Ofensetzmeister Paul Rindfleisch (1897-1978)
Otto Rust - katholischer Pfarrer  (1871-1945)














Paul Rindfleisch wurde 1897 in Lüben geboren und erlernte den Beruf des Ofensetzers. Als Ofensetzmeister baute er sein Geschäft am Bleicherdamm 5 auf. Neben seiner beruflichen Tätigkeit widmete er sich der Taubenzucht. Er war verheiratet, hatte zwei Töchter, die Familie verschlug es 1945 nach Bielefeld. Ansonsten ist wenig bekannt über sein Leben. Um so mehr erkennen wir in seinen Geschichten den Gedanken- und Gefühlsreichtum eines alten Lübeners, seine Liebe zur Heimat und bewundern sein erstaunliches Gedächtnis. All unser Wissen über Lüben verdanken wir besonders jenen wie ihm, die sich die Mühe machten, ihre Erinnerungen aufzuschreiben!


»Das Haus in der Polkwitzerstraße 3 mit seinen Bewohnern, dem Herrn Amtsgerichtsrat Sonneck und seiner Ehefrau Emmy sowie mit seinen dienstbaren Geistern ist mir seit meiner frühesten Jugend gut bekannt gewesen. Als armer Lübener Junge konnte ich mir in den Jahren von 1903 bis 1911 so manches Mittagessen von Frau Rat Sonneck einverleiben. Sie ist in meiner Erinnerung der wohltuende Engel von Lüben geblieben. Und dem werden so manche alten Lübener Bürger beistimmen. Als Lehrling schon und dann auch als Gehilfe bin ich in diesem Haus bei Arbeiten an den Öfen tätig gewesen und habe dabei Gelegenheit gehabt, die guten dienstbaren Geister kennenzulernen. Und zu dem guten Geist Fräulein Alma Seidel gehörte noch der Kutscher und Kammerdiener Karl Hartmann.

Ofensetzmeister Paul Rindfleisch (1897-1978)

Er wohnte in der Kasernenstraße im Haus des Kupferschmieds Hübeler. Frau Rat Sonneck war in der Amtszeit von Pfarrer Schindler in der katholischen Kirche keine Unbekannte. Sie hatte neben dem Altar einen Ehrenplatz und der war bei kaum einem Gottesdienst leer. Eine Episode ist mir noch heute gut im Gedächtnis. Als ich einmal die Öfen zu reinigen hatte, hatte ich mich mit einem Kachelofen zu beschäftigen, wo beim Abschluß der Reinigung der angesammelte Ruß und die Flugasche in der Ofenfeuerung landeten. Was aber zauberte ich hervor, als ich die Asche herausnahm? - Einen großen, in Papier eingewickelten Rollschinken. Ich sehe noch heute die Augen von Fräulein Seidel, als sie sah, was ich entdeckt hatte. Öfen waren zur damaligen Zeit eben auch die besten Kühlschränke!«

Küchenpersonal im Hause Sonneck in der Hindenburgstr. 3, 1912

Küchenpersonal im Hause Sonneck Hindenburgstr. 3, 1912. Von links: Liesbeth, Frieda (bei der Teezubereitung), Alma Seidel, Minna (schürt den Herd), Kutscher und Kammerdiener Karl Hartmann († 1928). Ob es der Herd ist, den Ofensetzer Paul Rindfleisch einmal gereinigt hat?!


»Es war jene Zeit, als es noch auf dem Lübener Marktplatz Heringe gab. Und damals waren es unsere "Stadtsolten" (die Stadt-Alten), die Wachtmeister Fuhrmann, Ritz, August Koch, die Gendarmen Hoffmann und Springer, sowie die Kommissare Pfitzner und Otto Kressin und das Stadtoberhaupt, der Bürgermeister Otto Faulhaber, die gemeinsam die Ordnung im Städtchen aufrecht hielten.

