Konrad Feige (1914-1988)
Das Epitaph des Bürgermeisters Hans Finster aus dem 16. Jh. in der evangelischen Kirche zu Lüben














Schul- und Jugendzeit in Lüben
von Konrad Feige, aufgeschrieben im September 1985

Seit dem 1.10.1919 war Vater Bürgermeister in Lüben. Wir wohnten in der Steinauer Str. 57, einer alten Arztvilla mit großem Garten und Teich (alter Stadtgraben) an der Stadtmauer. Die Witwe des Vorgängers Otto Faulhaber wohnte auch noch einige Zeit im Haus. Wir hatten dort eine idyllische Bleibe, zumal der Garten mit mehr als 100 Obstbäumen bestanden war, im Teich Fische und Krebse zu fangen waren. Im Herbst wurde der Teich abgefischt, was immer ein großes Ereignis war! Im Winter mußten wir Löcher in das Eis hauen, weil sonst die Karpfen, Schleien und Hechte starben.

Um den Teich herum haben wir auch gerodelt. Einmal war Schwester Hilde mit dem Schlitten aufs Eis gefahren und eingebrochen. Mit langen Stangen haben wir sie zurückgeholt, das Eis war noch nicht fest. In dem großen Garten hatte ich ein Stück für mich, direkt an der Stadtmauer, das ich selbst bebaut habe. Vor allen Dingen hatte ich viel Feuerbohnen. Oft habe ich gedacht, ich würde in der Erde noch etwas aus alten Zeiten finden. Aber das war nicht der Fall! Der hintere Teil des Gartens mit regelrechten Waldstücken war ein schöner Spielplatz für uns. Wir paßten höllisch auf, wenn Nachbarn Vogelfallen aufstellten oder die Birken anbohrten. Die zahlreichen Vögel haben wir stets gefüttert.

Die Häuser der alten Stadt standen auf der alten Stadtmauer. Die Reste der Türme waren noch zu sehen. Später zogen wir in einen Neubau hinter dem Gymnasium Faulhaberstr. 3, dem Gelände de Stadtgärtnerei. Und das war dringend notwendig, denn das alte Haus in der Steinauer Straße war mehr als baufällig gewesen. Ich erinnere mich noch sehr genau, daß ich eines Morgens aufwachte und in den Himmel schaute. Fast das ganze Dach war zusammengefallen. Als wir ausgezogen waren, zogen andere Leute wild ein. Es gab also damals schon Hausbesetzer! Die Polizei hat dann das Haus geräumt. Und das war gut so, denn das Haus brach bald darauf total zusammen.

Hilde, Konrad, Inge, Günther Feige um 1926

Die Geschwister Hilde, Konrad, Inge und Günther Feige um 1926. Das Bild verdanken wir Konrads Sohn Michael Feige (1944-2010).

Aus dem Garten wurde dann ein öffentlicher Park, erweitert durch weitere anliegende Stücke. So konnte man rund um die Stadt durch einen Park gehen. In der Nachbarschaft floß die Kalte Bache, die bei Steinau in die Oder mündete. Ein Stichgraben für Hochwasser wurde damals durch unser Grundstück gelegt. Ein Stückchen weiter hin lag die älteste Kirche des Ortes, die Schloßkirche. Auf dem erhaltenen Portal steht die Inschrift: "Im Jahre des Herrn 1349 ist diese Kapelle gegründet worden vom Herzog Ludwig Herrn zu Liegnitz zu Ehren des Leichnams und des Blutes unseres Herrn Jesu Christi und der Hedwig und der Maria-Magdalena." Über eine Brücke hinweg kam man zu den Resten des alten Piastenschlosses, wo der Jude Engel eine Leichenwäschefabrik betrieb. Vor der alten Schloßkirche war das Katholische Pfarrhaus. Gegenüber wohnte der evangelische Viehhändler Bresse. Wir nannten diesen Stadtteil die "Drei-Glaubens-Ecke". Als Schüler bin ich einmal in der Schloßkirche gewesen. Sie war innen gut eingerichtet. Schade, daß sie damals nicht mehr benutzt wurde und so dem Verfall preisgegeben war.

Von der alten Stadtmauer waren noch erhalten der Efeuturm, davor das Franzosenhäusel, wo der Stadtchauffeur Kühn wohnte, und der Pulverturm am Glogauer Tor mit dem Heimatmuseum, das allerlei Schätze aus der Vergangenheit barg. Am Efeuturm haben wir öfters gespielt und sind auf der Stadtmauer herumgelaufen.

In der Breiten Straße in Richtung Glogau war das Städtische Hospital ad St. Spiritum. Hier wurde die berühmte illustrierte Lebensbeschreibung der heiligen Hedwig - Schlackenwerther Codex - verfaßt. 1267 gehörte die Stadt zum Zehntbereich des Klosters Trebnitz. Eine Nebenlinie der Piasten hat das Schloß gebaut und bewohnt. Hier residierte Ludwig I., Bruder des Herzogs Wenzel I. von Liegnitz. Die verwitwete Herzogin Anna von Brieg ( 1550) wohnte hier. Durch die Piasten kam auch das Luthertum nach Lüben und anschließend das Schwenckfeldertum. Ab 1675 wurden in der Schloßkirche wieder katholische Gottesdienste gehalten. Die Pfarrkirche St. Marien aus dem 14./15. Jahrhundert mit dem freistehenden Glockenturm (Teil der Stadtmauer) wurde durch die Gegenreformation wieder katholisch.

Durch den 30-jährigen Krieg, Pest und Feuer wurde viel in der Stadt zerstört (Großer Brand von 1757). Lüben war eine Stadt der Tuchmacher (1629 gab es 400 Tuchmacher), wovon auch die Emporen der Kirche zeugten. Hier sind wir zur Kirche gegangen und haben viele Eindrücke empfangen, die uns bewegt haben. Wir saßen mit den Eltern in der Magistratsloge. Der Magistrat war ja Patron. Vater war im Gemeindekirchenrat! Oft sammelte er die Kollekte ein, besonders zu Weihnachten am Hauptportal für die Armen. Er hatte sich dafür extra einen großen Kasten anfertigen lassen. Niemand konnte an ihm vorbeigehen. Die Leute waren davon nicht immer erbaut. Wir Jungen haben dann am Heiligabend noch die Kollekte gezählt, ehe wir nach Hause gingen und Vater noch Weihnachtseinkäufe, besonders bei Klust am Ring, erledigte.

Als Konfirmanden gingen wir auf den Schusterchor oberhalb der Orgel, was dem Kantor nicht immer paßte! Neben der Kanzel gegenüber der Magistratsloge saß sonntäglich der Vater Mommert aus dem Städtischen Hospital. Er hatte kein Taschentuch mit. Er beugte sich über die Empore und dabei fielen dann die Tropfen. Wir haben als Jungen gezählt, wann und wie oft die Tropfen fielen. Vater war davon nicht erbaut und sagte der Stadtfürsorgeschwester, im Hospital wohnend, sie möge doch bitte dem Vater Mommert einige Taschentücher besorgen, gab ihr auch das Geld dafür. Sie hat das dann getan. Vater Mommert aber hat nie ein Taschentuch benutzt. Der schöne Holzschnittaltar von 1523 wurde in polnischer Zeit im Dom zu Breslau aufgestellt.

