Paul Ernst (1874-1944)
Die Straßenbauer-Sippe Ernst














Schneidermeister und Turnvater Paul Ernst, Ring 26

Paul Ernst (1874-1944)

Gegenüber dem "Grünen Baum" erhob sich, seine beiden kleinen Nachbarn überragend, das Haus des Schneidermeisters Paul Ernst.

Im Jahre 1906 hatte er dieses den damaligen Anforderungen entsprechend (im Hinterhaus mit Wagenremise und Pferdestall für den Getreidehändler Stein) erbauen lassen und sein Geschäft für Herrenartikel und Maßschneiderei eingerichtet. Gestützt auf seine in Dresden gemachten Erfahrungen bot der Schneidermeister Paul Ernst eine Maßarbeit, die auch den verwöhntesten Ansprüchen gerecht wurde. So war es nicht verwunderlich, daß sein Kundenbuch bekannte Namen adliger Geschlechter aufwies, denen es bis zum Ende des 1. Weltkrieges vorbehalten war, im Regiment der Bredow-Dragoner als Offiziere zu dienen.

So wurde Paul Ernst, der Sohn des Schneidermeisters Oswald Ernst, der im Geistefeldtschen Hause sein Handwerk betrieben hatte, bald eine bekannte Persönlichkeit. Ein klein wenig mag dazu vielleicht auch sein Vollbart beigetragen haben, der damals an sich schon nicht mehr ganz der Mode entsprach und ihm den Beinamen "Christus-Ernst" eintrug. Es war aber nicht etwa irgendeine konservative Gesinnung, die ihn sein Leben lang dem Vollbart treu bleiben ließ, sondern eine unüberwindliche Abneigung gegen die Prozedur des Rasierens, die ja damals selten eigenhändig zu Hause ausgeführt, vielmehr durch den "Barbier" vollzogen wurde. So hatte er einen Namen zur Unterscheidung von den anderen in Lüben und Umgebung so zahlreich vertretenen Ernst'ens, gab es doch sogar damals auf der anderen Marktseite noch einen Schneidermeister Paul Ernst, Sohn und Nachfolger von Adolf Ernst.

Als Turner und, was oft damit verbunden ist, als guter Tänzer war Paul Ernst schon in jungen Jahren bekannt. Eine strenge Sparsamkeit war Paul Ernst zu eigen, was ihn aber nicht hinderte, ein gastliches Haus zu führen. Abgesehen vom großen Kreis der Verwandtschaft, der zu den alljährlich wiederkehrenden Geburtstagen zusammenkam, waren junge Mädchen, Gymnasiasten, Turner und Sportler tägliche Gäste. Und wenn sie nur mal "auf einen Sprung" hereinkamen, um sich in dem neben dem Laden befindlichen Arbeitszimmer auf das Fensterbrettel zu setzen und auf den Ring zu gucken. Konzertierte am Sonntagvormittag die Regimentskapelle, so war der kleine Raum gedrängt voll. Wurde ein Platz frei, da sich einer zu den um den Ring Promenierenden gesellte, so war dieser gleich wieder besetzt. Aber um 12 Uhr wurde dann der Platz von Muttel Ernst frei, die pünktlich die "Klößel" einlegen mußte.

Unter den Gästen ans dem Kreise der Gymnasiasten vor dem 1. Weltkrieg sind hier drei besonders zu nennen: Hans Magel, der als Oelser Dragoner im ersten Kriegsjahr fiel; Mielenz, ein schwerreicher Junge, und Littke, der stets ungeheuer nach Parfüm duftete. Diese drei ließen sich einmal von Kopf bis Fuß der Mode entsprechend (Cut und gestreifte Hose) neu einkleiden, um ihren väterlichen Freund in würdiger Weise zum Geburtstag gratulieren zu können. Es muß ihnen viel daran gelegen haben, bei einer solchen Gelegenheit dabei zu sein, auch wenn kein üppiges Mahl oder Saufgelage zu erwarten war. Der Turner Ernst hielt davon nichts. Ein guter Kaffee mit Streuselkuchen oder einem Stück Torte mit Sahne stand bei ihm höher im Kurs als ein Humpen Wein oder Bier. Nur einmal kam er mit einem Mordrausch heim, den er seinem Freund Reinhold Liebich zu verdanken hatte. Dieser lud ihn als frischgebackenen Ehemann eines Abends zu Sekt mit Rotwein in den "Grünen Baum" ein. Selbst bei Veranstaltungen im "Löwen", "Schießhaus" oder "Anker" mied er die Theke, zumal er ja in den meisten Fällen für das Gelingen eines solchen Abende verantwortlich zeichnete und es für ihn die größte Freude war, wenn die Veranstaltungen von den Teilnehmern als gelungen bezeichnet wurden.

