer schweren Aufgabe gegenüber. Mit seiner Geige half er manchem Leidgeprüften über die schwerste Stunde.

1953 ging er nach Westdeutschland und wurde ein Jahr später theologischer Mitarbeiter im Gustav-Adolf-Werk in Kassel. Viele Reisen führten ihn ins Ausland, z. B. in den Orient und wohl in alle europäischen Länder. 1963 übernahm er als Rektor die Leitung des Diakonissen-Mutterhauses Breslau-Lehmgruben in Marktheidenfeld. Er hatte eine Vielzahl von Plänen, so gelang es ihm u. a. einen größeren Anbau, der als Einkehrhaus für Erholungsuchende dient, und eine wunderschöne Kapelle zu bauen. Dort steht sein Lebenswerk sichtbar.

Am 8. Januar 1999 verstarb Pfarrer Irmler im 92. Lebensjahr.
Unvergessen von den Lübenern.

Eine ausführlichere Biografie finden Sie unter Kulturportal West-Ost

Pfarrer Rudolf Irmler (1907-1999)




Rudolf Irmler, Schläft ein Lied in allen Dingen Rudolf Irmler, Heimkehr Rudolf Irmler, Das Jesuskind fliegt nach Breslau Rudolf Irmler, Stätten der Stille Rudolf Irmler, Stimmen der Heimat Rudolf Irmler, Weihnachten leuchtet durchs ganze Jahr
Rudolf Irmler, Alles in uns schweige Rudolf Irmler, Australien wurde ihnen Heimat Rudolf Irmler, Erinnerungen Rudolf Irmler, Erlebt auf vielen Reisen Rudolf Irmler, Freude und Dank Rudolf Irmler, Getragen bis ins Alter
Rudolf Irmler, Ihre Heimat war Schlesien Rudolf Irmler, Immer nach Hause Rudolf Irmler, Revolution des Herzens - Jakob Böhme heute Rudolf Irmler, Wegweiser zum Unvergänglichen Rudolf Irmler, Weg und Ziel Rudolf Irmler, Gott läßt dich nicht allein

Fast unüberschaubar ist die Vielzahl seiner Veröffentlichungen, in denen neben religiöser Erbauung seine Erinnerungen an die schlesische Heimat, besonders Lüben, und seine Weltreisen festgehalten sind. In Internet-Antiquariaten sind sie alle erhältlich.


Pastor Irmlers Witwe, Frau Margarete Irmler (1922-2009), hatte mir erlaubt, die von Rudolf Irmler selbst vorgetragene Geschichte vom Schlesischen Zahnziehen auch als Hör-Datei zu veröffentlichen! Ein großes Dankeschön auch an den Heimleiter des Diakonischen Seniorenzentrum Haus Lehmgruben in Marktheidenfeld, Herrn Gräßel, der mir uneigennützig viel Material von und über Pastor Irmler und seine Gattin zur Verfügung gestellt hat.

Das Schlesische Zahnziehen, erlebt und vorgetragen von Rudolf Irmler Rudolf Irmler: Das schlesische Zahnziehen
Wenn Sie die Geschichte von Rudolf Irmler selbst erzählt hören wollen, klicken Sie auf das Notensymbol. Wilhelm Busch 'Der hohle Zahn'

1945 bis 1947 in Schlesien, jenseits der Oder und Neiße. Es war eine schwere Zeit. Keine Obrigkeit, die für uns zurückgebliebene Deutsche eintrat, kein Arzt war zur Stelle, um einen Blinddarm zu operieren, und auch kein Zahnarzt war in dem weiten Gebiet der beiden Kirchenkreise Lüben und Steinau zu finden, den ich als Superintendent zu betreuen hatte.

Bei meinen Gottesdiensten saßen manche, von Zahnschmerzen geplagt, und baten mich schließlich, helfen Sie uns. Eine Frau meinte sogar: "Sie sind doch ein studierter Mann, Sie müssen doch Zähne ziehen können!"
In einer Mechanikerwerkstatt versuchte ich meine Kunst an einem Russen, der einen wackligen Vorderzahn hatte. Das geschah mit einer Kombizange. Es ging gut!
Und so besorgte mir die tapfere Diakonisse Schwester Helene aus Steinau eines Tages aus der verlassenen Praxis eines Zahnarztes zwei Zangen für Backen- und Vorderzähne, und eine Wurzelzange, die ich glücklicherweise nicht oft brauchte.