Das Rathaus auf dem Ring wurde 1768 erbaut. Unten war noch anfangs der Ratskeller von Demiani, der nachher in das Grundstück von Uhlich in der Oberglogauer Straße verlegt wurde. Die Stadt hatte etwa 10.000 Einwohner, lag an der Bahnlinie Liegnitz, Lüben, Raudten, Glogau, eine Kleinbahn ging nach Kotzenau ab 1917, Vater war dort im Aufsichtsrat! Eine Zuckerfabrik entstand in der Nähe des Bahnhofes. Mit dem Sohn des Direktors Landgraf war ich befreundet. Wir haben auf dem Gelände gespielt und uns in den Schlämmteichen eine Burg gebaut. Da gab es eine Gruppe in der Schule, die uns das nicht gönnte. Anführer war der Sohn des Stadtbaumeisters Thomas. Da gab es einmal einen heftigen Streit, wobei unsere Gegner im Schlamm versanken. Da mußten wir die Arbeiter zu Hilfe holen. Die Polizei nahm sich der Sache an. Am nächsten Tage bekamen wir in der Schule das Nötige zu hören.

Bergschloss Erholungsheim Pella Trinkerheilanstalt

Es gab auch Holz- und Metallverarbeitungsbetriebe, die Gurkeneinlegerei und Sauerkohlfabrik von Hoffmann, daneben eine Käserei. Diese Fabriken haben wir mit der Klasse besucht und uns an den Erzeugnissen gütlich getan! An der Bahnhofstraße war seit 1896 die Klavierfabrik Langer und Co, Inhaber Gustav Gadebusch.

Die Stadt am Ostrande der Liegnitzer Heide gelegen besaß selbst allerlei Wald. Da war zunächst einmal die Große und die Kleine Heide mit Oberförsterei und einem Gasthaus. Dazu gehörten auch die Dörfer Guhlau mit dem Schloß Pella aus der Piastenzeit (siehe Abb. rechts), zuletzt Trinkerheilstätte, das Gut Gühlichen mit der Ziegelei, die erstklassigen Ton für Dachziegel hatte. Vater reiste bis Ostpreußen, um die Dachziegel an den Mann zu bringen. Dann war da das alte Kämmerei-Dorf Lübenwalde. Man sagte im Scherz: "In Lübenwalde wird das Brot nur auf der einen Seite gebacken." Das Dorf lag nur auf der einen Seite der Straße. Wie Friedrichshuld und Friedrichswalde gehörte es zu den Siedlungen aus der Zeit Friedrichs des Großen.

Und dann war noch Lüben-Altstadt mit der schönen Fachwerkkirche. Die Stadt hatte das Gut gekauft und an den Sachsen Laux verpachtet. Herr Laux hatte mehrere Pferde. Wir durften im Winter kommen und uns ein Pferd ausleihen zum Skijöring. Das war eine schöne Sache. Anfangs gingen die Pferde immer nach rechts ab, sie kannten die Feldwege genau. Dann aber ging es gut weiter! Herr Laux, den wir einmal im Theater trafen, erzählte uns Jungen, daß er "sooo große Kartoffeln" geerntet hätte. Da haben wir furchtbar gelacht: Der dümmste Bauer hat bekanntlich die größten Kartoffeln!

In Lüben besuchte ich die Evangelische Volksschule neben der Stadtpfarrkirche. Ostern 1920 kam ich in die Klasse 7, der Lehrer Arlt wohnte neben uns in der Steinauer Straße. In Klasse 5 kam ich zum Lehrer Schulz, dessen Tochter mit Schwester Inge in einer Klasse war. Damals kam das Gesetz heraus, daß jedes Kind 4 Grundschuljahre absolvieren muß. Vater war dagegen, daß ich ein Jahr verlieren sollte. So habe ich ein Jahr lang die Klasse 4 am Nachmittag bei Lehrer Liebig privat durchgemacht. Rektor war damals Herr Dreßler.

Oberprima des Reform-Realgymnasiums Lüben mit Lehrer Dr. Weisker im Sommer 1930

Oberprima des Reform-Realgymnasiums Lüben mit Lehrer Dr. Weisker im Sommer 1930. Obere Reihe: Herbert Reinsch, Rene Bilk, Martin Hilbig, Rudi Behnisch, Jochen Leider, Schröder. Mitte: Günter Dodt, Wolfgang Schulz, Saip Develi (genannt Atatürk), Gerhard Paul, Kurt Kirchner, Eichler, Hartmann, Erich Günther, Manfred Stobbe, Günther Schröther, Gerlach, Dr. Weisker. Unten: Lilo Strauß, Else Müller, Ingeburg Feige (1913-1996, Schwester von Konrad Feige), Ruth Kunze, Hannchen Scholz, Edith Schulz, Dorchen Kunze, Heinz Munderloh

Die Aufnahmeprüfung am Reform-Realgymnasium habe ich glatt bestanden und kam in die Sexta zu Oberlehrer Zingel, allgemein nur Gustav genannt. Er war ein tüchtiger Lehrer, national eingestellt und doch liberal. Er trug immer einen großen schwarzen Hut, das Markenzeichen der Liberalen. Er gab einen guten Religionsunterricht, wiewohl er zur Nazizeit aus der Kirche austrat. Geschichte, Erdkunde, Botanik, Zoologie waren Fächer, in denen er uns etwas beibrachte. Auch gab er Musikunterricht in allen Klassen und hatte einen großen Chor und ein Orchester, wo ich Querflöte spielte! Mein Flötenlehrer war Herr Williger, mit dem ich auch bei Konzerten spielte. Das größte Werk, das wir aufführten, war die Csardas-Fürstin von Emmerich Kalman. Gustav Zingel war oft das Objekt von Streichen der Schüler, hatte aber daran selbst schuld. Er vergaß oft sein Gebiß. Wenn dann der Musikunterricht begann, bekam ich einen Zettel für seine Frau, auf dem er um sein Gebiß bat. Das wurde dann in ein Taschentuch eingepackt. Vor der Klasse habe ich es ihm dann überreicht, alles griente! Da wurde er fuchsteufelswild. Einmal flog dabei das Gebiß heraus. Da schrie er uns an: "Verfluchtes Kommunistenpack!" Er ging im Sommer täglich schwimmen. Da trafen wir uns wieder. Der Schüler Jochen Leider, aus Günthers Klasse, bat ihn einmal, er möge ihn heimschicken, weil er sich nicht wohl fühlte. Er sagte ihm, er solle zu seinem Klassenlehrer gehen. Er hat ihn solange gebettelt, bis er ihn gehen ließ. In der Badeanstalt sahen sie sich wieder. Da war er auf einmal gesund, Jochen Leider blieb in Unterprima und Oberprima sitzen. Da fragte man ihn, warum das so sein müßte. Seine Antwort: "Das ist meine Anhänglichkeit an die Lehrer."