Es ist fast, als ob man durch eine etwas unscharfe Brille noch unseren beliebten Kapellmeister August Pohlmann († 1916) mit seiner Kapelle und seinen Kanarienvögeln (den blaugelben Dragonern) stolz durch die Straßen reiten sieht. Und dann die Hubertusjagdreiter mit ihrer Hundemeute, voran Wachtmeister Ernst Schneider (daher nannte man ihn auch "Hunde-Schneider"). Im Sommer sorgte unser Bademeister Johnke mit seiner Frau in der Badeanstalt für Ordnung und im Winter auf der Eisbahn unser "Eismann" Heinzel mit seiner Frau. Für die turnsportlichen Angelegenheiten waren damals besonders aktiv der Lehrer "Papa" Wolf, Lehrer Zingel, Lehrer Maier sowie der Turnwart Schneidermeister Paul Ernst mit seinen Vorturnern, den Gebrüdern Klose. An allem sehr interessierte Bürger waren zu jener Zeit Professor Caspari, der das Gymnasium leitete, und Oberförster Menzel.

Früher wurde in Lüben jedes Vierteljahr ein Jahrmarkt abgehalten, der sich auf dem unteren und oberen Marktplatz, sowie in der Nieder-Glogauer Straße abspielte. Zu diesen Jahrmärkten stellten sich oft von weither Geschäftsleute mit ihren Waren ein. Die Winziger Schuhmachermeister waren mit ihren Lederwaren stark vertreten. Die Landarbeiter hatten - laut ihrem Vertrag - zweimal im Jahr einen halben Tag zu diesen Jahrmärkten frei, und selbst die Bauern verschmähten diese Märkte nicht, so daß nicht nur die Stadtbevölkerung als Käufer und Zuschauer erschien, sondern von jedem Dorf alles nach der Stadt fuhr oder kam.

Auf die Pferdeauspannungen waren folgende Gaststätten eingerichtet: Drei Kronen, Stadt Liegnitz, Goldene Krone, Weißes Lamm, Goldener Frieden, Schwarzer Adler, Goldener Anker, Zum Löwen, Goldener Hirsch, Prinz Wilhelm. Dabei sei nicht vergessen, daß die anderen Lokale auch ihre Stammkundschaft hatten, so denken wir an den Ratskeller im Rathaus und den Gasthof zur Hoffnung. Und abends wurde getanzt, da ging es dann in den Deutschen Kaiser, den Goldenen Frieden, ins Weiße Lamm und die Stadt Liegnitz. Dort ging es manchmal sehr heiß her, die Fröhlichkeit kannte zu später Abendstunde oft keine Grenzen. Es ist vorgekommen, daß die Dragoner dabei die Lampen mit ihren langen Säbeln auslöschten!

Es gehörte eigentlich schönes Wetter zu den Jahrmärkten, wir konnten aber auch damals nicht das Wetter bestimmen, und nach einem schönen Sommertag schickte Petrus 1916 auf die zahlreichen Jahrmarktbesucher Sturm und Regen. Das Unwetter war so stark, daß die Jahrmarktbuden in die Luft getragen wurden und so auch die Heringsbude von Fischer Neidel aus Wollin (genannt wurde er "Heringsbändiger"). Die Heringe schwammen plötzlich auf dem Marktplatz!

Auf den Jahrmärkten waren auch Sehenswürdigkeiten vertreten. Wir denken dabei an die Spielwaren von Frau Marie Griesohn und Frau Hoffmann ("Kamm-Hoffmann") und noch einer anderen Frau Hoffmann (die "Puttel-Hoffmann" genannt wurde, um sie von den anderen unterscheiden zu können). Letztere bot immer ihre roten Zuckerpfeifen und Zuckerputteln zum Verkauf an. Und die Bänkelsänger durften nie fehlen!

Und da ich schon in dieser ganz alten Zeit herumwandere, so erinnern wir uns noch an einige interessante Mitbürger unseres Städtchens: Emil Janus, den Hausboten vom "Grünen Baum", der seine Besorgungen immer barfuß mit einem großen Korb erledigte. Bekannte Gemüsehändlerinnen waren zu jener Zeit Frau Marie Quiel und Frau Schnieber, über deren Gemüsekörbe einmal ein Lübener Dragoner-Wachtmeister unsanft gestürzt sein soll. So tauchen Mitbürger vor uns auf, die schon längst die Erde deckt. In unseren Erinnerungen aber leben sie weiter!«


