Die Familie des Rechtsanwalts Wilhelm Kuhn (ca. 1870-1927)
August Kullmann (1832-1926), Ehrenbürger der Stadt Lüben














In der Chronik von Konrad Klose erfahren wir, dass Rechtsanwalt und Stadtverordneter Wilhelm Kuhn seit 1897 in Lüben tätig war. Viel mehr wusste ich nicht über ihn, bis ich die Autobiografie seiner Enkelin Prof. Dr. Annette Kuhn "Ich trage einen goldenen Stern" las und Kontakt zu ihr und ihrem Cousin Anselm Kuhn aufnahm. Sie übergaben mir Familienfotos zur Veröffentlichung. Herzlichen Dank beiden!

Silvesterfeier bei der Familie des Lübener Bürgermeisters Hugo Feige
Oben von links: Johannes und Elisabeth Hübner - Kinder des Arztes Dr. Paul Hübner, Helmut Kuhn - Sohn des RA Wilhelm Kuhn, Dr. med. Paul Hübner, Bürgermeister Hugo Feige, Direktor des Gymnasiums Erich Tscharntke, Heinrich Gerhard Kuhn - Sohn des RA Wilhelm Kuhn, Wilhelm Kuhn (ca. 1870-1927). Davor von links: Maria Hübner, Ehefrau des Arztes, Luise Feige, Ehefrau des Bürgermeisters, Margarete Tscharntke, Ehefrau des Oberstudiendirektors, Martha Kuhn, Ehefrau des RA, Ursula und Charlotte Hübner - Töchter des Arztes, Ende der 1920er Jahre


Die Brüder 1914 vor dem Elternhaus Faulhaberstr. 4. Helmut Kuhn als kriegsfreiwilliger 15jähriger Gymnasiast

1916 Offizier Helmut Kuhn mit Kriegsorden

Zwei Jahre später:
Leutnant Helmut Kuhn mit Kriegsorden

Helmut und Heinrich Kuhn 1916

Helmut und Heinrich Kuhn 1916



In einem weiteren Foto-Album fand Helmuts Tochter Annette Kuhn diese Bilder, die ihren Vater als 15/16jährigen Soldaten - später Leutnant im 1. Weltkrieg zeigen. Leider gibt es keine Notizen zu den Fotos, so dass wir nicht wissen, wo sie aufgenommen wurden und wer die anderen Personen sind. Es reicht unser Erschrecken, dass Kinder Krieg führten und begeistert für Kaiser, Volk und Vaterland sterben wollten. Dank Anselm Kuhn für die Übermittlung der Fotos.


Helmut Kuhn (1899-1991) - Ein großer Sohn unserer Stadt
H. W. Jänsch in LHB 6/1991 und 3/1992 mit Ergänzungen aus öffentlich zugänglichen Quellen

Wir Lübener haben den Tod eines Landsmannes zu beklagen, dessen Name uns, seinen Landsleuten und ehemaligen Mitschülern - wiewohl in der Kartei der ehemaligen Gymnasiasten verzeichnet - bislang so gut wie nichts sagte. Niemand kannte ihn mehr persönlich, schon längere Zeit zurückliegende Versuche der Kontaktaufnahme blieben ohne Resonanz. Erst jetzt, nach seiner Beisetzung, entnehmen wir den Würdigungen, die sein Werk und sein Wirken in verschiedenen Nachrufen gefunden haben, welches hohe Ansehen eben dieser Name bei den Geisteswissenschaftlern in aller Welt genießt, und wir vermögen die Tragik kaum zu begreifen, die darin liegt, daß wir den großen Sohn, den unsere schlesische Heimatstadt hervorgebracht hat, erst richtig kennenlernen, nachdem er uns bereits wieder genommen ist.

Am 2. Oktober 1991 verstarb in München im gesegneten Alter von 92 Jahren der namhafte Philosoph und Philologe Professor Dr. phil. Helmut Kuhn. Er wurde am 22. März 1899 als Sohn eines Lübener Rechtsanwalts geboren und besuchte dort das Realgymnasium. In den Jahresberichten der Schule von 1911 bis 1914 wird er jedes Jahr erwähnt. Mehrfach weil er zu Schulfeiern Gedichte vortrug, aber auch als Ausgezeichneter und 1914 als jüngster Kriegsfreiwilliger.

Nach dem Krieg begann er sein Studium, promovierte 1923 und habilitierte 1930 in Berlin, wo er anschließend als Privatdozent arbeitete. 1935 mußte er seiner jüdischen Abstammung wegen unter dem Druck der Naziherrschaft Deutschland verlassen. Er emigrierte nach Amerika, wo er an verschiedenen Universitäten Philosophie lehrte. Daneben hielt er politische Vorträge in Kriegsgefangenenlagern.

Nach seiner Rückkehr 1949 erhielt er zunächst einen Lehrstuhl an der Universität Erlangen. 1953 wurde er dann nach München berufen, zuerst als Professor für Amerikanische Kulturgeschichte und ab 1958 als Professor für Philosophie... Seine Verdienste um die Wissenschaft wurden mit dem Maximiliansorden für Kunst und Wissenschaft und dem Bayerischen Verdienstorden gewürdigt. Am 8. Oktober 1991 wurde er auf dem Friedhof München-Bogenhausen zu Grabe getragen. Er ruht dort an der Seite seiner Ehefrau, die schon 1971 verstarb.

Wenn ihn auch kein Landsmann auf seinem letzten Weg begleiten konnte, so wird künftig doch auch ein Quentchen seines Ruhmes auf seine Vaterstadt fallen, als deren großer Sohn er in der Geschichte Lübens und in unseren Herzen fortleben wird.