Da wir in den großen Ferien keine großen Reisen unternahmen wie heute, fragten wir Lehrer Zingel, ob wir nicht eine gemeinsame Wanderung machen könnten. Da sagte er nur: "Ja!" Am nächsten Tage teilte er uns dann den Plan und die Kosten mit. Unsere Eltern stimmten dem stets zu. Das waren die schönsten Ausflüge in der Schulzeit. Ich entsinne mich noch an einen Ausflug in die Jauerschen Berge, wo wir die Basaltorgel sahen und einen über 800 Jahre alten Eibenwald! Im Schwimmbad gab es auch manchen Spaß. Da tauchten wir unter ihm durch. Im Chorgesang gab es einmal einen Zwischenfall. Die Bänke waren lackiert. Wenn die Sonne schien, blieb mancher Hosenboden daran kleben. Da sollte der Vorhang zugemacht werden. Unser Bruder Günther meldete sich dazu, ging auf der Bank entlang, kam aber ebenso zurück und sprang dann dem Gustav auf die Zehen.

1932 sangen Günther und ich in der Liedertafel mit unter Leitung von Gustav Zingel. Man kam im Hotel am Bahnhof zusammen. Da wurde gesungen und Bier getrunken. Das hatte ein Ende mit Beginn der Nazizeit.


Die Lehrer des Reformgymnasiums Lüben nach Ostern 1930

Die Lehrer des Reformgymnasiums Lüben nach Ostern 1930: Von links, stehend: Studien-Assessor Hans Schumann (Oberstudiendirektor), akademischer Zeichenlehrer Friedrich-Wilhelm Halfpaap (Oberlehrer), Studienrat Paul Fiedler, Erwin Vetter (Studienrat/Oberstudiendirektor), Studienrat Dr. Konrad Weisker, Studien-Assessor Arved Haase, Studien-Assessor Freudenthal, sitzend: Oberlehrer Gustav Zingel, Studienrat Dr. Albert Krusche, Studiendirektor Erich Tscharntke, Studienrat Heinrich Munderloh, Studienrat Dr. Martin Treblin.

Unsere Lehrer, die oft wechselten, waren Studiendirektor Erich Tscharntke, der neben der Schule wohnte, dessen Sohn Günther Tscharntke in meines Bruders Günthers Klasse ging, die Tochter Mechthild war in meiner Klasse! Tscharntke war als Kriegsversehrter Direx geworden. Er gab vor allen Dingen Chemie, das Fach, wo es knallt und stinkt! Mal haben wir Brom gekocht und mußten dann die Reagenzgläser in den Ausguß schütten. Umweltverschmutzung gab es damals auch! Ich habe dann die Bromdämpfe als letzter eingeatmet und war tagelang krank. Tscharntke las alles aus einem Heft ab, das er in jedem Jahre wieder gebrauchte. Tscharntke brachte uns etwas von der Tiermedizin bei: "Glaubersalz ist ein gutes Abführmittel für Schweine!". Er vertrat auch in Religion. Da ließ er uns nur die Bücher der Bibel auswendig lernen. Es konnte sein, daß er am Morgen vor der Schule stand, um Schüler, die zu spät kamen, zu notieren. Dann mußte man sich am nächsten Morgen in seiner Wohnung melden. Da kam nicht der Chef, sondern sein Hausmädchen. Wir haben dann gesagt, nein, wir müßten den Chef selber sprechen. Der kam dann im Nachthemd die Treppe herunter! Und wir hatten unsern Spaß! Er ist ein Nazi geworden, Stadtverordnetenvorsteher und später Oberstudiendirektor in Breslau. Sein Sohn Günther war in der SA und hat im Januar 1933 vor unserm Hause Wache gestanden...

Weitere Lehrer waren Studienrat Krusche (Zassel genannt), ein alter Junggeselle, der Mathematik und Physik gab, ein Lehrer, der etwas konnte. In den Ferien haben wir, Günther und ich und noch ein anderer Schüler, das Programm für das kommende Semester ausprobiert. Wir hatten ein gutes Physiklabor mit aufsteigendem Gestühl. Bei dem einen Versuch, den wir vorbereiteten, haben wir ihm gesagt, daß der Versuch auch klappen würde, wenn wir alles umpolen würden. Die Akkus standen im benachbarten Chemielabor. Da haben wir dann den Akku umgepolt. Und siehe, es klappte. Das wollte Krusche nun selbst probieren. Inzwischen hatten wir den Akku wieder umgepolt. Und da gab es einen Knall, alles war kaputt! Krusche gab auch Biologie. Wir hatten eine große zoologische Sammlung, die wir eines Tages besuchten. Da stand auch ein menschliches Skelett. Das wurde an die Tür gestellt und die Hand auf die Türklinke gelegt. Krusche ging als erster heraus und ergriff dabei die Knochenhand. Er hat einen dollen Schrecken bekommen. Einmal bekam Krusche - es war in der Obersekunda - von den Schülern einen Eintrag im Klassenbuch: "Krusche erhält eine Rüge, wegen weil er hat gemacht unter der Bank bum-bum!" Er hat es wohl gelesen, aber nichts dazu gesagt. Dabei ist es auch geblieben. Im Physikunterricht nahmen wir die Brechung des Lichtes durch. Krusche gab 3 Turmalinsteine zur Ansicht durch die Bänke und bat sich aus, daß alle 3 auch wieder zurückkämen. Eberhard Leider, 4. Sohn des Postdirektors, nahm sein Taschenmesser und zerklopfte den Turmalin zu Staub. Da waren wir sauer!