Ein Spaziergang in Gedanken

Wir treffen uns auf dem Bahnhof der Gartenstadt Liegnitz - sicher hatten wir in Liegnitz besondere Einkäufe erledigt - und fahren mit unserem "Expreß" über Rüstern, Vorderheide, vorbei an Fauljoppe, an Brauchitschdorf, Erlicht bis nach Lüben. Unser Bähnlein fährt weiter nach Koslitz, Groß-Rinnersdorf, Raudten. Zuerst grüßt uns auf dem Bahnsteig außer dem Fahrdienstleiter und anderem Personal der Bahnhofsvorstand, Inspektor Rehmie, der irgendwie, wie es von anderen behauptet wurde, dem Bahnhof eine gewisse Note gab. Sein allzu früher Tod (1929) änderte manches. Wen sahen wir noch? Die Herren Wenzel und Ließ, an der Sperre Herrn Grüttner oder Herrn Pätzold, Frau Kupke. Es lag ja so nahe, für eine Plauderstunde zum Raupach Oskar und seiner Anni in die Bahnhofswirtschaft zu gehen, wo uns am Büfett erst einmal die Hedel (Hedwig) Schroll begrüßte.

Nach einer kurzen Ruhepause stehen wir auf dem Bahnhofsplatz, rechts ist das Grundstück der Firma Kulmiz, wo Herr Kobelt der Leiter war; es geht vorbei an den Getreidespeichern der Gebr. Stein - zuletzt der Firma Gebr. Hoffmann, und wir kommen zur Zuckerfabrik mit Direktor Landgraf. Dabei sehen wir noch den Siedemeister Grabmann, Maschinenmeister Engelmann, Kassenverwalter Wieczorek mit Sohn, Maschinenmeister Vogt (Sohn des Kantors Walter Vogt aus Groß-Krichen), Kupferschmiedemeister Schünemann und seine Helfer Wenzel, Franz Heider, Skuras Vater und Sohn und noch so manchen anderen. Gegenüber der Zuckerfabrik lag die Güterabfertigung, wo einst die Herren Feierabend, Tampfel, Kittner und Dorf ihren Dienst versahen.

Wir gehen die Ladestraße an den Gleisen weiter, links blieb die Zuckerfabrik liegen, sowie das Wohnhaus, in dem Bedienstete der Fabrik wohnten, und sahen das Gut des Majors Schneider, und wenn wir über die Gleise in Richtung Altstadt gingen, fanden wir das Haus mit der Verwaltung der Kleinbahnstrecke Lüben-Kotzenau mit seinem ersten Verwalter Setzepfand und später mit Eisenbahninspektor Quack. Da stand auch gerade ein Zug der Kleinbahn, und aus dem Fenster der Lokomotive (die uns heute wie ein nettes Spielzeug anmuten würde) sah der allen bekannte Eisenbahner Renner.

Der Weg geht nun durchs Dorf Altstadt, das eben irgendwie zur Stadt gehörte: vorbei am kleinen Friesegut, an der Holzhandlung Liehr, Schwarzviehhändler Gustav Kühn; dann kam ein großes Gartengelände, daneben der Weg durch Wiesen nach Erlicht, und schon standen wir vor dem Tor von Frieses, das Gut führten die Kinder nach dem Tode der Eltern allein weiter. - Das Schreiber-Gut und ein wenig erhöht die Kirche mit dem Friedhof und dem Denkmal gegenüber Bauer Kaulisch, später Bauer Hoffmann. Etwas hinter der Kirche war Bauer Fengler, Hartert, dann die Schmiede und Fahrradhandlung von Hoberg, Bäckermeister Röhrich und die Schmiede mit ihrem Pächter Schmiedemeister Irrgang. Auf der Straße nach Kotzenau werfen wir einen Blick nach der in der Ferne sichtbar gewordenen Gemeinde Groß-Krichen.

Weiter geht es an der Schule vorbei mit Kantor Schröther, später Bartsch, dann kam Bauer Schreiber, Bauer Seiffert, Bauer und Schmiedemeister Schmidt, die Heimat des Baumeisters und Sägewerksbesitzers Fritz Schmidt, bis zu dem weitbekannten Rassegeflügelzüchter Stanislaus Nowitzki, wo auch später Studienrat Munderloh mit seiner Familie wohnte. Von hier geht unser Blick über den Fiebig, über den Lauseberg bis zur Sperlingsmühle. Nun geht es auf der anderen Seite zurück: Grundstück Löffler, das Kabitzgut, später Karl Hoffmann, Stadtgut: Pächter Laux.