Immerhin gibt es in Frau Dr. Ingeburg Feige, einer Tochter unseres verehrten ehemaligen Lübener Bürgermeisters Hugo Feige, noch eine Zeitgenossin Helmut Kuhns, der wir ein paar interessante Einzelheiten verdanken. Sie schöpft aus ihren Erinnerungen an die Zeit, da die Familien Kuhn und Feige miteinander befreundet waren. Danach entstammt der Vater Helmut Kuhns einer alteingesessenen, angesehenen jüdischen Görlitzer Anwaltsfamilie. Die Mutter Helmut Kuhns war evangelische Diakonisse. Er selbst war ebenfalls evangelisch getauft worden.

Er hatte noch einen jüngeren Bruder namens Heinrich. Die Familie bewohnte in der Faulhaberstraße Nr. 4 gegenüber dem sogenannten Bürgermeisterhaus ein ansehnliches villenartiges Anwesen. Dort befand sich auch die Kanzlei des Vaters. Aus der engen Nachbarschaft entwickelte sich zwischen den beiden Familien alsbald eine Freundschaft. So kann sich Frau Dr. Feige noch gut an eine gemeinsame Silvesterfeier (siehe Foto oben) im Bürgermeisterhaus erinnern, auf der es unter der ebenfalls anwesenden Jugend recht turbulent zuging. Ihr Bruder Konrad Feige erwähnte in seinen Erinnerungen mehrfach die Familie Kuhn.

Als Rechtsanwalt Wilhelm Kuhn 1927 verstarb, verlegte seine Frau ihren Wohnsitz nach Göttingen. Bei der Auflösung des Lübener Haushalts übernahm die Familie Feige den Kuhn'schen Seiler-Flügel. Der Kontakt zwischen der Mutter von Frau Dr. Feige und Frau Kuhn riß bis zu deren Tod nicht ab. Das Kuhn'sche Anwesen erwarb der aus Lüben stammende Fleischermeister Otto Hoffmann.

Beide Söhne Kuhn waren hochbegabt und besuchten unser Lübener Gymnasium bis zum Abitur. Helmut legte es nach den damals geltenden kriegsbedingten Sonderbestimmungen vorzeitig ab, um sich zum Leidwesen seiner Eltern anschließend sofort freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Seine außergewöhnlichen geistigen Anlagen und sein rhetorisches Talent kündigten sich bereits in früher Jugend an. Wie ich inzwischen aus alten Schulberichten ermitteln konnte, wurde er in die Gestaltung aller Schulfeiern als Rezitator herangezogen und erhielt wegen seiner hervorragenden schulischen Leistungen 1912 zu Kaisers Geburtstag als "Kaiserprämie" das Buch "Aus dem Leben Friedrichs des Großen" überreicht.

Nach seiner Berufung zum Professor lehrte Dr. Helmut Kuhn in Berlin. 1935 musste er dem Naziregime seine Abstammung nachweisen. Sich selbst nannte er nach der geltenden Rassedefinition "Mischling ersten Grades", seine Frau war sog. "Volljüdin". Das Todesurteil! Helmut Kuhn wurde die Lehrberechtigung entzogen. Er versuchte sich dagegen zu wehren, indem er darauf hinwies, dass er 1914 im Alter von noch nicht einmal 16 Jahren als Kriegsfreiwilliger für Deutschland in den Krieg gezogen war, zweimal verwundet wurde, das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse erhalten habe und im September 1915 zum Leutnant befördert worden war. Nach Kriegsende habe er dem oberschlesischen Grenzschutz angehört, sich jedoch nie politisch betätigt und keiner Partei angehört. All das zählte nicht mehr. 1936 wurde die "Rechtmäßigkeit" seiner Entlassung endgültig bestätigt. Daraufhin emigrierte Helmut Kuhn in die USA. Vielleicht der letztmögliche Zeitpunkt, um der Deportation zu entgehen.

Von 1937 bis 1947 wirkte er anfangs als Gastprofessor, dann als ordentlicher Professor an der Universität von North Carolina und von 1947 bis 1949 an der Emory-Universität Atlanta. Obwohl er Bürger der Vereinigten Staaten weder sein noch werden wollte, blieb ihm, wie er sich ausdrückte, das "Gefühl der Ortslosigkeit" erspart. Dazu trugen die vielen Bekanntschaften und Freundschaften bei, die er sich im Exil erschloß. In diese Zeit fällt auch seine Begegnung mit der Theologie.

Nach seiner Rückkehr und Berufung nach Erlangen widmete sich Kuhn mit großer Hingabe der geistigen Neugestaltung Deutschlands. Folgerichtig war Helmut Kuhn in vielen Fachvereinigungen in führender Stellung tätig. So war er z. B.:
- Geschäftsführer der deutschen Kantgesellschaft
- Vorsitzender der deutschen Gesellschaft für Amerikastudien
- Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland und
- Rektor der Hochschule für Politik in München.

Die von Kuhn hinterlassenen Werke sind kaum überschaubar. - A History of Esthetics, 1956 - Der gefesselte Prometheus, 1940 - The True Tragedy. On the Relationship between Tragedy and Plato, 1941/42 - Freedom Forgotten and Remembered, 1942 - Encounter with Nothingness. An Essay on Existentialism, 1949 - Begegnung mit dem Nichts, 1950 - Begegnung mit dem Sein, 1954 - Sokrates, 1959 - Wesen und Wirken des Kunstwerks, 1960 - Romano Guardini - Der Mensch und das Werk, 1961 - Das Sein und das Gute, 1962 - Schriften zur Ästhetik, 1966 - Der Staat, 1967 - Rebellion gegen die Freiheit, 1968 - Liebe, Geschichte eines Begriffs, 1975 - Der Weg vom Bewußtsein zum Sein, 1981 - Die Kirche im Zeitalter der Kulturrevolution, 1985 - Romano Guardini - Philosoph der Sorge, 1987

Am 2. Oktober 1991 hat sein Herz aufgehört zu schlagen, in seinen Werken lebt er weiter.
Hans Werner Jänsch, 1991/92 im Lübener Heimatblatt



Ruhestätte von Käthe und Helmut Kuhn auf dem Friedhof St. Georg in München/Bogenhausen, 2013

Ruhestätte von Käthe und Helmut Kuhn auf dem Friedhof St. Georg in München/Bogenhausen, 2013

Ruhestätte von Käthe und Helmut Kuhn auf dem Friedhof St. Georg in München/Bogenhausen, 2013

Ein Nachfahre von Lübenern entdeckte 2013 auf dem Friedhof St. Georg in München/Bogenhausen die Ruhestätte von Käthe und Helmut Kuhn und stellte die Fotos zur Veröffentlichung zur Verfügung. Herzlichen Dank!