Und dann war da Studienrat Munderloh, genannt Igittigitt. Er gab Englisch und Französisch. Er war keine besondere Leuchte. Seinen Spitznamen bekam er daher: "Igittigitt, sagen Sie doch Ihrer Frau Mama, ein ehrbares Handwerk nährt auch seine Mann!", sagte er zu einem Schüler. Zu Kurt Schägner sagte er einmal: "Ein hübscher Mensch, bloß etwas dumm!" Mit Munderloh bekam ich vor dem Abitur 1931 einen großen Krach. Wir nahmen laufend englische Gedichte durch, die mir zum Halse heraushingen. Ich hatte nichts gearbeitet. Mein Nebenmann, ein Berliner, legte mir sein Vorbereitungsheft auf den Tisch. Das sah Munderloh. Er nahm mich wegen Betrugs heran. Wir haben ihm dann erzählt, wir hätten uns gemeinsam vorbereitet. Er fragte den Alumnatsinspektor, der bezeugte, daß ich nicht im Alumnat gewesen wäre. Da sagten wir, wir hätten uns in der Pause gemeinsam vorbereitet. Da gab es eine Rüge vor dem Abitur. Krusche als Klassenlehrer schrieb Vater einen bösen Brief. Vater nahm ihn und fuhr damit nach Breslau zum Oberschulrat Dr. Frede. Da gab es einen großen Krach. Im Abitur schrieben wir die Arbeiten im großen Zeichensaal. Ich nahm mir den Platz ganz vorn links. Da kam Munderloh: "Nanu, Sie hier!" "Ja, damit klar wird, wer die ganzen Jahre von wem abgeschrieben hat!" Und ich schrieb eine 2. Da mußte ich wohl oder übel im Mündlichen drankommen. Ich hatte mich in Religion als Wahlfach gemeldet. Das klappte gut. In Englisch war ich gut vorbereitet. Ich kam am letzten Tage dran, weil Pfarrer Rust, der katholischer Religionslehrer war, die anderen Tage nicht konnte. Ich bekam mehrere Zettel mit Themen, aus denen ich mir 3 aussuchen durfte. Ich fragte ganz frech, ob es da auch Nieten gäbe. Und dann klappte alles vorzüglich. So mußte ich in Englisch Gut bekommen. Aber etwas mußte Munderloh monieren, und das war meine schlesische Aussprache! Na ja! Er sprach Schlesisch besser als ich!

Studienrat Treblin gab Erdkunde, Geschichte und Deutsch, war jugendbewegt bis zur Kleidung. Als Vertiefungsunterricht hatten wir bei ihm Geopolitik. Da mußten wir stets eine Partei vertreten mit Zeitungsausschnitten. Er war auch ein Nazi! Studienrat Schumann, später in Hannover als Oberstudiendirektor, gab Geschichte und Deutsch, er war ein überaus tüchtiger Lehrer. Da ich mit ihm in Geschichte nicht konform ging, habe ich schließlich gepatzt. Da sagte er mir vor dem Abitur, er wolle mich im Mündlichen drannehmen, er möchte einen Schüler haben, der von 3 auf 2 kommt. Die anderen sollten von 4 auf 3 kommen. Ich habe ihm dann gesagt, er wisse doch genau, was ich in Geschichte könne, er könne mir auch so eine 2 geben, ich würde mich nicht vorbereiten. Und da ich dann eine gute Deutscharbeit mit dem Geschichtsthema: "Das Jahr 1918/19 - ein Ende und Beginn!" geschrieben hatte, blieb mir die mündliche Prüfung erspart. Sein Spitzname: "E hümme!" So sagte er laufend.

Oberlehrer Halfpaap, ein alter Junggeselle, gab Zeichnen und Turnen. Im Sommer zeichneten wir vor allen Dingen draußen in der alten Stadt. Studienrat Fiedler kam aus Görlitz zu uns und gab Latein, Religion und Geschichte. Er war ein guter Lehrer. Da wir das große Latinum mit Latein ab Untersekunda nicht bekamen, gab er am Nachmittag Vertiefungsunterricht, wo wir nur 3 Schüler waren, der katholische Theologe Fuhrmann, ich und ein dritter, dessen Namen ich vergessen habe. Wir nahmen eine mittelalterliche Geschichte von Breslau durch. Da habe ich viel gelernt, auch bzgl. Breslaus, was mir später sehr geholfen hat.

Studienrat Erwin Vetter, der Latein und Deutsch gab, hatte keine Befähigung für die Oberklassen, die hat ihm dann Vater besorgt... Er war ein Mann, der politisch tätig war. Er wurde als Stadtverordneter gewählt und war dann Stadtrat für die Gärten und Anlagen. Er wurde ein großer Nazi und hat dann Vater das Genick gebrochen. Er wurde sein Nachfolger im Rathaus. Er war auch Leiter des VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland). Darum hatte ich auch nach Salzburg, nach Aachen, nach der Gröditzburg und nach Hirschberg mitfahren können. Wir sind sogar einmal mit der Familie Vetter in Bad Schwarzbach gewesen. Dann hat er Tscharntke abgelöst und wurde Oberstudiendirektor.

Studienrat Dr. Weisker gab Englisch und Französisch und konnte durchaus etwas. Seine Tochter war in meiner Klasse bis zum Abitur. Dann waren da noch Dipl. Ing. Arved Haase, ein Baltendeutscher, der naturwissenschaftliche Fächer gab, und Studien-Assessor Freudenthal, ein Neusprachler, der als Nichtarier viel durchmachen mußte. Er lebte in Breslau, bevor er in die USA auswanderte.

Zwischendurch waren noch andere Lehrer da, so der Studienrat Brunzlow, der Kommunist war, und ein weiterer Kommunist, der mit der roten Fahne durch die Straßen marschiert ist. Dann hatten wir eine junge Studien-Assessorin in der Untersekunda für die Neusprachen. Die haben wir angehimmelt. Die Hälfte der Klasse bekam in den Sprachen das Zeugnis Gut! Die anderen Lehrer fragten dann, wie hat sie das nur gemacht? Sie hatte nur Charme! Als sie sich mit einem jungen Sportlehrer verlobte, da war es aus. Ihren Namen habe ich leider vergessen.

Der katholische Pfarrer Rust, der 1925 aus Berlin kam, gab in der Schule katholischen Religionsunterricht. So gehörte er zum Lehrererkollegium und war allen Schülern bekannt. Der Pastorensohn Rudolf aus Ossig, ein Neffe von Treblin, grüßte ihn nicht. Rust stellte ihn und fragte, warum er ihn nicht grüße! Er bekam zur Antwort: "Wer sind Sie denn eigentlich?"

Konrad Feiges Abiturfeier im Grünen Baum am 26. Februar 1932

Konrad Feiges Abiturfeier im Grünen Baum am 26. Februar 1932

In der Untersekunda hatten wir einen Deutschlehrer, Studienrat Selke. Er war irgendwie psychisch beeinträchtigt und deshalb früher in Behandlung gewesen. Das wußte kein Schüler bis auf die Kinder der Lehrer, 3 davon in unserer Klasse. Da sprach es sich schnell herum. Studienrat Selke hatte es nicht leicht mit uns. Er mochte das Wort "jawohl" nicht. Er sagte immer, Sie sollen nicht "Jawohl!" sagen, Jawohl ist das beste Haarwasser der Welt. Er kam bald wieder weg! Die eigenen Kollegen haben schlecht an ihm gehandelt.