Nun haben wir uns eine Erfrischung verdient und gehen zu dem immer freundlichen und lustigen Gastwirt Max Urban mit seiner fidelen Frau Mariechen. Dieses Gasthaus war ein beliebtes Ausflugslokal, zumal im heißen Sommer der Garten einlud. Es geht weiter der Stadt zu, das kleine nette Haus "Mir genügt's", Maurer Rose, später Gärtnerei Bienst, an den Grundstücken von Schornsteinfegermeister August Rischer, Major von Willissen mit seinem wertvollen Acker vorbei, rechts liegt das neue Stadtviertel, in dem Tischlermeister Reche seine Existenz aufbaute, Stadtkämmerer Scholz wohnte, Straßenbahner Schenski, Postbeamter Förster, dessen Tochter den Alfred Roufflair heiratete, Maurerpolier Karl Johnke, Bahnbeamter Artur Glade und die Tischlerwerkstatt von Deumert und Klüm; in der Güterstraße war die Wannenbadeanstalt mit Massage von Dumke; wir kommen an der Lübener Molkerei vorbei, an der neben der Eisenbahnlinie eine Schmalspurlinie für Kipploren zur Anstalt führte. Noch bevor die Eisenbahn überschritten wird, liegen auf der anderen Seite die Getreidespeicher von Walter und das kleine Gebäude der Bahnmeisterei. Einen Blick hinauf zum Stellwerk, dort grüßen wir einen der Bekannten, die treu ihren Dienst versehen, damit auch jederzeit die Schranke geschlossen wird, wenn ein Zug im Kommen ist.

Arbeiter und Angestellte der Firma Sägewerk Müller in der Haynauer Straße um 1924

Arbeiter und Angestellte der Firma Sägewerk Müller in der Haynauer Straße um 1924

Links an der Haynauer Straße ist das große Gelände mit Wohnhaus der Maschinenfabrik Behme, die weit über die Stadtgrenze bekannt war, vorbei am städtischen Grundstück (früher war es im Besitz der Geschwister Wuttig), in dem der allen Bewohnern bekannte Stadtinspektor Ewald Münster, Stadtgärtner Schneider, Ernst Maiwald, Heizer in der Gasanstalt, wohnten. Anschließend war das Grundstück von Maurermeister Fritz Hoffmann - gehen wir auf der anderen Seite zurück, so gehen wir an den Wohngrundstücken von Anderssohn, Gadebusch, Grabmann vorbei, kommen zur städtischen Turnhalle, zum alten Alumnat, daneben das Sägewerk, Baugeschäft, Parkettfabrik mit den vielen Werkstätten und Holzlagerungsplätzen von Max Müller mit seinem Prokuristen und Schwiegersohn Franz Diener, und nach der Straße zu gelegen die Villa dieses großen Betriebes. Dann stehen wir neben dem sogenannten neuen Alumnat, in dem die vielen auswärtigen Schüler wohnten. Dieses Gebäude war zuletzt Landwirtschaftsschule unter Direktor Knobloch. Auf der gegenüberliegenden Seite waren Gebäude der ehemaligen Kaserne (vor dem 1. Weltkrieg noch besetzt), in dem einen Gebäude war viele Jahre das Finanzamt untergebracht; und gehen wir hier weiter, so finden wir uns zu einem gemütlichen Beisammensein im Schießhaus ein. In ganz alten Zeiten kamen wir gerade recht, als der Garten überfüllt, das Sonntagskonzert der Kapelle des Reiter-Regiments (früher Dragoner-Kapelle mit August Pohlmann) und nun mit Kapellmeister Kaiser, eine beschwingte Atmosphäre schuf.

Diese Erinnerungen liegen sechzig Jahre zurück. Ob sich nach soviel Jahren auch an mich noch jemand erinnern wird?
Paul Rindfleisch, Lübener Heimatblatt 6/1972