Heinrich Gerhard Kuhn (1904-1994) - Ein großer Lübener

Heinrich Kuhn, der jüngere Bruder von Helmut Kuhn, hat ebenso Herausragendes geleistet. Auch er besuchte das Lübener Gymnasium und in den Schuljahresbericht von 1914 und 1915 wird erwähnt, dass bei der Feier zum Kaisergeburtstag 1914 "Sextaner Kuhn das Gedicht 'Der Kaiser am Rhein' von Ute Muellenbach deklamierte". Am 27. Januar 1915 - der erste Weltkrieg war im Gange - feierte die Schule des Kaisers Geburtstag durch den Vortrag "guter neuerer Kriegsgedichte". Der Quintaner Heinrich Kuhn u. a. deklamierten gemeinsam "Der weiße Goeben" von Ludwig Ganghofer. Die Gedichte werden weiter unten zitiert.

Heinrich Kuhn ist der Vater von Anselm Kuhn, in dessen Besitz sich die Lebenserinnerungen seines Vaters befinden, aus denen ich hier auszugsweise die Abschnitte wiedergeben darf, die sich mit seinem Leben in Lüben befassen. Ein herzlicher Dank geht nach England!

Erinnerungen aus meinem Leben
Heinrich Gerhard Kuhn

Meine Eltern schufen sich in Lüben nach ihrer Hochzeit im Jahr 1898 ihr Heim. Lüben war eine attraktive, aber sehr kleine und unbedeutende deutsche Stadt. Sie hatten wenig Geld, und das finanzielle Risiko und die Kosten bei der Gründung einer Rechtsanwaltskanzlei wären in einer größeren Stadt nicht aufzubringen gewesen. Die Stadt hatte fast 20.000 Einwohner, diese Zahl schloss ein Kavallerie-Regiment, die 4. Dragoner, und eine Provinzial-Heilanstalt ein, beide am Rande der Stadt gelegen.

Das alte Zentrum der Stadt hatte eine mittelalterliche gotische Kirche mit Kirchhof, einen Marktplatz mit einem Rathaus in der Mitte, Arkaden mit vielen Geschäften und auch einen alten Gasthof, den Grünen Baum, wo die Menschen sich aufhalten konnten und wo die Einheimischen am Abend zusammen um den Stammtisch saßen. Es gab auch das Amtsgericht und ganz in der Nähe hatte mein Vater sein Büro, wo er seine Klienten empfing und wo die Schreibkräfte arbeiteten. Der Mittelpunkt meines Lebens war zweifellos unser Heim, das in den ersten Jahren meines Lebens eine Wohnung im ersten Stock eines Hauses auf einer Hauptstraße war, die von der Innenstadt zum Bahnhof führte.

Ausschnitt aus dem alten Stadtplan Faulhaberstraße

Ausschnitt aus dem alten Stadtplan. Das Internat war früher das "Bürgermeisterhaus". Schräg gegenüber die Nr. 4 gehörte den Kuhns.
Auch diese Nähe trug zur Freundschaft der beiden Familien bei.

Rechts neben dem

Rechts neben dem "Hexenhäuschen" das Haus mit dem ockerfarbenen Dach war die Nr. 4, das Heim der Familie Kuhn.

Das Haus heute

Hundert Jahre später erstrahlt das Haus in neuem Glanz. Die Straße heißt jetzt ul. Henryka Sienkiewicza und das Haus hat die Nr. 5.

Es gab keinen Garten, aber einen großen Birnbaum auf dem Hinterhof, der uns und die anderen Mieter mit Birnen versorgte. Am interessantesten in der Straße waren für mich die großen Pferdewagen voller Zuckerrüben, die zur Zuckerfabrik am Rande der Stadt gebracht wurden. Ihnen folgten oft kleine Kinder, die den Kutscher anbettelten, ihnen eine Rübe herunterzuwerfen, aus der ihre Mutter Sirup machen würde.

Nach ein paar Jahren in dieser Wohnung beschlossen meine Eltern, ein Haus zu bauen. Der Bau des Hauses sowie die Vorbereitung und Gestaltung des Gartens wurden eine aufregende Erfahrung für mich. Meine Liebe zur Gartenarbeit bis zum heutigen Tag geblieben. Ganz in der Nähe in Sichtweite unseres Hauses wurde das neue Realgymnasium gebaut, eine Schulform, in der eine klassische Sprache (Latein), Mathematik und Naturwissenschaften gelehrt wurden, die zum Abitur führten, das für ein Universitätsstudium oder einen Fachhochschulbesuch berechtigte. Neben seiner beruflichen Tätigkeit war mein Vater, der auch Stadtverordneter war, offenbar sehr aktiv bei der Planung und Gründung dieser Schule. Er bildete auch eine Gesellschaft zur Förderung der öffentlichen Bildung (Volksbildungsverein), wo er Gespräche über viele Themen organisierte und gelegentlich auch selbst Vorträge zu wissenschaftlichen Themen hielt.

Die neue Schule war keine Internatsschule, aber der Erfolg einer Schule in einer so kleinen Stadt hing sehr stark von den Einrichtungen für Internatsschüler ab. Ein kleiner Teil der Schüler konnte in einem separaten Gebäude (dem Alumnat) unter einer gewissen Aufsicht, die durch die Schule und die Stadt zur Verfügung gestellt wurde, untergebracht werden. Aber das lief nicht sehr gut, häufig gab es Disziplinprobleme.