Beim Abitur hatte der Oberschulrat Dr. Frede, ein SPD-Mann, beantragt, ich solle das Abitur mit Gut machen. Damals gab es eine Verordnung, nach der es keine Aussprache darüber gab, wenn der Klassenlehrer es ablehnte. Und das war Krusche, der eben einen Rüffel wegen seines Briefes an Vater bekommen hatte. So war das erledigt. Und als der Oberschulrat die Zeugnisse verteilte, da kam zunächst Mechthild Tscharntke dran, die mit "Sehr gut" abschnitt. Sie war im letzten halben Jahre darauf getrimmt worden Im Kaffeekränzchen wurde dann gesagt, sie sollte eine Entschädigung dafür haben, daß sie nicht studieren dürfe. Dann bekam Günter Hartmann ein "Gut", obwohl er in Französisch - 1. Fremdsprache - eine glatte 5 hatte, und Günter Raupach, mein Freund, bekam ebenfalls ein "Gut" , obwohl er in Mathematik eine 5 hatte. So war das damals! Und dann kam der Oberschulrat zu mir und sagte: "Und Sie haben das beste Abitur gemacht!". Man merkte schon die beginnende Nazizeit! Vater hat stets am Abitur als Vertreter der Stadt teilgenommen. Bei meiner Prüfung wollte Vater hinausgehen. Der Oberschulrat bat ihn aber, er möge bleiben. Folgende Fächer bestand ich mit "Gut" :Religion, Englisch, Geschichte, Erdkunde; mit "Sehr gut": Musik; mit "Genügend": Deutsch, Latein, Französisch, Mathematik, Physik, Chemie, Zeichnen und Leibesübungen.

Schulhausmeister war Erwin Siebenhaar. "Ich und der Herr Direktor haben beschlossen..." war seine ständige Redensart.

Als Kinder waren wir immer dabei, wenn eine Wahl durchgeführt wurde. Vater war ja bis 1933 Wahlvorsteher gewesen und hatte die Wahllokale kontrolliert. So wußten wir bestens Bescheid, am Radio haben wir immer mitgeschrieben. Als es am 12. März 1933 zur Neuwahl kam, wurden 12 Nazis als Lübener Stadtverordnete gewählt: Kaufmann Schicke, Weichenschlosser Winter, Studiendirektor Tscharntke, Vorarbeiter Plokst, Schmiedemeister Gude, Justizrentmeister Adamy, Major a. D. von Willisen, Monteur Wenzel, Zahnarzt Riesebeck, Kaufmann Liehr, Studienrat Vetter. 5 SPD-Leute wurden gewählt: Arbeiter Gustav Bruschwitz; Konsumlagerhalter Max Glauer; Pfleger Karl Pietrzok; Schuster Karl Sprich; Tischler Wilhelm Kintzel. Vom Zentrum wurde gewählt: Lehrer i. R. Paul Scholz. Von der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot wurde gewählt: Malerobermeister Arthur Konitzki.

Damit waren alle alten Mitglieder draußen: der jahrelange Stadtverordnetenvorsteher Schmiedemeister Oswald Rogner, der Stadtrat und Stadtälteste Baumeister Gustav Wilhelm, Eisenkaufmann Geisler, Gärtnereibesitzer Vogt (SPD) von der Wasserpromenade, Schlossermeister Fritz Zwiener, die Rechtsanwälte Kuhn und Artur Rösner, Oberlehrer Gustav Zingel. Siehe dazu auch Wahlen 1932 und 1933 im Kreis Lüben

Vater hatte am Verfassungstag 1932 in der Aula des Gymnasiums einen Vortrag über das Selbstverwaltungsrecht des Freiherrn vom Stein gehalten. Das war den Nazis ein Dorn im Auge. So wurde eine Haussuchung durch die SA veranstaltet. Das ganze Haus wurde abgesperrt, niemand durfte die Wohnung verlassen, sogar die Lesemappe wurde beschlagnahmt. Günther, der nach Breslau mußte, durfte nur unter Begleitung zum Bahnhof, sein Koffer wurde vorher von der SA durchsucht. Günthers Klassenkamerad Günther Tscharntke stand Wache vor unserm Hause! Man suchte Vaters Rede. Fand diese aber nicht. Schon lange vorher hing einmal an der Gartentür ein toter Kater, daran ein Zettel: "Sorgst Du nicht für uns wie ein Vater, so geht es Dir wie diesem Kater!" Das waren NSDAP und SA, die in der Liegnitzer Vorstadt ihr Heim hatten, wo so mancher Lübener Bürger verdroschen worden ist. Später wollte niemand etwas davon wissen.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Wir hatten einen Heizer, Herrn Rudolf von der Schulpromenade, einen alten Soldaten, der treu zu uns hielt, der uns Jungens oft seine Kriegerlebnisse erzählte von Verdun, Bapaume und der Somme. Eine Tages erzählte er, daß die SA vorhätte, Vater zu "klappen"! So mußte Vater fliehen. Wir mußten unsern Onkel Fritz Jasser in Liegnitz anrufen, der mit seinem Auto kommen sollte. Vom Haus aus ging das nicht, weil das Telefon überwacht wurde. Pastor Groß (der Sohn war bei der SS, hernach Pastor der Hamburgischen Landeskirche) und Pastor Küster kamen nicht in Frage. Superintendent Treutler, uns gegenüber wohnend, hat das dann für uns besorgt! So konnte Vater fliehen, zuerst nach Parchwitz zu unserm Vetter Kurt, der selbst Nazi und Bürgermeister von Parchwitz war. Dort hat Vater längere Zeit gelebt. Er hatte ja Vetter Kurt und seinem Bruder Arthur finanziell während des Studiums geholfen.

Dann wurde der Umzug nach Breslau durchgeführt. Vater wurde nach dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums ohne Pension aus dem Amt gejagt. Der Leiter der Gasanstalt, Prüfer, den Vater aus Bolkenhain mitgebracht hatte, war Hauptbelastungszeuge. Schließlich fand dann ein Prozeß statt, in dem Vater Sieger wurde. Man mußte ihm die Pension zahlen. Das waren harte Zeiten für unsere Eltern! Prüfer wurde später noch vor Gericht gebracht und verurteilt.

Mutter war Kreisvorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins vom Roten Kreuz. Sie hatte das Augusta-Heim erbauen lassen, ein Säuglings- und Altersheim in der Bismarckstraße auf dem Weg nach Mallmitz. Zur gleichen Zeit erbaute Vater das Städtische Altersheim auf dem gleichen Grundstück, einem ehemaligen Friedhof. Ich erinnere mich noch daran, daß dort die Überreste eines französischen Offiziers in voller Montur ausgegraben wurden! Mutter hatte eben das Rot-Kreuz-Ehrenzeichen für ihre Verdienste erhalten - die Kronprinzessin war persönlich als Landesvorsitzende gekommen - nun wurde ihr verboten, das Augustaheim zu betreten.

In der Schulpromenade war eine Synagoge, die allerdings kaum noch genutzt wurde, da nur wenige jüdische Familien in Lüben waren, der Lederhändler und Sargwäschefabrikant Engel, der Destillateur Hirsch, der Destillateur Weiß und das Fachgeschäft mit Kürschnerei Philippsberg & Cohn. Der Neffe, Hans Philippsberg ging in meine Klasse, war auch Mitglied beim VDA, und ist mit Not aus Europa weggekommen. Er lebt in Bolivien und gehört den Mormonen an. Der Sohn von Hirsch ist auch dem Unglück entronnen und lebt nun in Deutschland.

