Koslitz mit Friedrichshuld, Weinberghäuser, Gehegemühle
Stadt Kotzenau mit Ortsteil Raupenau














Koslitz in:  Alphabetisches Verzeichnis der Stadt- und Landgemeinden im Gau Niederschlesien 1939

Koslitz [1939]
Gemeinde, Kreis Lüben, 8 km, Post Koslitz über Lüben, mit Ortsteil Friedrichshuld, Kolonie Weinberghäuser mit Gehegemühle, 213 Einwohner, 50 Haushalte, Flurgröße 828 ha, 5 Gemeinderäte, Bürgermeister Dittrich, Fernsprecher Koslitz 538, Landratsamt, Finanzamt, Amtsgericht, Versicherungsamt, Landkrankenhaus, AOK Lüben / Regierungsbezirk Landgericht, Arbeitsgericht, Versorgungsamt Liegnitz / Arbeitsamt Liegnitz, Nebenstelle Lüben / Standesamt Mlitsch, Kreis Lüben / Schulgemeinde Koslitz / Gendarmeriebezirk Groß Rinnersdorf / nächster Personen-, Güterbahnhof Koslitz 7 km [Ausgehend von der Karte sind 7 km Entfernung vermutlich ein Druckfehler!] Vorhanden: Elektrisches Stromleitungsnetz, 1 Volksschule, Rittergut.

Friedrichshuld und Gehegemühle in:  Alphabetisches Verzeichnis der Stadt- und Landgemeinden im Gau Niederschlesien 1939

Friedrichshuld [1939]
Ortsteil, mit Gehegemühle, Gemeinde Koslitz, Kreis Lüben, Post Talbendorf über Lüben / 30 Einwohner, 9 Haushalte, nächster Personen-, Güterbahnhof Koslitz 2 km

Weinberghäuser in:  Alphabetisches Verzeichnis der Stadt- und Landgemeinden im Gau Niederschlesien 1939

Weinberghäuser [1939]
Kolonie, Gemeinde Koslitz, Kreis Lüben, Post Koslitz über Lüben, 3 Einwohner, 1 Haushalt, nächster Personen-, Güterbahnhof Koslitz 1 km

Aus: Alphabetisches Verzeichnis der Stadt- und Landgemeinden im Gau Niederschlesien mit den dazugehörigen Ortsteilen, Kolonien, Siedlungen usw., Kurt-Gruber-Verlag Wirtschaft Recht, Dresden, 1939

Koslitz in: Amtliches Landes-Adressbuch der Provinz Niederschlesien 1927

Koslitz [1927]
Dorf Kreis Lüben Regierungsbezirk Liegnitz 143 Einwohner Gemeindevorsteher Pietsch Post Groß Rinnersdorf Eisenbahnstation Güterladestelle Koslitz Amtsgericht Finanzamt Gewerbeamt Oberzollamt Lüben Landgericht Nebenzollamt Liegnitz Elektrizitätswerk Liegnitz (Licht 220 Volt) Volksschule Fortbildungsschule evangelische Kirche Groß Rinnersdorf
zugehörig: Friedrichshuld, Weinberghaus, Gehege-Mühle, Bahnwärterhaus 173
Schrake, August, Schmied
Ulbert, Karl, Müllerei

aus: Amtliches Landes-Adressbuch der Provinz Niederschlesien für Industrie, Handel, Gewerbe, Verlag August Scherl, Breslau, 1927

Koslitz in: Alphabetisches Verzeichnis sämtlicher Ortschaften der Provinz Schlesien 1913

Friedrichshuld in: Alphabetisches Verzeichnis sämtlicher Ortschaften der Provinz Schlesien 1913

Gehegemühle in: Alphabetisches Verzeichnis sämtlicher Ortschaften der Provinz Schlesien 1913

Weinberghäuser in: Alphabetisches Verzeichnis sämtlicher Ortschaften der Provinz Schlesien 1913

Koslitz [1913]
Dorf + Rittergut (mit Alter und Neuer Försterei): Kreis Amtsgericht katholisches Kirchspiel Lüben 7 km; Eisenbahnstation Amtsbezirk Standesamtsbezirk Koslitz; Post evangelisches Kirchspiel Groß Rinnersdorf (Bezirk Liegnitz) 3 km: 148 + 76 Einwohner

Friedrichshuld [1913]
Kolonie + Vorwerk [Koslitz]: Kreis Lüben 7 km; Post Ziebendorf 3 km; Eisenbahnstation Koslitz 3 km; [27 + 3 Einwohner]