Um bei der Lösung dieses Problems zu helfen, bauten meine Eltern unser Haus mit ein paar Extra-Zimmern, so dass sie bis zu drei Schüler in Pension nehmen konnten Sie hatten natürlich das Recht, geeignete Schüler auszuwählen. Die Sache funktionierte tatsächlich sehr gut. Es gab also während des Schuljahres eine Erweiterung unserer Familie um zwei oder drei Mitglieder, nicht viel älter als mein Bruder. Meine Erinnerungen an diese Großfamilie sind durchaus positiv, ich fand diese Schüler interessant und freundlich und, als jüngstes Mitglied, wurde ich wohl ein wenig verwöhnt. Es gab sehr wenige Ereignisse, bei denen mein Vater oder sogar meine Mutter ihre elterliche Autorität einsetzen mussten, und selbst diese sind in meiner Erinnerung nur als amüsante Geschichten gespeichert, bleiben lebendige Erinnerungen für mich. Ich will mich auf ein Beispiel beschränken.

Einer unserer Pensionsschüler kam aus Berlin, er war elternlos und in der Schule dort nicht gut vorangekommen, so dass sein Vormund ihn auf die Schule nach Lüben geschickt hatte, weit weg von den Versuchungen der Großstadt. Eines Tages kurz nach den Sommerferien klingelte eine junge Dame an der Tür und fragte meine Mutter, ob sie Dr. Kurt M. sprechen könne. Meine Mutter erklärte, dass sie keinen Dr. M. kenne, nur einen Gymnasiasten Kurt M.

Es stellte sich heraus, dass Kurt M. sie an der Küste getroffen und sich mit ihr verlobt hatte. Es endete in Tränen, und ich weiß nicht, ob mein Vater die Angelegenheit dem Vormund berichtete, dieser mächtigen geld-produzierenden Figur im Hintergrund.

Nicht überraschend kündigte der Vormund nicht lange danach einen Besuch in Lüben an, eine ziemlich erschreckende Aussicht für den armen Kurt. Ich muss hier betonen, dass "Schüler" eine technisch korrekte Beschreibung von Kurts Position in einer Schule der unteren Mittelschicht war, aber nicht seinem Aussehen oder seiner Persönlichkeit entsprach. Seine Schulkarriere in Berlin muss extrem langsam vorangeschritten sein, denn zur Zeit meiner Geschichte muss er mindestens 20 Jahre alt gewesen sein. Damals wollten in Deutschland einige Schüler in diesem Alter junge Männer sein und trugen gestärkte, hohe Kragen, vor allem wenn Geld im Hintergrund eine Rolle spielte wie in Kurts Fall.

Ich kann nicht beschreiben, wie der Besuch des Vormunds verlief, da mir Einzelheiten wahrscheinlich nie gesagt wurden. Ich erinnere mich jedoch an den Tag danach, als Kurt auftauchte, freudestrahlend und mit dem Bericht von den Geschehnissen. Der Vormund war im Grüne Baum abgestiegen, wo er einen geselligen und feuchtfröhlichen Abend verbracht hatte und spät am nächsten Morgen wurde er auf dem Boden neben seinem Bett gefunden, aus dem er gefallen war und sich seine Hand oder Finger gebrochen hatte, so dass er fast bewusstlos und mit Blut befleckt aufgefunden wurde. Geschichten wie diese zirkulieren in einer kleinen Stadt sehr schnell, und diese muss dem Ansehen eines Vormunds beträchtlich geschadet haben. Das ist wirklich ein ziemlich trauriges Beispiel für einen im Grunde sehr netten Jungen, der ohne elterliche Fürsorge aufwachsen musste, ausgestattet mit Geld, aber nicht mit großen Gaben an Charakter oder Intelligenz.

Dr. Martin Treblin mit den Wandervögeln unterwegs in Alt Raudten

Heinrich Kuhn auf einem Foto der Lübener Wandervögel unter Leitung
des Lehrers Dr. Martin Treblin. Von links: ein Dorfjunge, Günther Kienast, Walter Lange, Dr. Martin Treblin, Wende, Heini-Heinrich Kuhn und Herbert Baumgärtner.

Es ist nicht beabsichtigt die meisten unserer Pensionsgäste zu beschreiben. In der Tat kamen die meisten von ihnen aus guten, kultivierten Familien auf dem Lande, zu weit von Lüben, um täglich zur Schule zu fahren. Ein paar kamen aus dem schlesischen Landadel, und sie alle kamen in der Schule gut voran und waren angenehme Mitglieder unseres Hauses.

Ich erinnere mich an einen, der ungefähr in meinem Alter war und dessen Name Anlass zu vielen freundlichen Hänseleien in der Schule gab. Er war ein Baron von Koeckeritz, und es gab einen bekannten Reim, der an die Zeit der Raubritter erinnerte:
Vor Koeckeritz und Lüderitz,
Vor Krachten und vor Itzenplitz,
Bewahr uns lieber Herre Gott -
vor Pestilenz und Schwerer Not,
bewahre uns, o Herre Gott.

Mein Bruder Helmut, 5 Jahre älter als ich, stellte ein wichtiges Mitglied unserer Familie dar, ebenso die Pensionsgäste. Im September 1914 trat er als Freiwilliger (im Alter von 15 ˝) in das Deutsche Heer ein, und bald danach mussten auch unsere Pensionsgäste uns für den Kriegsdienst verlassen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte natürlich Einfluss auf das Leben aller. Ihm ging ein hohes Maß politischer Propaganda in der Schule voraus. Die Haupttendenz dabei war die Idee einer angeblich absichtlichen Einkreisung des friedlichen Deutschlands durch die Alliierten, mit dem Schwerpunkt auf England als Haupt-Verschwörer. Ich erinnere mich an eine gedruckte Broschüre, die jedem Schüler ausgehändigt wurde, mit Passagen aus Berichten der deutschen Botschafter mehrerer Länder, die in einem sehr offiziellen, scheinbar objektiven Stil versuchten, die aggressiven Absichten der Alliierten zu zeigen. Die Wirkung auf die Freiwilligenmeldungen muss beträchtlich gewesen sein.