Das Städtische Krankenhaus lag neben dem Schützenhaus am Schillerpark und hatte einen Chirurgen, Dr. Fiedler, und einen Internisten, Dr. Hübner, der unser Hausarzt war. Er hat mir auf Anraten ein Attest zur Befreiung vom Geräteturnen im Abitur ausgestellt.

Zum Konfirmandenunterricht ging ich zu Pastor Küster, der sehr streng war, der uns aber auch etwas beigebracht hat, was wir fürs Leben brauchen konnten. Es war ja Sitte, daß wir vor der Konfirmation Abbitte leisten mußten. Da war Pastor Küster krank, auch hatte man bei ihm eingebrochen, auch die Konfirmationsscheine zerrissen. Ich ging dann für alle Konfirmanden zu ihm. Am nächsten Tag, dem 25.3.1928, hat er uns konfirmiert, er kam auch zu uns zum Mittagessen. Pastor Küster teilte noch Ohrfeigen aus!

Das Katasteramt unter Direktor Schulz befand sich in der alten Kaserne an der Schützenstraße, wo nach dem 1. Kriege Graue Husaren lagen. Die Turnhalle war eine ehemalige Kirche der Irvingianer, die einmal eine große Rolle gespielt hatten, wie in unserer Zeit die Neuapostolischen.

Die "Christliche Gemeinschaft" innerhalb der Landeskirche hatte einen Saal, der direkt an der Stadtmauer lag, wir konnten vom Garten aus alles hören. Hauptförderer waren die Pastoren Regehly und Klose. Als Klose starb, machte sein Sohn Emanuel sein Abitur. Man ließ ihn in Latein durchfallen, das er ja fürs Studium brauchte. So mußte er ein halbes Jahr nachholen bis zum Latinum. Vater war damals sehr böse über die Lehrer, die nicht ein bißchen weiterdachten.

Die katholische Kirche war im Rosengarten neu erbaut worden. Auf dem Kleinen Exerzierplatz neben der Kaserne stand eine Baracke, wo sich die Wandervögel und die Pfadfinder trafen. An der Kalten Bache entlang ging ein schöner Spazierweg, der Friedrich-Ebert-Weg. An der Wasserpromenade 18 wohnte das Ehepaar Braun, er war Kapitänleutnant a. D. und lange Jahre für Zeiß/Jena in Südamerika tätig gewesen. Er erzählte uns, der schönste Fleck auf Gottes Erde wäre Honolulu. Bei Frau Braun lernte ich die Holz- und Lineol-Kerbschnitzerei. Brauns hatten auch einen schönen Teich im Garten. Daneben ging die neue Dragonerstraße bis zum Hauptportal der Kaserne. Der Städtische Schlachthof lag hinter der Steinauer Straße. Die Städtische Gasanstalt lag an der Bahnhofstraße. Die Feuerwehr hatte ihre Wache gegenüber dem Rosengarten, wo auch die Sanitätskolonne untergekommen war. Vater war Kreiswehrführer und Vorsitzender der Sanitätskolonne.

Die Kalte Bache hatte oft Überschwemmung. So standen die Wiesen am Bleicherdamm immer wieder unter Wasser. Wir fuhren dann mit Waschschäffern spazieren bis zur Walkemühle.

Wenn Feuer ausgebrochen war, sind wir immer mitgegangen. Einmal brannte eine der vielen Scheunen am Kleinen Exerzierplatz. Wir Jungens waren auch dabei. Da bekam Günther eine Ohrfeige von einem Polizisten, der sich bei Vater später deswegen entschuldigte Aber Vater ließ die Sache auf sich beruhen, zumal der Polizist im Recht war. Ursprünglich waren höchstens 3 Polizisten in Lüben, später mindestens 8. Die Wache war im Rathaus. Zu Weihnachten und zum Neuen Jahre besuchten wir mit Vater die Wache. Der Destillateur Hirsch gab regelmäßig eine Flasche Schnaps für die Beamten, die Dienst hatten. Polizeikommissar war ursprünglich Herr Kressin, später Herr Jörnitz. Der Stadtgärtner hieß Marx. Er hat mich oft beraten und mir geholfen, ein Gärtchen gut anzulegen. Bei ihm lernte ich auch die Veredelung der Rosen.

Viehzeug hatten wir daheim recht viel. Auf der Steinauer Straße hatten wir Schweine, Schafe, Ziegen, Gänse, Enten, Hühner, Perlhühner, Pfauen und Brieftauben in dem Türmchen auf dem Dach. Dazu kamen noch etwa 25 Bienenvölker, mit denen wir im Spätsommer nach der Kleinen Heide wanderten. In der Nähe von Guhlau mitten in der Seradella standen die Völker. Günther kümmerte sich in der Hauptsache um die Bienen. Oft war er total zerstochen. Akazien-, Obst-, Linden- und Heidehonig haben wir geerntet.

Die Jahre nach 1919 waren politisch recht bewegt. Die SPD und das Reichsbanner zogen alle Augenblicke mit Schalmeienmusik durch die Stadt. Besonders am 1. Mai. Einmal suchte man mich, ich war im Gebüsch, um mir den Aufmarsch anzusehen. Dann gab es einmal fast eine Schlägerei zwischen SPD und Deutschnationalen unter Rechtsanwalt Kuhn. Als es die Kontrahenten mit der Angst zu tun bekamen, holten sie Vater zur Schlichtung. Er hat dann von der Wasserpromenade aus die Parteien nach Hause geschickt. Dann gab es einen Landarbeiterstreik, angezettelt von der SPD. Man wollte das Gefängnis in der Kasernenstraße stürmen und Gefangene befreien. Das wurde durch herangeholte Polizei verhindert. Der Kapp-Putsch kam nicht zur Wirkung. Der führende Soldat dieses glücklosen Unternehmens war der General Walter Freiherr von Lüttwitz, seit 1920 Kommandeur des in Lüben aus 4 Schwadronen gebildeten Reichswehr-Kavallerie-Regiments Nr. 29. Lüttwitz floh nach dem Scheitern des Putsches in die Slowakei. Er wohnte im Hause von Geisler in der Schulpromenade.

Interessant ist vielleicht noch der Ablauf eines Jahres in einer kleinen Stadt. Zur Jahreswende traf sich die Bevölkerung auf dem Ring. Vom Kirchturm bliesen die Posaunen "Nun danket alle Gott". Und alle sangen mit. In Lüben war es so Sitte, daß die Familien zum Jahreswechsel zusammenkamen. Einmal war auch unser Elternhaus in der Steinauer Straße dran.