Weinberghäuser [1913]
Kolonie [Koslitz]: Kreis Lüben 7 km; Post Groß Rinnersdorf (Bezirk Liegnitz) 4 km; Eisenbahnstation Koslitz 1 km; [7 Einwohner]

Gehegemühle [1913]
Mühle [Koslitz]: Kreis Lüben 7 km; Post Ziebendorf 3 km; Eisenbahnstation Koslitz 4 km; [2 Einwohner]

aus: Alphabetisches Verzeichnis sämtlicher Ortschaften der Provinz Schlesien, Verlag Wilhelm Gottlieb Korn, Breslau 1913

Koslitz in Nachschlagewerken von 1789 und 1845

Koslitz, Friedrichshuld, Weinberghäuser auf der Kreiskarte Lüben 1935

Schloss Koslitz


Schloss Koslitz

Schloss Koslitz

Gasthof Weidmannsruh von A. Mielenz

Gasthof Weidmannsruh von A. Mielenz in Koslitz
Für die größeren Bilder auf dieser Seite ein herzliches Dankeschön an Tomasz Mastalski!


Koslitz - Wie ich es als Naturfreund und Jäger sah!
von Gustav Adolf Liehr (1891-1975)

Und wenn es nicht ums Jagen wär,
Als früh im Wald zu streifen,
Zu lauschen wie der Kuckuck ruft
Und wie die Finken pfeifen,
Zu atmen frischen Tannenduft
Und taugekühlte Morgenluft,
Wär schon genug der Lust dabei
Zum Lob der Jägerei!


Meinen lieben schlesischen Landsleuten möchte ich hier meine Erlebnisse so schildern, daß sie jetzt noch das Gefühl erlangen, als ob sie alle dabei gewesen wären. Ich will das versuchen, muß aber dabei etwas weit ausholen und zurückgreifen. Erstmals werden meine Bekannten, vor allem die Landwirte sagen: "Dar hot sich o iberoll rumgetrieben, dar hot uns moanche Kotze derschussen." Nun, ganz so schlimm ist es nicht, denn meine Jägerlaufbahn erstreckt sich über einen sehr langen Zeitraum, und ich habe auch nicht alles "derschussen". Ich bin erst ein sehr großer Naturfreund und dann erst ein guter Jäger und habe immer meine schützende und sorgende Hand über die Kreaturen in Wald und Feld gehalten und, wenn es dann mal auf Raubzeug blitzte, das ist nur zu verständlich, denn "eene Kotze, die sich rimtrebt, die is amol gar nischt nütze ei der Wirtschoft".

Wenn ein Jäger einen Jagdschein und ein Gewehr hat, so ist er deshalb noch lange kein Jäger. Dazu gehört mehr, und in allerletzter Linie kommt erst das Totschießen. Die Natur bietet ja so viele Köstlichkeiten zum Schauen und Genießen, so daß der Naturfreund und Jäger erst einmal damit vollauf beschäftigt ist. Von vielem nur ein kleines Beispiel: Auf meinem Lönshof standen vor dem Haus im Garten einige Fichtengruppen, und jedes Jahr kam ein 'Wildtaubenpaar, um dort zu brüten, es mochte wohl immer dasselbe sein. Wenn nun das Weibchen brütete, dann tänzelte und scharwenzelte der Tauber um seine Liebste herum. Er stieg in die Luft und veranstaltete ein Schaufliegen, um "ihr" die Zeit zu vertreiben, zu gefallen und auch schließlich, um seiner lieben Eitelkeit gerechtzuwerden.

Bahnhof Koslitz 1914

Bahnhof Koslitz 1914. Dank Tomasz Mastalski!

Bahnhof Kozlice 2013

Bahnhof Kozlice 2013. Dank Reinhard Fitzner!

Ist es nicht köstlich, so etwas beobachten zu können? Und so gibt es unendlich viele Möglichkeiten und wer die Liebe für solche in sich entdeckt, der gesundet an Leib und Seele. Denkt immer daran, Ihr Heimatfreunde, daß Euch der Herrgott jeden Tag neue Köstlichkeiten anbietet, und denkt immer daran, daß er Euch mit den nötigen Sinneswerkzeugen ausgestattet hat, damit Ihr auch alles wahrnehmen, schauen und genießen könnt. Hierzu noch ein Wort: Viele Leser werden mir rechtgeben, wenn ich behaupte, daß es nach dem Vorhergesagten nicht unbedingt notwendig ist, im Urlaub über zehn Grenzen hinweg zu fahren, um dort das Geld loszuwerden.