Der Tag, an dem der Krieg erklärt wurde, steht in meiner Erinnerung ganz klar vor mir. Mein Vater war gerade nach Hause gekommen und ich sehe uns immer noch in der Eingangshalle stehen, während er sagt: "Der Krieg ist erklärt worden." Es muss genau die richtige Art gewesen sein, mit der er das sagte, und seine düstere Stimmung gab mir das Gefühl, dass gerade etwas Schwerwiegendes passiert war. Andere Erinnerungen aus dieser Zeit sind solche der allgemeinen Verwirrung und der Gerüchte. Ich sehe mich noch in einer Menschenmenge an einer Stelle, wo eine breite Landstraße von Osten in die Stadt führte. Wir alle beobachteten den ankommenden Autoverkehr. Es gab ein Gerücht, dass große Mengen von Goldbarren von Russland nach Frankreich transportiert würden, und dies war eine der großen Durchgangsstraßen. Es war ziemlich naiv, und wir waren wahrscheinlich in der Hoffnung, schneebedeckte Autos mit Russen zu sehen, die angehalten und von der Polizei festgenommen würden. Im Alter von 10 schienen viele Dinge möglich und sehr aufregend zu sein, aber in der Realität natürlich geschah nichts dergleichen.

Andere Dinge aber sind in Lüben passiert wie in allen anderen Städten; neue Regimenter wurden in unglaublich großer Zahl und in großer Eile gebildet, in unserem Fall ein Infanterie-Regiment Nr. 225. Viele sehr junge Menschen im Einberufungsalter tauchten auf, machten sich manchmal ein Jahr älter oder zwei. So kam es, dass mein Bruder Helmut eines Tages in Uniform erschien, auf dem Foto sieht er aus wie ein Schuljunge in einer schlecht sitzenden Uniform. Es gab natürlich einen verzweifelten Mangel an Offizieren, um sie auf jedwede Verwendung im Krieg vorzubereiten. Einige von ihnen wurden bald an die Ostfront geschickt, und es gab schreckliche Geschichten über viele dieser unausgebildeten Soldaten, die sinnlos starben. Meine Eltern müssen sehr unglücklich und besorgt darüber gewesen sein, und ich möchte über das, was dann passiert ist, sagen, dass es sehr typisch für meine Mutter war.

Das Ehepaar Wilhelm und Martha Kuhn mit den Söhnen Helmut und Heinrich um 1913

Das Ehepaar Wilhelm und Martha Kuhn mit den Söhnen Helmut und Heinrich um 1913

Vor ihrer Heirat war meine Mutter in einem Breslauer Diakonissenhaus als Krankenschwester ausgebildet worden, und einer ihrer Patienten hatte später - vor allem während des Krieges - eine einflussreiche Stellung erreicht. Er war meiner Mutter zu der Zeit sehr dankbar und hatte ihr gesagt, dass sie, wenn sie jemals Rat oder Hilfe brauche, nicht zögern solle, ihm zu schreiben. An ihn, einen General v. Bissing , schrieb sie nun und fragte, ob er etwas tun könne, damit ihr Sohn in ein anderes Regiment versetzt würde, wo er vor seinem Fronteinsatz erst einmal richtig ausgebildet werde. Sie fügte auch ein Foto bei. Die Antwort kam sofort: Er schickte ihr einen Einführungsbrief an den Kommandanten eines regulären Regiments und bat sie, ihn zu besuchen. Mein Bruder wurde dann sofort versetzt, richtig ausgebildet und verbrachte den Krieg an der Front als Leutnant. Zum Zeitpunkt dieser Ereignisse habe ich wahrscheinlich von den hier erwähnten Einzelheiten nichts gewusst, obwohl ich alt genug war, um die Erleichterung meiner Eltern zu teilen, und sah, dass der sinnlose Befehl, meinen Bruder praktisch ohne Ausbildung in den Krieg zu schicken, irgendwie abgewendet worden war.

Es gab noch andere Begebenheiten im Leben meiner Mutter, weniger dramatische, aber auch wichtige, wo Hilfe nötig war und wo sie schnell und aktiv Hilfe leistete, was Mühe oder Zeit, Überwindung oder Risikofreude erforderte. Um das verständlich zu machen, möchte ich hier einiges über meine Eltern einfügen.

Mein Vater kam aus einer jüdischen Familie. Der Name Kuhn ist oft von jüdischer Herkunft, aber nicht immer. Meine Mutter war eine geborene Martha Hoppe. Ihre Familie kam aus dem Osten des Deutschen Reichs, das nun weitgehend zu Polen gehört. Ihr Vater war der Bauer Karl Hoppe, verheiratet mit Christiane Charlotte geb. Hampus. Meine Mutter wuchs auf dem Lande auf und ich erinnere mich, dass sie keine Schwierigkeiten hatte die Ziege zu melken, die wir während des Krieges - weitgehend zu meinem Nutzen - gekauft hatten.

Nach der Volksschule wurde sie in ein evangelisch-lutherisches Diakonissen-Mutterhaus nach Breslau zur Ausbildung als Diakonisse und Krankenschwester gegeben. Dafür wurden junge Mädchen mit christlichem Hintergrund aufgenommen. Es war so etwas wie ein religiöser Orden, aber ohne lebenslange Verpflichtung.