Wilhelm Busch 'Der hohle Zahn'

Nach einer Konfirmandenstunde kommt auch schon der erste Patient.
"Herr Pastor, können Sie mir nicht den Backenzahn ziehen, ich halt's vor Schmerzen nimmer aus."
Ich schaue mir den Zahn an, ein stark entwickeltes Exemplar!
"Ja, Junge, du bist das erste Opfer, dem ich einen Backenzahn ziehe. Ist dir nicht bange?"
Dem Burschen ist alles egal, Hauptsache, der Zahn geht heraus.
Wilhelm Busch 'Der hohle Zahn' Also setze ich die Zange an und ziehe und ziehe und zerre den Jungen mitsamt dem Stuhl durch die Stube.
Der schreit jämmerlich: "Hilfe! Hilfe! Hilfe!" Mir steht der Schweiß auf der Stirn. Da fällt mir plötzlich ein, daß mir der alte Tierarzt aus Lüben, der noch zurückgeblieben war, den guten Rat gab, den Zahn in seiner Achse ein wenig zu drehen. So ähnlich steht es auch bei Wilhelm Busch! Das tue ich nun!
Der Zahn löst sich und der Junge atmet auf. Damit hatte ich meine Gesellenprüfung als Zahnarzt bestanden.

Nun ging das Zahnziehen immer besser. In zwei Jahren bekommt man eine gewisse Erfahrung und Technik. Überall sprach es sich herum: Unser Pastor kann Zähneziehen! Natürlich alles ohne Betäubung und Medikamente. Die Zahnzangen führte ich immer bei mir. Bei gefährlichen Situationen wie Verhaftungen, Durchsuchungen ließ ich sie tief in meiner Hosentasche verschwinden und habe sie immer gerettet. Vor allem brauchte ich sie nach den Gottesdiensten in meinen 20 Gemeinden. Dabei kündigte ich nach der Predigt an: "Nach dem Gottesdienst ist in der Sakristei Gelegenheit zum Zähneziehen!"
Immer meldeten sich dann Patienten.

Wilhelm Busch 'Der hohle Zahn'

Vor allem in Köben an der Oder, der Stadt des Kirchenliederdichters Johann Heermann, wo die Leute aus der Glogauer und Wohlauer Gegend zum Gottesdienst kamen. Ich ließ aber immer nur einen in die Sakristei kommen. Die Gemeindeschwester redete als Sprechstundenhilfe beruhigend zu. Die drei Zangen, Wasserglas, Eimer und Rasiermesser - zum Lösen des Zahnfleisches - das war meine ganze Ausrüstung. Wurde einem Patienten übel, legten wir ihn auf eine Kirchenbank, bis er wieder zu sich kam.

Auch Polen und Russen hörten von diesem klerikalen Zahnziehen und stellten sich in den Sakristeien ein. Doch von ihnen verlangte ich ein Kilogramm Fleisch pro Zahn als Bezahlung, mußten doch unsere Altersheimbewohner nur von Kartoffelsuppe und Brot leben. Wie freuten sich die alten Menschen, wenn ich ihnen dann Fleisch brachte, und sagten beim Abschied: "Ach, ziehen Sie doch bitte recht viele Zähne, damit wieder etwas Fleisch in unsere Suppe kommt!"

Wilhelm Busch 'Der hohle Zahn'

Dem polnischen Bürgermeister von Steinau zog ich die Zähne des ganzen Oberkiefers.
"Hast du dir auch ausgerechnet, wie viel Fleisch das ausmacht?"
"Ja, ich denke, ein halbes Schweinchen!"
"Gut, bring es ins Altersheim!"
Alle Zähne wurden ihm gezogen und sein Rheuma verließ ihn. Das Schweinchen hatte er seinem Nachbarn gestohlen. Man sagte damals dazu zappzarapp.

Bisweilen wurde ich auf offener Straße angehalten, um an Ort und Stelle die Extraktion vorzunehmen. Frühjahr 1947, unweit Thiemendorf, ein herrlicher Sonntagmorgen, die Glocken läuten schon zu meinem Gottesdienst. Springen doch da zwei Polenfrauen aus ihrem Haus, halten mein Fahrrad fest und schon sitzt die eine auf dem Kilometerstein, sperrt ihren Mund auf, während sie mich mit gefalteten Händen bittet, sich ihrer zu erbarmen. So hole ich die Zange und befreie sie von ihrem bösen Zahn. Und auch ihre Tochter! Beide küssen mir die Hände, kommen aber dann nach dem Gottesdienst mit ihren Fleischpaketen.