Als der Schöpfer das Koslitzer Gelände schuf, da hat er sicher eine recht gute Jacke angehabt, vielleicht waren sogar einige goldene Knöpfe, dran. Es ist wohl das reizvollste Gebiet im Kreise Lüben. Als es besiedelt wurde, da scharten sich um das übliche Rittergut mittlere und kleine Besitzungen, dazu kamen noch einige Häuslerstellen, deren Besitzer sich in der Umgebung Arbeit gesucht hatten, oder sie waren an der Bahn beschäftigt. Ein Teil der Bewohner war zeitweise im Rittergutsbetriebe tätig. Die Bodenbeschaffenheit war "mal so, mal so"; viel Wald gehörte zur Koslitzer Flur.

Die Koslitzer gingen im beschaulichen Tempo ihrer Arbeit nach, sie lebten gar nicht schlecht. Mit der Außenwelt waren sie durch die Bahn verbunden, der Bahnhof lag im Ort selbst und außerdem führte knapp am Ort die Kreisstraße Lüben-Raudten in leichter Kurve vorbei und, was sonst noch fehlte an Neuigkeiten, das brachte in den letzten Jahren das Radio ins Haus. Zu Koslitz gehörten die Weinberghäuser und weiter abgelegen die Siedlung Friedrichshuld mit der Gehegemühle. Man sagte, es wäre eine Siedlung, die von Friedrich dem Großen angelegt worden ist.

In der neueren Zeit, damit meine ich unsere Generation, hat ein Mann mit exaktem und geradem Charakter sich maßgeblich an der Gestaltung des Koslitzer Landschaftsbildes hervorragend beteiligt. Damit hat er sich selbst ein Denkmal in der Natur gesetzt. Es war der vorbildliche Forstmann und Jäger Friedrich Wilhelm Schulz. Ein Leben lang war er in dieser Gegend der getreue Eckehard. Er stellte sich schützend vor Wald und Flur und vor die freilebende Kreatur.

Den Pilz, ein Miniaturgebirge, allerdings von nicht allzu großer Ausdehnung, hatte er in einen Naturpark verwandelt. An den Hängen der kleinen Schluchten zogen sich Promenadenwege hin. Eine ausgezeichnete Rodelbahn war auch vorhanden und sonst war die Koslitzer Flur ein ideales Skigelände für Anfänger. Vom Schloß führte eine Obstallee bis an den Wald und ab dort nahm den Spaziergänger eine Birkenallee auf, die ihn direkt nach dem Naturpark auf den Pilz führte. Viele, viele Stunden habe ich einst auf dem Pilz verträumt und eine wunde Seele konnte dabei gesunden.

In unserer Jugendzeit war Koslitz
und Umgebung für die Ausflügler einer der begehrtesten Punkte.
Das hatte auch die Eisenbahn
schnell herausgefunden und

Der Koslitzer "Pilz" und der Gasthof von Max Kleinwächter

sie ließ nicht nur nach Vorderheide, sondern auch nach Koslitz im Sommer einen Ausflüglersonderzug verkehren. Auch ich hatte mir Koslitz in meiner Schülerzeit als Umsteigebahnhof erkoren.

Nach Schluß der Ferien mußte ich in Richtung Raudten fahren, aber das Fell juckte und die paar Groschen in der Tasche, die eigentlich bis zum nächsten Ferienbeginn reichen sollten. Also, so stieg ich in Koslitz aus und wartete auf den nächsten Zug, der von Raudten kam, stieg ein und fuhr durch Lüben nach Liegnitz. Dort wurden die Groschen verknitscht und wemn's auf Sonntag traf, da ging ich in den Wintergarten tanzen! Aber wehe, wenn davon mein Vater Wind bekommen hätte, da hätte ich bestimmt eine Abgewöhnungskur verabreicht bekommen, da wäre auch alles dran gewesen. Sie hätte bestimmt Erfolg gehabt, so wie alle übrigen Kuren diesen auch gezeitigt haben. Mein Vater war darin durchaus nicht knausrig und ich danke ihm heute noch, für seine Freigebigkeit, echt schlesisch, der Erfolg war garantiert.