Die Eltern meines Vaters, Max Kuhn und Charlotte geb. Henschel, waren Juden, und mein Vater wurde in diesem Glauben erzogen. Sie hatten eine Tochter Hedwig (Hedi) und drei Söhne, deren ältester mein Vater Wilhelm war. Alle drei Söhne studierten an der Breslauer Universität. Weil ein Universitätsstudium nicht öffentlich finanziert wurde, mussten diese Ausgaben aus dem bescheidenen Kurzwarengeschäft meines Großvaters in Waldenburg erbracht werden. Das Geld muss immer ziemlich knapp gewesen sein. Die Fachrichtungen, die die drei Söhne studierten, waren offensichtlich so gewählt, dass man damit auch seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte.

Mein Vater war immer sehr interessiert an Naturwissenschaften und wählte anfangs das Medizinstudium. Er war jedoch ein recht sensibler Mensch, und das Studium der Anatomie mit den Gerüchen und Unannehmlichkeiten, die ein Seziersaal mit sich bringt, scheinen der Hauptgrund für seinen Wechsel zum Jurastudium gewesen zu sein. Da den Juden Karrieren im öffentlichen Dienst zu dieser Zeit verschlossen blieben, wurde er nach dem Abschluss seines Studiums Rechtsanwalt. Sein jüngerer Bruder Georg wählte die gleiche Karriere.

Sein Leben als Jurastudent in Breslau brachte meinen Vater in Kontakt mit einem anderen Zweig der Familie Kuhn, einem Arzt Dr. Kuhn und seiner Familie, wo er oft eingeladen wurde. Ihr Sohn Georg, der in einer Bank arbeitete, wurde ein guter Freund meines Vaters. Nach dem zweiten Weltkrieg, als Schlesien einschließlich Breslau polnisch wurde, mussten Georg Kuhn und seine Frau Martha ihr Heim und ihren Besitz verlassen und sich als Flüchtlinge in Murnau in Bayern niederlassen. Meine Mutter blieb mit ihnen in Kontakt, und nach ihrem Tod setzte ich die Korrespondenz fort. Ich bewahre Georgs Briefe bis heute wie einen Schatz. Darin erzählt er viel über meinen Vater in seiner Zeit als Student in Breslau und während der Zeit seines Wehrdienstes. Ich bedauere, dass ich nie in der Lage war, diesen Freund meines Vaters persönlich zu treffen.

Es war in Breslau, und vor allem durch Georg Kuhn und seine Eltern, als mein Vater, dieser jüdische Jurastudent, ein junges Mädchen traf, Martha Hoppe, eine Diakonisse evangelisch-lutherisch christlichen Glaubens und Erziehung, und bald verliebte er sich in sie.

Fragen die Kinder in ihrer Jugend oder ihrem späteren Leben ihre Eltern darüber aus, wie es kam, dass sie einander heirateten? Die Antwort hängt wahrscheinlich sehr stark vom Verlauf ihres eigenen Lebens ab. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, meine Eltern danach befragt zu haben, solange es noch eine Chance dazu gab. Allerdings kamen einige Briefe meines Vaters an sie, Martha Hoppe, durch meine Mutter in meine Hände. Aus diesen und aus den alten offiziellen Dokumenten habe ich eine klarere Vorstellung davon gewonnen, wie diese Ehe trotz anfänglicher Schwierigkeiten zustande kam.

Zwei Dinge geschahen am selben Tag in Dresden, nämlich am 4. Juni 1898: der junge Wilhelm Kuhn nahm den christlichen Glauben an und heiratete die junge Martha Hoppe, und beides wurde sanktioniert und bestätigt von einem Geistlichen der reformierten christlichen Kirche.

Die einzige Verbindung unserer Familie mit Dresden war die Tatsache, dass Hedwig Grosse - oder Tante Hedi - dort lebte. Sie war die Frau, und später nach 1891, die Witwe des Bildhauers und Malers Franz Theodor Grosse, Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Dresden. Sie war eine Schwester des Musikers George Henschel und die Halbschwester meiner Großmutter. Ich habe gehört, dass die Ehe ihres Sohnes Wilhelm mit einem christlichen Mädchen nicht ganz im Sinne der Eltern war, die zwar jüdisch, aber religiös nicht sehr aktiv waren.

Die Ablehnung kann kaum von Tante Hedi stammen, deren Mann kein Jude war. Es ist offensichtlich, dass diese Tante Hedi, die wir alle als sehr sanfte und freundliche Person kannten, diese Ehe unterstützte und ihr Heim als freundliche Basis dafür bot. Die beiden großen, kostbaren Bände einer illustrierten Doré-Bibel hatten immer einen Ehrenplatz in meinem Elternhaus in Lüben. Sie waren offensichtlich ein Hochzeitsgeschenk von dieser guten großartigen Tante Hedi. Diese Bände, zu groß, um in einem normalen Buchregal aufbewahrt zu werden, sind nun in unserem Besitz. Einer unserer letzten persönliche Besuche vor unserer Auswanderung nach England war ein kurzer Besuch in Dresden, so dass meine Frau Mariele meine großartige Tante Hedi auch kennengelernt hat.

Glücklicherweise muss die anfangs fehlende Erlaubnis der Großeltern für eine Heirat der beiden sehr bald nachgeholt worden sein. Ihr Zuhause in Görlitz wurde ein wichtiges Zentrum der Familie für uns, und in späteren, härteren Zeiten von Krieg, Inflation und schlechter Gesundheit im Alter war es meine Mutter, die sie immer besuchte und in vielerlei Hinsicht aktiv half.