Paul Ernst mit Turnern des Vereins MTV Anfang der 1930er Jahre

Paul Ernst mit Turnern des Vereins MTV Anfang der 1930er Jahre
Auf einigen Hemden ist noch das Emblem der Deutschen Turnerschaft zu sehen, die 1934 aufgelöst wurde.

Nicht nur Bälle und sportlichen Veranstaltungen des Lübener Männerturnvereins, den er nach dem Tod von Vatel Wolf und Fritz Härttwig führte, standen unter seiner Regie, auch Chorverein, Kriegerverein, ja sogar der feudale Riesengebirgsverein holten ihn, wenn es galt, einen ihrer Abende durch die Aufführung eines Theatürstückes oder eine Tanzgruppe zu verschönen. Wieviel Arbeit und Sorgen, mitunter auch Ärger mit dem "jungen Volk" brachten die Aufführungen mit sich. Unvergessen blieben Aufführungen wie "Wilhelm Tell" oder "Katte". Manch einer mag darüber gelächelt haben, daß sich eine Dilettantengruppe erkühnte, so ein Stück über die Bretter gehen zu lassen. Ein laienhaftes Unternehmen - und doch für unsere Kleinstadt eine kulturelle Tat. So war der Vereinsvorsitzende und Leiter der Turnerinnenabteilung nicht nur ein statutengemäß gewählter Leiter, sondern auch wirklich die Seele des gesamten Vereinslebens. Nur selten hatte er ganz einen Abend für sich. Und nahm er an einem solchen freien Abend seine Frau zu einem Spaziergang mit, dann endete dieser meist sehr bald in der Turnhalle, wo immer irgendeine Abteilung ihre Übungsstunde hatte.

Emblem der Deutschen Turnerschaft

Unvergeßlich sind allen Teilnehmern schließlich auch die vielen Wanderungen, Ausflüge und Fahrten, sei es nur zu Fuß bis an die "Herrentische", mit dem Leiterwagen nach Eisemost oder mit der Bahn ins Vorgebirge oder gar ins Riesengebirge und Glatzer Gebirge. Solche Tage inmitten der Jugend haben Paul Ernst immer viel mehr Freude bereitet als ein langes Herumsitzen an irgendeinem Stammtisch. Und das hat ihm auch schließlich seinen Elan, seine Jugend erhalten, das hat ihm die Kraft gegeben, sich neben dem Geschäft und der Familie so vielen Aufgaben und Ämtern zu widmen: im Turnverein, im Gauvorsitz der DT., in der Krankenkasse, Schützengilde, im Stadtverordneten-Kollegium, als Stadtrat, in der Jugendfürsorge u.a.m.

Die Liebe zum Turnen konnte nur noch seiner Liebe zur Musik gleichgestellt werden. Die Dresdener Jahre hatten ihn zu einem begeisterten Opernfreund werden lassen. Und wenn sein Schwager, der Uhrmachermeister Paul Hielscher, ganz schnell einmal geschäftlich nach Breslau mußte, dann wußte Paul Ernst, daß in der Oper Wagner oder Verdi auf dem Programm stand, und - hatte nun auch dringend etwas in Breslau einzukaufen.