Wenn nun die Ausflügler nach Koslitz kamen, dann gab es viele Möglichkeiten, auf naturschönen Wegen nach Lüben zurückzuwandern, oder aber dort in der Gegend den Sonntagnachmittag zu verbringen, um am Abend mit der Bahn heimzufahren. Auf dem Pilz konnte man sich zum Beispiel den ganzen Nachmittag aufhalten oder man wanderte auf dem Kirchweg nach Groß Rinnersdorf oder durch die Erlenbrüche nach Jauschwitz. Dann konnte man auch auf direktem Wege über die Stadtziegelei und die "Herrentische" nach Hause, nach Lüben, wandern. Ein anderer Weg führte über Guhlau nach dem kleinen Exerzierplatz. Eine besonders schöne Partie sei noch erwähnt, und zwar über Friedrichshuld nach der Gehegemühle. Das war ein schöner Nachmittagsausflug, und wer ganz gut Bescheid wußte, der konnte bis zum letzten Tüpfelchen hier alles genießen, denn dort gleich hinter Friedrichshuld floß ein sagenhaft schönes Bächlein dahin.

Koslitz 1911, Bahnhof, Gasthof M. Kleinwächter

Dort wo die Reviere Mlitsch und Koslitz zusammenstoßen, fällt das Mlitscher ziemlich steil ab, bestanden mir hohen Kiefern, während das Koslitzer in einer sanften Lehne in der Senke endet, bestanden mit bürstendickem Laubholzgesträuch. Einst hat mal ein kleines Rinnsal, weiterhin, auf Mlitsch zu, einige Artgenossen zusammengefaßt und dann sind sie gemeinsam des Weges gegluckert, noch nicht recht wissend woher und wohin. Aber da kam den übermütigen Jünglingen die eben beschriebene Senke zupasse und dort ging es Hals über Kopf hinein. Mit der Zeit war auch ein kleiner Bach daraus geworden. Er kam sich am Eingang der Senke sehr wichtig vor, er gluckerte nicht mehr, er mußte jetzt rauschen, er sprang rüber und nüber, eckte hier an, eckte dort an, wälzte sich über Wurzeln und stolperte auch über Steine, um aber gleich ob der Störung unwillig aufzuschäumen, aber er mußte weiter, immer weiter. Wurzelstöcke unterspülte er, Krebsen einen Unterschlupf schaffend, aber alles ging in Eile. Weiter, immer weiter - und siehe da, dem kleinen Springinsfeld wurde auf einmal Einhalt geboten, ein kleiner Weiher im Koslitzer Laubholz nahm den Ungeduldigen in seine Arme. Der Jüngling mußte verpusten, aber die Unruhe trieb ihn weiter; nach einigen Runden fand er eine günstige Steile und schwupp war er darüber hinaus und wieder in seinem Element. Auch stärker war er geworden, er hatte bei dem unfreiwilligen Aufenthalt im Weiher die Gelegenheit benutzt und freie Kräfte an sich gezogen. Froh, der Gefangenschaft entronnen zu sein, stürmte er nun mit vereinten Kräften und um so lauter die Senke hinab, kein Hindernis mehr achtend. Aber die Freude hatte nur kurze Dauer, der Lauf wurde langsamer und langsamer, bis er fast zum Stillstand kam.

Eingangs sagte ich, dieses Stückchen Natur wäre sagenhaft schön, und ich möchte deshalb noch abrundend hinzufügen, daß im April und Mai tausend und aber tausend Buschwindröschen im Koslitzer Teil blühten, und die Erde war buchstäblich weiß. An unserem vor Lebenslust überschäumenden Wildbächlein aber blühten bukettweise die Sumpfdotterblumen (schlesisch: Schmirgel- oder Butterblume). Am Abend zog der Rehbock mit seinem Schmalreh zur Äsung auf die würzigen Wiesen. Und dort in diesem herrlichen Winkel sang auch Frau Nachtigall und manch' Waldvögelein. Einen Abend dort zu verbringen, war ein Erlebnis!

Ich möchte noch einige Sachen erzählen, die sich während meiner Jägerzeit in Koslitz ereigneten. Damals wohnte auch noch mein Schulfreund Paul Wenzel (1896-1974) mit seiner "Murtel" neben uns in Koslitz und da wurde die alte Freundschaft von Altstadt her wieder aufgefrischt. Schon während unserer Schulzeit, ich war ja einige Semester älter, steckten wir in den Ferien unsere Köpfe zusammen, um schließlich doch mal was Anständiges ausfressen zu können, wie es eben Jungen machen. Aber es kam nicht dazu. Seine Eltern, die auf meines Vaters Grundstück in Altstadt wohnten, waren wie auch die meinigen sehr hellhörig, und da konnten wir unsere Räuberpläne nicht entwickeln. Die Zeit trennte uns: Paule ging mit Schippe und Picke zur Eisenbahn und hat sich durch Fleiß, Pflichtbewußtsein und Treue die Anerkennung und Zuneigung seiner Vorgesetzten erarbeitet. Paule avancierte, denn schon in Koslitz schwang er den Kommandostab. Später hatte er sich, als er nach Lüben versetzt wurde, wesentlich verbessert - er wurde Reichsbahnobersekretär. Nachdem auch er den Bahnhof in Lüben verlassen mußte, fand er in Osnabrück ein Unterkommen, wo er auch sehr bald wieder bei der Eisenbahn angestellt wurde.

