Dr. Hans W. L. Freudenthal  (1902-1997)
Erich Menzel (1905-1945) und Else Menzel geb. Zingel (1898-1945)














Dr. Hans W. L. Freudenthal  * 19.7.1902   29.6.1997

Es war nicht viel, was bisher über den Studienassessor Freudenthal am Lübener Gymnasium 1930/31 bekannt war.
Ein verwaschenes Foto, ein paar Informationen im Kunze-Jahrbuch 1931, das war alles. Kein Lehrer, kein Schüler des Gymnasiums erinnerte später daran, dass der Dreißigjährige im April 1933 aufgrund eines 3 des neu geschaffenen
NS-Gesetzes, trotz erfolgreicher Arbeit als Lehrer, trotz seiner Promotion zum Dr. phil., wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem Schuldienst entlassen worden war. Immer wieder wurde nach 1945 behauptet, man habe "von alledem" nichts gewusst. Auch Jahrzehnte später wurden diese Entlassungen nicht infragegestellt, sondern totgeschwiegen.
Aus Scham? Aus Feigheit? Aus Mitverantwortung? Warum?

Die Lehrer des Reformgymnasiums Lüben nach Ostern 1930

Die Lehrer des Reformgymnasiums Lüben nach Ostern 1930: Von links, stehend: Studien-Assessor Hans Schumann (Oberstudiendirektor), akademischer Zeichenlehrer Friedrich-Wilhelm Halfpaap (Oberlehrer), Studienrat Paul Fiedler, Erwin Vetter (Studienrat/Oberstudiendirektor), Studienrat Dr. Konrad Weisker, Studien-Assessor Arved Haase, Studien-Assessor Hans W. L. Freudenthal, sitzend: Oberlehrer Gustav Zingel, Studienrat Dr. Albert Krusche, Studiendirektor Erich Tscharntke, Studienrat Heinrich Munderloh, Studienrat Dr. Martin Treblin.

Informationen im Kunze-Jahrbuch 1931

Es gab das Gerücht, auch Dr. Hans Freudenthal sei dem Holocaust zum Opfer gefallen. Niemand wusste etwas über ihn. Bis mir Wolfgang Tscharntke (* 1918), Sohn des Lübener Schuldirektors Erich Tscharntke (1882-1967), die Kopie eines Briefes übergab, den Hans W. L. Freudenthal seinem ehemaligen Vorgesetzten am Lübener Gymnasium zum Jahreswechsel 1961/62 geschrieben hat! Wir erfahren daraus, wie er zu ihm stand, welche Gefahr ihm unter den Nazis drohte und wie er dem mörderischen Schicksal entfliehen konnte, das so viele Juden, darunter auch namens Freudenthal erlitten. Dieser Brief veranlasste mich schließlich, nach den Spuren von Hans Freudenthal zu suchen.