Vor dieser Zeit, als ich noch ein kleines Kind war, haben wir manchmal Weihnachten mit den Großeltern verbracht, die hatten immer einen Weihnachtsbaum mit Kerzen und allem, was dazu gehörte. Meine schönsten Erinnerungen jedoch sind die von Sommerbesuchen. Mein Großvater nahm mich dann auf Spaziergänge in den Park mit. Nachdem er einige Mehlwürmer gekauft hatte, setzten wir uns auf eine Bank, um auf die Vögel zu warten, die ganz zahm waren und sich manchmal sogar auf unsere Hände setzten. Meist waren es zahme Rotkehlchen, aber auch Meisen, Finken und Amseln kamen zu meiner großen Freude ganz nah. Andere Male mieteten wir ein Ruderboot auf der Neiße, mein Großvater saß immer am Steuerruder, während ich und andere ruderten. Während einer Pause wurde das Boot an Land gezogen und Großmutter öffnete einen Beutel mit köstlichen Bananen und Orangen.

Martha Kuhn mit Helmut und Heinrich um 1925

Martha Kuhn mit Helmut und Heinrich um 1925

Zum Kreis der Familie in Görlitz gehörte auch Onkel Georg, der Bruder meines Vaters. Er war sehr musikalisch und heiratete Johanna van der Linden, eine niederländische Sängerin, die er oft auf dem Klavier begleitete. In ihrem Heim hörte ich oft gut vorgetragene klassische Musik. Leider wurde diese Ehe, die recht spät im Leben geschlossen wurde, bald von Krankheit überschattet. Tante Joh, wie sie genannt wurde, befiel eine schwere Form von Arthritis und so war sie schließlich an den Rollstuhl gefesselt. Ich habe oft lange Spaziergänge mit Onkel Georg genossen, manchmal zur Landeskrone, einem kleinen Berg in der Nähe von Görlitz mit einer schönen Aussicht auf die umliegende Landschaft und die Neiße. Onkel Georg war ein erfolgreicher Anwalt mit einer guten Praxis in Görlitz.

Onkel Georg war auch einer der selbstlosesten freundlichen Menschen, die ich je getroffen habe. Nichts schien ihm größeres Vergnügen zu bereiten, als anderen zu helfen und sie zu beschenken. Wenn wir auf einem unserer Spaziergänge auf einen älteren Menschen trafen, der eine schwere Last auf einer Schubkarre schob, bestand er darauf beim Schieben oder Ziehen zu helfen.

Während der Inflation passiert es mir einmal, dass mein Fahrrad am Bahnhof aus dem Gepäckwagen gestohlen wurde. Ich bekam sofort einen Zettel mit Angaben zum geschätzten Wert in Mark, den ich von der Bahn zurückfordern konnte. Das Verfahren dauerte jedoch ein paar Wochen, und bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Inflation den Wert der Erstattung auf fast Null reduziert. Der Verlust meines Fahrrads war eine echte Tragödie für mich. Irgendwie erfuhr mein Onkel Georg davon und sofort schenkte er mir ein neues Fahrrad.

Ein weiteres Mitglied der Familie Kuhn in Görlitz war Tante Thekla, die Schwester meines Vaters. Sie war nicht verheiratet und lebte in einer kleinen Wohnung neben dem Haus von Onkel Georg und Tante Joh, und wir sahen sie oft, sie gab Privatunterricht in Englisch, und ich glaube, auch in Französisch. Sie starb in einem frühen Alter an Krebs, und ich erinnere mich an einen Besuch bei ihr im Krankenhaus, wissend, dass sie bald sterben würde. Dies war meine erste Erfahrung mit dem Tod eines Menschen, den ich gut kannte, und ich erinnere mich, wie stark diese Erfahrung mich bewegte. Sie wollte mir sehr gern einen Gefallen tun und gab mir ein Ticket für eine Aufführung einer Wagner-Oper in Görlitz.

Der jüngste Bruder meines Vaters, Fritz Kuhn, war Arzt und besaß eine Praxis in Berlin. Wir sahen ihn gelegentlich in Görlitz, und ich besuchte ihn auch einmal in Berlin auf der Durchreise bei einer Zugfahrt von meiner Universitätsstadt Greifswald nach Lüben. Er war nicht verheiratet und hatte weniger Kontakt mit der Familie als die anderen. Ich erinnere mich noch, dass ich zusammen mit Onkel Fritz in einem Cafe am Kurfürstendamm saß und wir den unaufhörlichen Strom von Kraftfahrzeugen beobachteten, die in beiden Richtungen vorüberrauschten, und wie wir darüber rätselten, wohin sie alle fuhren und woher sie kamen. Es war so ganz anders als in Lüben und sogar in dem etwas größeren Greifswald. Es erinnerte mich an Bühnenauftritte, wenn man einen endlosen Strom von Soldaten vorbeiziehen sah und bald die gleichen Personen wiedererkennen konnte und bald den Trick verstand.

Ich habe bereits einige Briefe von meinem Vater an seine Verlobte erwähnt. Ein Brief, geschrieben von einem jungen Mann an ein Mädchen, das er tief liebt, sollte nur von dieser einen Person gelesen werden. Ihn in diesen Zeilen an die weitere Familie vollständig zu zitieren, wäre nicht richtig, und dies gilt auch für die beiden Briefe, die jetzt auf meinem Schreibtisch liegen und von meinem Vater in sehr ordentlicher gotischer Handschrift verfasst wurden, datiert in Breslau am 9. Juli 1896 und in Berlin am 24. Oktober 1896. Ich kann jedoch ein paar Sätze daraus zitieren, die helfen können, ein Bild von meinem Vater zum Leben zu erwecken.

Im ersten Brief bezieht er sich auf ihre Begegnung am Tag zuvor, als er aus der Straßenbahn eine Station vor ihr ausstieg und dann zu Fuß weiter rannte in der Hoffnung, noch einen Blick auf sie zu werfen: "Aber ich konnte Dich nicht mehr entdecken; Du musst wohl in ein Haus hineingegangen sein. Ich war sehr betrübt, aber ich war doch froh Dich gesehen zu haben."
Dann bezieht er sich auf seinen Besuch bei seinem Onkel Dr. Kuhn: "...dessen Tochter Grete Geburtstag hatte; mein Vetter Georg hatte ihr auf meinen Vorschlag die illustrierte Ausgabe von Faust geschenkt, worüber sie sich natürlich sehr gefreut hat. Ich schenkte ihr eine Topfblume mit einem kleinen Verslein".