Also der Paule war damals in Koslitz und wir steckten aus alter Gewohnheit wieder die Köpfe zusammen, das war eine wunderschöne Zeit! Ich hatte mir wieder einmal einige Tage frei genommen, um in Koslitz den Sommer zu genießen. Um das Auto zu schonen, hatte ich mir für die schlechten Landwege ein Motorrädel zugelegt. Eines Abends war ich nun mit meinem Motorrädel unterwegs und nach dem Ansitz fuhr ich in die Nachbarschaft zu den Jägersleuten, um dort einige interessierende Fragen zu klären. Das alte Jägerlied bewahrheitete sich wieder, sie gingen nicht auseinander und nach dem Erzählen kam die Skatkarte zu ihrem Recht. Da es im Hochsommer nur einige Stunden dunkel ist, entschloß ich mich, bis zum Tagesgrauen mitzumischen, um dann pürschenderweise den Heimweg gen Koslitz anzutreten.

Koslitz: Schloss, Gasthaus, Schule, Bahnhof

Als ich aufbrach, kam mir der junge Sommertag entgegen, und als ich in das Koslitzer Revier einbog, da schob gerade der liebe Gott die blank geputzte Sonne am Horizont hoch. Schiebenderweise pürschte ich durchs Revier und ich habe an diesem herrlichen Sommermorgen mit dem Fernglas so manchen schönen Blick eingefangen. Aber mich zog es nun doch nach Hause und ich wollte auf dem kürzesten Wege dorthin gelangen, deshalb beschloß ich am Schrakebrunnen den Schriemweg nach der Bahn zu benutzen. Durchs Dorf wären es auch nur ca. 200 Meter weiter gewesen, also für das Motorrädel kein Problem. Mein Gefährt machte ich gebrauchsfertig, es wurde aufgesessen und quietschvergnügt in die Gegend guckend fuhr ich das Bergel hoch. Es war mir klar, daß ich an der Bahn rechtwinklig abbiegen mußte, da ich bis zur Böschung, die etwa zehn Meter abfiel und gerade an dieser Stelle mit einer riesigen Brombeerhecke bestanden war, höchstens einen Meter Spielraum hatte, da auf der anderen Seite ein Getreidefeld an den Fußweg heran kam. Der Besitzer hatte, um das Getreide zu schützen, an die Ecke ein Gestell gemacht, damit die Fußgänger nicht das Getreide einliefen, daher die furchtbare Enge.

Es kam nun, wie es kommen mußte, ich fuhr prompt die Böschung hinunter. Hilflos hing ich in der Brombeerhecke und das Raketel hatte sich unter mir eingeschoben. Mein nächster Gedanke war: Nie och nischt, bloß heem! Fetzen lassend, arbeitete ich mich raus aus der Hecke und ging die 100 Meter bis nach Hause zu Fuß, rein ins Bett. Klarer Fall für mich, ich schlafe mich aus und hole dann die Maschine. Aber es sollte anders kommen. Ich hatte nicht mit dem pflichtbewußten Wenzel Paule gerechnet, denn das Radel lag auf Reichsbahngebiet. Und richtig, so gegen 10 Uhr klopft es und es erscheint Paule der Wenzel höchst aufgeregt und erzählt nur von dem Motorrad, das in der Brombeerhecke liegt und ganz blutig sei (ich hatte am Tage zuvor einen frisch geschossenen Rehbock transportiert). Es müßte doch ein Unglück geschehen sein oder ein Verbrechen vorliegen. Sie hätten schon das ganze Bahngelände abgesucht, auch den umliegenden Wald, aber es wäre erfolglos geblieben und nun hätte er die Bahnpolizei alarmiert! Endlich kam ich zu Worte und klärte alles mit einem kurzen Satze auf. Ein entsetztes Gesicht vom Paule war die Folge. Mit dem Ausruf: "Ach herrjeh" donnerte er die Treppe runter. Es gelang ihm noch, die Bahnpolizei abzubestellen und als dies geschafft war, da haben wir zwei herzlich darüber gelacht und noch oft im späteren Leben! Wunderschön ist Gottes Erde, wert darauf vergnügt zu sein!

Gustav Adolf Liehr (1891-1975), Der Jäger vom Lönshof, LHB 1961