Brief von Hans W. L. Freudenthal an Erich Tscharntke aus dem Jahr 1967

Sehr verehrter Herr Direktor Tscharntke,

Durch Zufall stiess ich auf Ihren Namen in einer
Nummer der "Lübener Heimatblätter", die mir meine
ehemalige Lübener Wirtin, Frau Helene Müssig (jetzt
in Baltimore/Maryland lebend), von Zeit zu Zeit zustellt.
Meine Freude, Sie unter den Lebenden zu wissen, ist
gross, zumal mir einige Jahre nach Kriegsende die
gottlob falsche Nachricht zugegangen war, dass die
Tscharntkes alle im brennenden Breslau umgekommen
seien! Sie werden sicher erstaunt sein, von einem
Ihrer ehemaligen Assessoren - damals sehr jung und
nun schon etwas von der Last der Jahre angeknabbert
- nach so vielen Jahren zu hören, aber ich habe Sie
als den letzten deutschen Chef, den ich gehabt,
stets in guter Erinnerung behalten. Auch habe ich
mit manchem Freund aus der alten Heimat Kontakt be-
halten (z. B. Pastor Konrad Feige). Die meisten
deckt freilich der kühle Rasen; und wer weiss, ob
ich nicht selbst zu den Opfern des Zweiten Welt-
kriegs gehört hätte, wäre ich nicht 1938, dem Rufe
an ein amerikanisches College folgend, nach USA ausge-
wandert (da ich bereits 1937 vorl. Wehrmachtsange-
höriger gewesen war). Die alte Heimat habe ich nie
wiedergesehen, obwohl ich zwischen 1953 und 1959
viermal in Europa (auch in Westdeutschland) als
Tourist weilte. Bin sehr glücklich (zum 2. Mal) ver-
heiratet und habe eine fast 15jährige Tochter, die
ausgezeichnet lernt. Seit 1945 bin ich hier in Wi-
nona/Minnesota (am Mississippi) und amtiere als
Prof. of History am College of St. Teresa. Dass es
mir in all den Jahren sehr gut gegangen ist, kön-
nen Sie sich denken. Meine in Deutschland verblie-
benen Angehörigen (Schwester und Mutter) haben den
Krieg gut überstanden - meine Mutter ist 92 und lebt
im Rheinland.

Gern würde ich von Ihnen hören und erfahren wie
es Ihnen und Ihrer Familie geht.
Zum neuen Jahr sende ich Ihnen und den Ihren
meine besten Wünsche und die herzlichsten
Grüsse.

Ihr sehr ergebener
Hans W. L. Freudenthal

503 Main Street
Winona, Minnesota (USA)

Dieser Brief berührt mich in vielerlei Hinsicht. Auf einige Aspekte möchte ich Sie aufmerksam machen. Mir fällt auf, dass Hans W. L. Freudenthal jüdische wie auch katholische Wurzeln hatte. Er selbst war Katholik, wie im Kunze-Jahrbuch von 1931 festgehalten ist: Bekenntnis: k (kath). Wir wissen aber auch, dass die Nazis mit mathematischen Formeln aus dem Anteil jüdischer Vorfahren eines Menschen sein Todesurteil "berechneten". Freudenthals Entlassung aus dem Schuldienst 1933 war nur der erste Schritt auf dem Weg dorthin. 1938 wurden die letzten Gesetze zur Ausschaltung der Juden aus dem gesellschaftlichen Leben in Deutschland erlassen, bevor ihre physische Vernichtung begann. Freudenthal folgte gerade noch rechtzeitig einem Ruf an das Seton Hill College in Greensburg/Pennsylvania, 1945 an das St. Teresa College in Winona.

Darüber hinaus berührt mich, wie herzlich sich Freudenthal an seinen ehemaligen Chef wendet, von dem er wusste, dass er Parteimitglied gewesen war. "Der Krieg" war schuld, so nennt er, was geschehen war. Dabei erwähnt er den Kontakt zum ehemaligen Lübener Gymnasiasten Konrad Feige, einem Sohn des 1933 entmachteten Bürgermeisters Hugo Feige, dessen Erinnerungen ich auf meinen Seiten ebenfalls veröffentlichen darf. Der urteilt wesentlich schärfer.
Hans W. L. Freudenthal war ein junger Lehrer, Konrad Feige ein Gymnasiast.


Das Internet machte es schließlich möglich, Dieter Mielimonka, einen Freund von Hans Freudenthal und seine Tochter Claire Horton zu finden! Beide leben in den USA und erinnern sich voller Hochachtung an ihn, der schwer unter der Verfolgung durch die Nazis gelitten hat. Er hat seiner Familie und seinen Freunden wundervolle Erinnerungen an Deutschland weitergegeben, an Breslau, Leipzig, Lüben... Aber alle Erzählungen endeten 1933. Deshalb weiß niemand Einzelheiten über die Flucht aus Nazi-Deutschland. Es gibt sehr wohl Fotos aus seiner eigenen Schulzeit und aus seiner Studienzeit. Aber keine Dokumente über seine späteren Erfahrungen.

Schon am 7. April 1933 war das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums - die Bezeichnung, welcher Hohn! - in Kraft gesetzt worden: Hunderte Beamte, darunter Direktoren, Oberstudienräte und Studienräte, wurden in der Folgezeit entlassen.