Wilhelm Busch 'Der hohle Zahn'

In Zedlitz wurde es einmal gefährlich. Am Ende des Dorfes wohnte die polnische Großmutter mit dem kranken Zahn. Ich werde nach dem Gottesdienst von den Polen zu ihr geführt. Ich schaue mir den Zahn der alten Frau an und fühle ihren Puls.
"Nein", sage ich energisch, "ohne Betäubung kann ich der alten Frau den Zahn nicht ziehen. Das ist viel zu gefährlich!"
"Ziehen! Ziehen! Ziehen!", schreit die Alte. "Ich will sonst nicht mehr leben!"
"Und wenn sie dabei stirbt?", sage ich.
"Alles egal, dann sterben!", sagen die Angehörigen.
Gut. Es bleibt mir nichts anderes übrig. Ich ziehe den Zahn.
Doch was ist mit der Großmutter?! Sie sinkt auf ihrem Stuhl in sich zusammen und als wir sie auf das Sofa gelegt hatten, spüre ich keinen Puls. Was soll jetzt werden? Da kommt mir ein rettender Gedanke! Ich gehe in die Küche und hol einen Topf mit kaltem Wasser und gieße ihr das Wasser übers Gesicht.
Da schlägt sie ihre Augen auf und fragt: "Ist der Zahn schon raus?"

Wilhelm Busch 'Der hohle Zahn'

Es ist auch vorgekommen, daß ich einen falschen Zahn erwischte, während der Übeltäter daneben steckte. So zog ich einem Russen einen gesunden Augenzahn.
Am nächsten Tag kommt er mit seinem Revolver: "Du hast falschen Zahn gezogen! Ich schieß dich tot!"
Ich besehe mir den Schaden und stelle fest, der nächste ist dran. Auch den ziehe ich. Ganz stolz bittet er mich später, ich solle ihm nun zwei goldene Zähne einsetzen. Er wollte doch schon so lange einmal Goldzähne besitzen.
Doch das konnte ich nicht!

Auch manche Wunde hat mein Zahnziehen geheilt. In den russischen Kolchosen, in denen unsere Deutschen arbeiten mußten, ist mir jeder Gottesdienst verboten worden. Doch wir kamen alle 14 Tage heimlich zusammen in einer Stube oder Küche. Am Abend feierten wir in der schon bekannten Küche Konfirmation. Es waren mutige Menschen, die sich da trafen. Alles ging gut vorbei. Nach dem Vaterunser und Segen trennte man sich und ging einzeln nach Hause, damit nichts auffiel. Doch Nikolai, der russische Kommandant, hatte alles am nächsten Morgen erfahren. Er raste auf die Straße vor Wut und ergriff einen alten Mann, den er in seinem dunklen Mantel für den Pastor hielt, schlug auf ihn ein und sperrte ihn in den berüchtigten Keller. Viele Stunden saß der Alte dort, bis seine Tochter dem Kommandanten klarmachte, daß der Pastor ein ganz anderer, ein viel jüngerer sei.

Wilhelm Busch 'Der hohle Zahn'

Wieder bin ich in dieser Kolchose, um einer Sterbenden das Sakrament zu bringen. Da erschrecke ich. Nikolai steht in voller Größe an der Straße, nimmt mein Fahrrad weg, stellt es an den Baum und ruft: "Du mir helfen! Du mir helfen!"
Dabei zeigt er auf seine rechte Gesichtshälfte, setzt sich auf den Kilometerstein und öffnet seinen Mund.
Richtig! Ein böser Backenzahn! Bald ist der Übeltäter entfernt. Der Russe verzieht keine Miene.
Er lacht wie ein Kind und sagt: "Du mein Freund!", greift in die Tasche und zieht die Złoty-Scheine heraus.
"Nein! Du mein Freund! Du brauchst mir nichts zu zahlen! Ich will dafür die Erlaubnis zum Gottesdienst von dir!"
"Gottesdienst?! Nein! Nix Gott! Ich Atheist! Ich Kommunist!"
"Gut, du Kommunist. Deine Leute und ich aber Christen!"
"Dann gut, du ein Gottesdienst halten für ein Zahn, den du mir gezogen hast!"
"Ein Zahn - ein Gottesdienst? Nein! Dann viele Zähne für mehr Gottesdienste bei dir ziehen!" Der Kommandant lacht. "So viele Zähne hier oben - so viele Gottesdienste kannst du halten", sagt er.

Nun schicke ich Boten durch die Kolchose: "Heute abend könnt ihr alle kommen, ohne Angst! Einem Kommandanten ist ein Wunder geschehen!"
Am Abend sitzt die Gemeinde vollzählig in der Bauernküche.
Ganz vorn der Opa, der an meiner Stelle eingesperrt wurde, mit seinem verbundenen Arm.
Und die ganze Gemeinde singt "Lobe den Herrn, den mächtigen König der Erden".
Der Opa sagt zum Schluß: "Also habe ich doch nicht umsonst im Keller gesessen!"

Rudolf Irmler