Silvesterfeier bei Familie Feige

Silvesterfeier bei der Familie des Lübener Bürgermeisters Hugo Feige (Ende der 1920er Jahre)
Obere Reihe von links: Johannes Hübner - Sohn des Arztes, Elisabeth Hübner - Tochter des Arztes, Helmut Kuhn -Sohn des RA Kuhn, Dr. med. Paul Hübner, Bürgermeister Hugo Feige, Direktor des Gymnasiums Erich Tscharntke, Heinrich Kuhn - Sohn des RA Kuhn, Rechtsanwalt Kuhn ( 1930). Untere Reihe von links: Maria Hübner, Ehefrau des Arztes, Luise Feige, Ehefrau des Bürgermeisters, Margarete Tscharntke, Ehefrau des Oberstudiendirektors, Ehefrau des RA Kuhn, Ursula und Charlotte Hübner - Töchter des Arztes.

Mit Rechtsanwalt Kuhn gingen wir durch den verschneiten Garten. Er wollte uns den Sternenhimmel erklären. Da brach unter uns die Decke einer uns unbekannten Klärgrube ein. Trotzdem gingen wir anschließend gemeinsam auf den Ring.

Dann kam am Sonntag Laetare das Sommersingen. Es begann frühzeitig und hörte erst spät abends auf. In der schlimmen Zeit gingen auch die Mütter mit den Säuglingen auf dem Arm mit. Es wurde viel gegeben: Eier, Zuckerzeug und Bagel. Gelegentlich auch Geld. Ostern wurde mit Ostereiersuchen im großen Garten begangen. Oft haben wir nicht alle Nester gefunden. Die fanden wir zu unserer Freude erst viel später. Pfingsten wurde festlich mit Birkenreisern vor jeder Haustür begangen. In der Großen Heide wurden Birken geschlagen und für wenig Geld in der Stadt verkauft. Im Hochsommer war dann auf dem Schützenplatz der Schützengilde das Königsschießen. Im alten Spannhaus wurden die Armbrüste gespannt. Vom Rathaus aus, wo die Fahnen abgeholt wurden und die Ehrengäste, ging es mit Musik zum Schützenplatz, die Jugend immer voraus. Wenn das Schießen begonnen hatte, zeigte ein Trompeter an, ob der Schütze getroffen hatte oder nicht. Am letzten Tage wurde dann der Adler eingesägt. Niemand wollte gern Schützenkönig werden, denn das kostete viel. Die Schützengilde war uralt und stammte aus der Zeit der Hussitenkriege. Daneben gab es den Adler-Schützen-Club, wo weniger betuchte Handwerker Mitglied waren. Die Nazis haben beide Vereine vereinigt. Wenn der König feststand, gab es zunächst einmal einen Umtrunk im Schützenhaus mit Musik, dann Heimzug durch die Stadt mit Feuerwerk. In den Tagen gab es auch ein besonderes Gebäck: den Garbekuchen, ein Splittergebäck, den es nur zu diesem Fest gab und der aus alter Zeit stammte.

Im Sommer fuhren die Familien gemeinschaftlich in die Wälder und die Berge. Einmal machten wir mit Familie Gadebusch einen Ausflug auf dem Schnelllastwagen der Firma, es war wohl an Pfingsten. Da sahen wir, wie sich ein Rad der Hinterachse gelöst hatte und durch den Straßengraben ins Feld rollte. Der Fahrer kugelte sich bei seinen Rettungsversuchen den Arm aus. Zu Fuß gingen wir dann heim. Und dann begann ja auch bald die Jagd. Vater war Jäger und wurde überall eingeladen. Zum Anstand auf den Bock ging es frühzeitig los. Große und Kleine Heide waren das Ziel, aber auch die Mallmitzer Flur von Breiler. Bei Treibjagden gingen wir auch auf die Samitzer Flur (Bauer Hilgner) und die Muckendorfer Flur (Frl. von Bieß)! Dort waren es vor allen Dingen Wildenten, die mit langen Stangen aufgescheucht wurden. Im Krebsberger Forst waren es schon Hirsche und Wildschweine. Da wurde das Gebiet eingelappt und das Wild getrieben. In den Pausen gab es manchen Spaß. Amtsgerichtsrat Dietsch war auch Jäger. Ihm wurde ein Stück Holz als Trophäe überreicht, er hatte nichts geschossen. Dr. Konietzny von der Heil- und Pflegeanstalt war auch dabei. Er hatte einen Bock geschossen, der auf ein anderes Revier übergewechselt war. Das hat man ihm sehr übel genommen. Da gab er die Jagd auf und fotografierte nur noch. Im benachbarten Primkenau gab es auch Damhirsche. In Herbersdorf hatte Herr Gadebusch sein Revier.

Dann kam die Zeit der Manöver in der Großen Heide, die wir stets beobachteten. Dann begann die Zeit des Beerenpflückens und Pilzesammelns. Wir kamen stets blau beschmiert nach Hause. Herrlich waren die schönen Pilze, die uns die Puschweiber brachten. Und dann kam der Hollunder. In der schlimmen Zeit kamen die alten Frauen mit der Bitte, sich in unserm Garten damit versorgen zu dürfen. Am nächsten Tage brachten sie uns diese zum Verkauf. Auch kamen immer einige alte Leute zu uns zum Essen. So die alte Rentnerin Mutter Gugsch, die stets im Kohlekasten vor der Kochmaschine saß und strickte. Wenn ich dann zu ihr sagte: "Mutter Gugsch, heben, stricken, überziehen!", schmiß sie ihren Latschen nach mir und sagte: "Du, verflischter Limmel, Du!"

Der Winter brachte schöne Schlittenfahrten, z. T. mit dem Pferdeschlitten, z. T. mit Rodelschlitten hinten dran. Besonders schön war eine Ausfahrt in den Winterwald nach Lübenwalde. Als wir dort ankamen, war das Gasthaus geschlossen. Auf unser Klopfen wurde aufgemacht. Wir bekamen eine Tasse Kaffee und schließlich eine Kümmelwurst, die so gut geschmeckt hat, die ich nirgends wieder gegessen habe. Gerodelt haben wir im Schillerpark und in unserem Garten. Einmal war Schwester Hilde mit dem Rodelschlitten auf den Teich gefahren. Das Eis brach! Mit Stangen haben wir sie an Land gezogen. Eines schönen Tages war Hilde verschwunden. Man fand sie auf den Stufen des Amtsgerichtes, wo Vater als Amtsanwalt tätig war.

Im Sommer gingen wir oft schwimmen in die Städtische Badeanstalt. Der Bademeister konnte nicht schwimmen, war dafür oft "blau" in einer Badezelle. Er sprach mehrere Sprachen. Er rief uns immer wieder zu: "Schert Euch zurück, retour, away!"