1933 Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums  3

Darunter auch Dr. phil. Hans Freudenthal, wie in seinem Personalbogen (Blatt 3) festgehalten ist: Er war im Lübener Gymnasium tätig vom 1.4.1930 bis zum 28.4.1933. Auf Blatt 1 ganz oben ist handschriftlich vermerkt: "1.5.33 beurlaubt (G. W. B. B.  32) Auf Grund von 3 G. B. B. in den Ruhestand versetzt."
2 Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 3

Mehr zu seiner Beurlaubung und Entlassung auch im Kunze-Kalender 1933/34 und 1934/35.

Dr. Hans Freudenthal nutzte 1938 seine vielleicht letzte Chance zur Flucht aus Deutschland. Was er in den Jahren zuvor erlebt und wie er überlebt hat, davon sprach er nie. Deshalb kann an dieser Stelle davon nicht berichtet werden. Am 3. Juli 1997 erschien in "Winona Daily News" der folgende Nachruf, aus dem wir einiges über sein Leben erfahren:


Abschrift des Nachrufs:

Hans W. L Freudenthal

July 19, 1902 - July 29, 1997
Dr. Hans W.L Freudenthal, 94, of 520 Hubert St., died Sunday, June 29, 1997, at St. Anne Hospice.
He was born July 19, 1902, in Breslau, Germany, to Richard and Eva (Sedlacek) Freudenthal.
He was educated at St. Thomas Academy and the universities of Leipzig and Breslau, where he received his doctorate in 1926. After teaching at academies in Germany, he came to the United States in 1938 to teach Comparative Literature at Seton Hill College in Greensburg, Penn.
In 1943 he married Elizabeth King of Crystal Lake, III. He joined the faculty of Carlton College in Northfield to participate in the Army Specialized Training Program (ASTP), teaching German to prospective U.S. Army officers.
In 1945 he came to Winona to teach history at the College of St. Teresa until his retirement in 1970. During these years he also taught courses at Winona State University and St Mary's College.
In 1956 he received the Catholic Action Medal from Bishop E. A. Fitzgerald. On the occasion of the golden jubilee of his doctorate (1975), the University of Cologne (Germany) conferred the highest honors on him.
On February 26, 1986, he was awarded the Cross of Merit Class by the Federal Republic of Germany in recognition of his distinguished service.
He is survived by his wife, Betty; a daughter, Claire Horton of Berkley, Mich.; and two grandchildren, Elisabeth Horton of Winona and Sean Horton of Olympia, Wash. He was preceded in death by his sister, Liselotte Dohm.
There will be Memorial Mass at 10 a.m. on Saturday, July 5, at Cathedral of the Sacred Heart; the Msgr. Roy Literski will officiate. There will be no Visitation. The body has been cremated.
Memorials may be directed to St. Anne Hospice. Fawcett Funeral Home is assisting the family with the arrangements.
Übersetzung des Nachrufs:

Hans W. L Freudenthal

19.7.1902 - 29.7.1997
Dr. Hans W. L. Freudenthal, 94, Hubert-Str. 520, starb am Sonntag, dem 29. Juni, 1997, im St. Anne Hospiz.
Er wurde am 19. Juli 1902 in Breslau als Sohn von Richard Freudenthal und Eva geb. Sedlatzek1 geboren.
Er absolvierte die Thomas-Schule in Leipzig und die Universitäten Leipzig und Breslau , wo er im Jahre 1926 promovierte. Nach einer Lehrtätigkeit an deutschen Gymnasien kam er 1938 in die Vereinigten Staaten, um Vergleichende Literaturwissenschaft am Seton Hill College in Greensburg/ Pennsylvania zu lehren.
Im Jahr 1943 heiratete er Elizabeth King aus Crystal Lake, III. Im Carlton College in Northfield unterrichtete er innerhalb eines besonderen Ausbildungsprogramms der US-Armee künftige Offiziere in Deutsch.
Im Jahr 1945 kam er nach Winona, wo er am St. Teresa College bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1970 Geschichte unterrichtete. In diesen Jahren gab er auch Kurse an der Staatlichen Universität von Winona und dem St. Mary's College.
Im Jahr 1956 erhielt er aus der Hand des Bischofs E. A. Fitzgerald die Katholische Aktions-Medaille. Anlässlich des goldenen Jubiläums seiner Promotion (1975) verlieh ihm die Universität Köln höchste Ehrungen.
Am 26. Februar 1986 wurde er in Anerkennung seiner besonderen Verdienste mit dem Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.
Ihn überlebten seine Frau Betty, seine Tochter Claire Horton in Berkley/ Michigan, und die Enkelkinder Elisabeth Horton in Winona und Sean Horton in Olympia/ Washington. Seine Schwester Liselotte Dohm starb vor ihm.
Die Totenmesse wird am Samstag, dem 5. Juli, um 10 Uhr im Dom des heiligen Herzens von Monsignore Roy Literski gelesen. Es wird keine Aufbahrung geben. Der Leichnam wurde eingeäschert.
Trauerbekundungen können an das Hospiz St. Anna gerichtet werden. Fawcett Funeral Home unterstützt die Familie bei der Trauerfeier.

1 Schreibweise tz aus seinem Personalbogen übernommen.

Adressbuch Breslau 1927

Adressbuch Breslau 1927: Richard Freudenthal, Kohlengroß-handlung, Goethestr. 36. Dies war Hans Freudenthals Vater.
Hier verlebte er seine Kindheit.

Hans Freudenthal, obere Reihe 4. von links, der Junge mit dem Lockenkopf, ein Klassenbild von ca. 1910.

Mit zwei Kommilitonen um 1921

Mit zwei Kommilitonen um 1921

1943 mit seiner jungen Frau, Elizabeth geb. King (1908-2005)


Einige der Aufsätze und Rezensionen von Dr. Hans W. L. Freudenthal, veröffentlicht seit 1942 in den USA

The Modern Language Journal In der Zeitschrift "The Modern Language Journal" Band 26, No. 1, Januar 1942, S. 62-65 setzt er sich anhand eines Aufsatzes von Edwin H. Zeydel mit den Schwierigkeiten des Übersetzens von einer Sprache in die andere auseinander. Damals war er am Seton Hill College in Greensburg/Pennsylvania tätig.

Translating

Fontane

Catolic Historical Review "The Catholic University of America Press" gibt seit 1915 die Reihe "The Catholic Historical Review" heraus. Mit Buchrezensionen von Dr. Hans W. L. Freudenthal.
Darunter über "Die bayerische Vatikan-Gesandtschaft, 1803-1934" von Georg Franz-Willing in Band 54, No. 1, vom April 1968, S. 178-179.
Und: Die kirchliche Lage in Bayern nach den Regierungspräsidentenberichten, 1933-1943, von Walter Ziegler, Band 62, No. 4, Oktober 1976, S 663-665

Rezension: Die bayerische Vatikan-Gesandtschaft, 1803-1934 von Georg Franz-Willing

Rezension: Die kirchliche Lage in Bayern nach den Regierungspräsidentenberichten, 1933-1943, von Walter Ziegler

The German Quarterly

Einen zehnseitigen Aufsatz über "Theodor Fontanes Kunst und Lebensweisheit" veröffentlicht er im November 1941 in "The German Quarterly", Band 14, No. 4, während er am Seton Hill College in Greensburg/Pennsylvania tätig war.

Leider sind alle Schriften nur in den USA zu erwerben. Eine Ausleihe bei deutschen Bibliotheken scheint unmöglich.


Hans Freudenthal mit seiner Tochter Claire

Hans Freudenthal mit seiner Tochter Claire (geb. 1947)

1953, Hans Freudenthal auf einem Flug nach Europa.
Sein Blick erzählt von seiner Gefühlswelt.


Dank allen, die diese Seite ermöglicht haben! Claire Horton, Dieter Mielimonka und Wolfgang Tscharntke!