Sorgen bereiteten ihm die Veränderungen von 1933, weil er um die Ideale der Deutschen Turnerschaft bangte. Mit den Maßnahmen, die auf dem Gebiet des Sportes getroffen wurden, konnte er sich nicht ganz abfinden. Nicht einmal die Verleihung des Ehrenbriefes des Reichsbundes für Leibesübungen konnte ihn versöhnlicher stimmen. So zog er sich teils freiwillig, teils gezwungen ein wenig zurück, um Vertretern neuerer Prägung das Feld zu überlassen. Vielleicht nur äußerlich, denn um sich vielleicht pikiert in den Schmollwinkel zurückzuziehen, war er viel zu uneigennützig und mit seinen Idealen verwachsen. Aber es wurde doch ruhiger um ihn, besonders, nachdem 1934 seine Frau verstorben war, die zwar seine Begeisterung für die Turnerei nicht geteilt, aber doch vollstes Verständnis dafür aufgebracht hatte. Der Krieg trug weiter dazu bei, daß es auf seinem eigentlichen Betätigungsfeld kaum mehr etwas zu tun gab. 1944 war er ein 70-jähriger Jüngling, als ihn der Tod abrief. Das Schicksal hat es gut mit ihm gemeint, daß es ihn den Verlust der Heimat, seines im Leben Erreichten, seiner Freunde und seiner Vaterstadt nicht mehr erleben ließ.

Sein Sohn Karl Ernst (1906-1983) schrieb diese Erinnerungen im LHB 6/1953


Weitere Erwähnungen von Paul Ernst in Lübener Männerturnverein (MTV), Chronik des MTV, MTV-Turnerinnen, das Haus Ring Nr. 26, Lübener Musikfreunde, gesellschaftliche Ereignisse, Theo Dames (dessen Familie im gleichen Haus wohnte), Zeitdokument Feldpostkarte von Paul Ernst an seinen Sohn Karl vom 15.7.1943 und anderes, das Sie über das Google-Suchfeld auf der Startseite finden.


Paul Ernst mit der Mädchengruppe des Lübener Turnvereins

Paul Ernst mit seiner Mädchen-Turngruppe um 1934/35
1 Knoblich, 2 Berner, 3 Marianne Kirschke, 4 Keil, 5 Käte Schmidt, 6 Gretel Schmidt, 7 Grete Escherlor, 8 Inge Philipp, 9 Margarete Ludewig,
11 Paul Ernst mit Enkeltochter, 13 Hanne Berndt, 14 Anneliese Ludewig, 22 Käte Mansel, 23 Trudel Otto, 24 Schmidt, 25 Elisabeth Ludewig,
26 Ruth Tscheuschner, 27 Walter. Korrekturen und Ergänzungen willkommen. Das Foto wurde am Bismarck-Denkmal vor der Turnhalle gemacht. Das Bild und die Namen einiger Mädchen verdanken wir Elisabeth Arendt geb. Ludewig ebenso wie die folgenden Erinnerungen.

Der Deutsche Turnverein Frisch-Fromm-Fröhlich-Frei

Die vier "F" hatte sich Turnvater Jahn auf seine Fahne geschrieben. Auch in Lüben existierte der Turnverein. Er war aufgeteilt in verschiedene Altersgruppen. Ich war seit meinem 5. Lebensjahr dabei. Unsere Turnhalle befand sich in der Haynauer Straße. Unser Leiter war Schneidermeister Paul Ernst, der ein begnadeter Turner war. Er lehrte uns von Gymnastik an alles; alle Geräte, die Ringe und auch Leichtathletik. Wir wurden nicht zum Leistungssport getrieben, trotzdem gab jeder sein Bestes, und wir hatten sehr gute Turner wie z. B. die Gebrüder Schirmer dabei.

Unsere Übungsabende wurden immer mit einem Dauerlauf beendet, der verlief von der Turnhalle zu den Bahnschienen, hinter der Firma Böhme entlang bis durch den Schillerpark, Schwarze Brücke, Heil- und Pflegeanstalt, Polkwitzer Straße, Hindenburgstraße, Haynauer Straße, Turnhalle. Über Einschlafstörungen und Appetitlosigkeit konnten wir nicht klagen. Wunderschön waren auch alljährlich unsere Sportfeste, für die Turnerinnen das große Ereignis. Da konnten wir unsere schönen Kleider anziehen, Nesselkleider, auf Taille gearbeitet mit weitem schwingenden Rock. Hals- und Armausschnitte und Rocksaum waren abgeschlossen mit einem breiten gelben Band. Das gelbe Band war die Farbe von Schlesien... Elisabeth Arendt geb. Ludewig (1923-2011)