Michael "Unterwegs zu meinen Vorfahren - Teil 7"
Unterwegs zu meinen Vorfahren - Teil 8














7. Anwerbung, Preise und Bedingungen

Nach der Gründung 1870 des Baltischen Lloyds folgte eine Werbekampagne, um den Auswanderer-Transport bekanntzumachten. Hier ein Inserat, daß in der Zeitung "Hamburgische Börsenhalle" vom 7. Sep. 1871 erschien:

Zu diesem Zeitpunkt befanden sich nur die "Franklin" und die "Humboldt" in Betrieb, und verkehrten über Kopenhagen und Christiansand nach New York. Der Wunsch nach Auswanderung wuchs, und am 9. Mai 1872 lief die "Thorwaldsen" vom Stapel in Sunderland, England. Dort befand sich schon ein viertes Schiff, die "Ernst Moritz Arndt", im Bau.

Hier ein zweites Werbungsbeispiel, diesmal aus der "Politischen Wochenschau" vom 30. März 1872, die in Schlesien erschien:

Das angegebene Abfahrtsdatum der "Thorwaldsen" war überaus optimistisch, denn im Schriftverkehr der Reederei an die Stettiner Polizei-Direktion liest man, daß das Schiff erst im September desselben Jahres in Dienst gestellt werden konnte. Die Firma wurde in Schlesien durch Eduard Goehrke in Görlitz vertreten.

Nebenbei erwähnt warb die Firma auch in Amerika um Reisende, natürlich nach Europa, obwohl es sich dabei kaum um Auswanderer handelte, sondern um Touristen oder Geschäftsleute, aber vor allem aber um Fracht.

Es folgt ein Inserat aus der Zeitung "Der deutsche Correspondent" vom 29. Mai 1872, die in Baltimore, Maryland erschien.

Irgendwann müssen August und Heinrich Biessel auf diese Werbung aufmerksam geworden sein, und sich daraufhin entschlossen haben, auszuwandern. Eine wesentliche Frage war, was die Reise kosten würde.

Das Passagegeld von 55 Talern war für den Zwischendeck-Reisenden deutlich die billigste Möglichkeit. Mit der "Thorwaldsen", wurden im Jahr darauf zwei unterschiedliche Zwischendeckpreise angeboten. Wollte man weiterhin nur 55 Taler bezahlen, so wurde man im 2. Zwischendeck untergebracht. Aber für nur 10 Taler mehr, also für 65 Taler, konnte man jetzt eine Koje im 1. Zwischendeck, d. h. auf dem Hauptdeck, bekommen. Man sparte sich das Treppauf und Treppab, um zur Kombüse und den WCs zu gelangen. Wie sich August und Heinrich entschieden, ist unbekannt.

Wer sich die Preise genau angeschaut hat, entdeckt die Abkürzung "Pr. Crt". Diese Abkürzung stand für "Preußisch Courant" und bedeutete eine vollwertige kursierende Münze, deren Nominalwert durch das Metall, aus dem sie besteht, (nahezu) vollständig gedeckt war. Größere Zahlungen wurden zu dieser Zeit immer mit genauer Angabe der Kurantwährung in Verträgen vereinbart.

Die Überfahrts-Bedingungen erscheinen auf den nächsten beiden Seiten.

Wie schon erwähnt, wurde das Passagegeld vertraglich als "Preußisch Courant" vereinbart, wobei die Summe in "Rfl", also Reichs-Gulden, angegeben wurde. Um sich ihre Plätze zu sichern, mußten Zwischendeck-Reisende ein "Handgeld", also eine Anzahlung, von 20 Rfl abgeben.

Das mitgebrachte Gepäck mußte mindestens 24 Stunden vor der Abfahrt aufgegeben werden. Am Tag der Abfahrt gingen die Passagiere vormittags an Bord, und um 12 Uhr Mittags verließ das Schiff den Kai.

Jeder Erwachsene durfte Reisegepäck im Maße von 20 Kubik-Fuß gratis mitbringen. Umgerechnet und in runden Zahlen ausgedrückt, könnte dies z. B. eine speziell angefertigte Truhe mit Maßen von etwa 60 cm x 60 cm x 150 cm gewesen sein. Oder es hätte eine Kombination von Kisten und Koffern sein können, deren Volumen nicht 0,566 cbm überschritten, sonst kamen Überfrachtskosten dazu. Passagiere durften keine Spirituosen mit an Bord bringen, konnten sie aber während der Reise kaufen. Wie mögen sich August und Heinrich verhalten haben?

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