Weihnachten wurde immer daheim gefeiert. An einem Feiertage kam die ganze Verwandtschaft, da wurde Skat gespielt. Einen großen Tannenbaum hatten wir stehen mit vielen Kringeln dran, die Mutter von Gartmann in Altona besorgte. Auch bekamen wir Butter aus Husum, Eduscho-Kaffee aus Bremen. Eine Besonderheit waren die Wochen- und Jahrmärkte, die wir z. T. mit aufgebaut haben. Zu unserer Zeit gab es noch Bänkelsänger, die Moritaten vortrugen und Bilder dazu zeigten. Und dann der billige Jacob mit 10 Tafeln Schokolade zu 1 RM. Die waren auch danach! Und dann der Fischhändler Neidel aus Wollin, der direkt neben dem Rathauseingang stand. Er verkaufte die Bücklinge erst nach einer besonderen Zeremonie. Er aß einen Bückling mit Gräten und Flossen. Dann verkaufte er erst. So war er selbst seine beste Reklame!

Geschlachtet wurde im Spätherbste bzw. im Frühjahr. Wir hatten ja Schweine im Stall. Vater schoß gelegentlich auch einen Hirsch dazu. Da gab es eine prima Cervelatwurst. Die Familie Jasser in Liegnitz beteiligte sich oft dabei. Zur Wurstmacherei mußten alte Semmeln geholt werden, denn die Wellwürste wurden mit Bäckerspeck, aber nicht mit Grütze, schon gar nicht mit Rosinen gemacht. Als wir nicht mehr selbst schlachteten, gingen wir öfters in den Goldenen Löwen zur Schlachtschüssel. Einmal mußte ich alte Semmeln holen, bekam aber den Rat, nichts davon zu sagen, daß wir schlachteten. Da fragte die Bäckermeistersfrau: "Ihr schlachtet wohl?" Wenn wir Vater im Rathaus abholten, dann hat er uns manches liebe Mal in die Frühstücksstube von Stasinowsky in der Oberglogauerstraße zu einem Stück "Warme" eingeladen. In Lüben aß man auch "Kale Warme!"

Hier könnte die von Konrad Feige beschriebene Frühstücksstube gewesen sein!

Nachbarn in der Steinauer Straße waren der Kaufmann Ponikelsky, von Haus aus Tscheche, und gegenüber der katholische Bäckermeister Kirchner. Bei Ponikelsky kauften wir unser Leinöl. Vater sagte nach dem Essen: "Na, wollen wir noch mal?" Da wußten wir, einer von uns soll Leinöl holen. Wenn noch Kartoffeln übrig waren, aßen wir diese mit Salz. Andernfalls holten wir noch Semmeln und aßen dies dann mit Zucker. Mutter war darüber stets böse: "Wozu koche ich überhaupt noch?" Wir sind mit Leinöl groß geworden. Im 1. Kriege war es noch frei, im 2. Kriege nicht mehr.

Vater gehörte auf Bitten der Stadtverordneten keiner Partei mehr an. Er stand aber der Volkspartei bzw. den Volkskonservativen um Graf Westarp und Treviranus nahe. Er war tätig im Reichsstädtebund, im Bürgermeister-Bund in Schlesien, Preußen und im Reich. Ebenso war er bei der Kommunalbank in Breslau und bei der Schlesischen Feuersozietät tätig, was ihm dann die Nazis vorgehalten haben.

Als es zur Abstimmung in Oberschlesien kam, haben wir in der Schule Abende für Oberschlesien veranstaltet. In dieser Zeit kam auch die Interalliierte Kommission nach Lüben. Man fand durch Verrat schwere Maschinengewehre auf dem Großen Exerzierplatz vergraben. Bei Vater im Büro fanden sie einen Revolver. Da wollten sie Vater am liebsten an die Wand stellen. Das Regiment hatte noch 2 alte französische Beutegeschütze, die man in Sicherheit bringen wollte. Vater hat sie feierlich für die Stadt übernommen für ein späteres Denkmal und hat sie im Bauhof untergestellt. Später meldeten sich bei ihm unbekannte Leute und sagten, sie wüßten um diese Geschütze, es solle aber nichts unternommen werden. Am nächsten Tage donnerten die Geschütze am Annaberg.

Nach 1930 gehörte Vater einer Kommission für die Osthilfe der Landwirtschaft an, die in Grünberg tagte. Da durfte ich mitfahren. Treviranus war nach Grünberg gekommen, ebenso der Kanzler Brüning. SA und Kommunisten waren aufmarschiert! Ich stand mitten unter den Kommunisten und bin dann über einen Zaun geflohen und habe mir dabei den Anzug zerrissen

Es war damals in Lüben so Sitte, daß reihum Gesellschaften stattfanden. Außer den Politikern wurden die Honoratioren geladen: Lehrer, Anwälte, Ärzte. Da mußte es immer ein gutes Essen geben. Vater schoß da gerne vorher ein Wildschwein, das auf dem Boden abhängen mußte. Dazu gab es dann Wein, der in einer Wanne mit Eis stand. Da hat dann jemand eine Flasche Wasser dazwischen gestellt, was dollen Ärger gab. Bekannt war die Freitags-Gesellschaft, die bei Uhlich und später Demiani tagte. Dazu gehörten: Herr Gadebusch sen., Amtsgerichtsrat Schröther, Dr. Hübner, Vater, Stadtrat Geisler, Gutsbesitzer Kerber (Mallmitz), Apotheker Gottschalk, Stadtverordnetenvorsteher Andersson, Baumeister Günter Hübner, Rechtsanwalt Urbach, Rechtsanwalt Dr. Rathey, Studiendirektor Tscharntke, Katasterdirektor Schulz, Amtsgerichtsrat Dietsch, Studienrat Weisker, Sparkassendirektor Anders, Kaufmann Uhlich, Dr. med. Gerhard Anders.

Das Schlesische Landestheater spielte regelmäßig im Winter im Saale des Goldenen Löwen, wo auch andere Feste stattfanden, ebenfalls Konzerte. Im Hotel zum Grünen Baum war einmal eine Kunstausstellung, an der ich mitgeholfen habe. Hier fand auch die Hochzeit von Gadebusch jun. statt, wo ich als Nachtwächter auftrat mit den geborgten Utensilien des Städtischen Nachtwächters. Damals aß ich zum erstenmal Steinbutt.

Dummes Zeug haben wir als Schüler auch gemacht. Da haben wir am Abend bei der Hebamme in der Tiefen Straße geklingelt und sind dann weggelaufen. Ein anderes Mal haben wir bei den verschiedenen Schülerpensionen in der Faulhaberstraße geklingelt und gefragt mit Stottern: "Ist hier die Pension Tschirschwitz?", die es wirklich in der Straße gab. Da ging einer nach dem andern und klingelte und fragte.

Als Volksschüler war ich befreundet mit Inge Gottschalk, Tochter des Apothekers am Ring. Als man mich als künftigen Verlobten ansah, habe ich Schluß gemacht.

Es war eine schöne und reiche Jugendzeit! Konrad Feige, September 1985