Der zweite Brief erwähnt Dresden, und das bedeutet wahrscheinlich, dass sie der Tante meines Vaters Hedwig Grosse einen Besuch abgestattet hatte: "Wenn Du Dich wirklich in Dresden wohl fühlst, und wenn ich weiß, dass Du froh und munter bist und Du Dich nicht zu sehr anstrengst, dann will ich auch wieder fröhlich sein, und bin es schon. Denn von Dir…".
Er schreibt über seine Interessen, und dass sie an all diesen Anteil nimmt, und fährt fort: "Du weißt, meine Martha, es ist eine Schwachheit von mir, dass ich gern anderen etwas erkläre und darunter wirst Du gewiss bisweilen zu leiden haben. Ich würde mich dann natürlich ärgern, wenn Du nicht zuhören würdest. Du musst also wenigstens immer so tun, als ob Du zuhörst. Du brauchst aber nicht etwa zu fürchten, dass ich Dich mit juristischen Problemen quälen würde. Ich spreche natürlich von solchen Dingen, die von allgemeinem, menschlichem Interesse sind. "

In diesem Zusammenhang kommt mir eine Diskussion mit meinem Bruder von vor etwa einem Jahr in den Sinn. Als ich ihm sagte, dass mein frühes Interesse an den Naturwissenschaften definitiv aufgrund des Einflusses unseres Vaters entstanden sei, sagte mein Bruder, dass auch in seiner frühen Jugend, etwa 5 Jahre vor mir, der Einfluss unseres Vaters auf die Entwicklung seiner Interessen entscheidend war, obwohl diese sicherlich ganz andere als meine waren.

Nach dem Tod meines Vaters, und dann noch einmal nach dem Ende des Krieges und dem Tod meiner Mutter, bekam ich aus anderen Teilen Deutschlands oder anderen Ländern viele Briefe von alten Freunden und Bekannten aus der Zeit in Lüben, in denen von meinen Eltern erzählt wurde. So viele von ihnen sprachen vom stimulierenden Einfluss meines Vaters auf eine große Bandbreite von Themen, nicht nur aus der deutschen Literatur, sondern auch Shakespeare in der deutschen Übersetzung von Schlegel und Tieck, über Astronomie und andere Felder der Naturwissenschaften. Sein Wissen auf solch weiten Feldern war natürlich nicht professionell im Sinne der Vollständigkeit, aber es war lebendig und nicht oberflächlich und somit Anregung für andere. Das Schachspiel war auch ein großes Interesse von ihm. Er war nicht nur ein guter Spieler, er hat auch oft Spielverläufe studiert, die bei Wettbewerben gespielt und in Zeitungen veröffentlicht worden waren.

Aus einem der Briefe an mich von diesem Freund meines Vaters, Georg Kuhn (Murnau, 12.01.1947), will ich einige Passagen zitieren: "Am nächsten liegt es mir, von den Studienjahren Deines Vaters in Breslau und seinen Militär-Dienstjahren zu berichten. Er wohnte meist in unserem Hause, war häufig bei uns, wie ich häufig bei ihm war, gelegentlich zum Schach, oft aber auch zur Lektüre von Shakespeare, Byron, Goethe und ich erinnere mich deutlich, wie er mir Monologe aus Macbeth, Hamlet und Richard III. vorgelesen hat. Er fand in mir einen begeisterten und gelehrigen, 7 Jahre jüngeren Schüler. Das Schachspiel hatte er mir schon beigebracht, als ich als Zehnjähriger meine Ferien in Waldenburg bei seinen Eltern verlebte. Seine Dienstzeit muss 1891 gewesen sein. Er war durchaus nicht begeistert von ihr, schon weil sie sein Studium unterbrach, aber er hat das Gute an ihr zu entdecken gewusst ".

"Eines Tages rief ihn sein Hauptmann: "Einjähriger Kohn!"
"Kuhn heißt der Einjährige", verbesserte der Unteroffizier Kuhn.
"So, der Einjährige hat sich überhaupt in letzter Zeit sehr gebessert", war die Antwort des Hauptmanns. Beim Marsch zum Manöver ritt unmittelbar hinter unserem Vater ein badischer Hauptmann so nahe, dass unser Vater fürchtete, der Gaul werde ihn treten, und sah sich eilends um. "Einjähriger", sagte der Hauptmann, "Fürchten Sie sich nicht, wenn Sie mein Pferd tottritt, werden Sie mit Musik begraben."

Der unmittelbarste und wichtigste Einfluss auf das Leben unserer Familie war die Einziehung meines Bruders Helmut, der zunächst in die nahe Garnison zur Ausbildung und nicht lange danach zum Kriegsdienst an die Westfront versetzt wurde, wo er bald Leutnant eines Infanterie-Regiments wurde. Von da an sah ich ihn nur gelegentlich für kurze Zeit. In recht häufigen Briefen an mich, abgesehen von Briefen an die Eltern, versuchte er, mit mir den Kontakt zu halten. In diesen Briefen an mich sagte er natürlich sehr wenig über die Realität des Krieges, aber er hielt den Kontakt.

Helmut Kuhn, wenige Tage vor seinem 18. Geburtstag,
im März 1917 im Kasino in Cambrai

Helmut Kuhn (obere Reihe 2. von rechts) im November 1917 mit seinem Offizierskorps in Flandern

Bald nach dem Ende des Krieges, kam er zurück nach Lüben, um seine Schullaufbahn zu beenden. Ich glaube allerdings nicht, dass er tatsächlich Kurse in der Schule besuchte, sondern dass er selbst lernte, was er für sein Studium benötigte. Was er vor allem brauchte, waren klassischen Sprachen, insbesondere Griechisch, das die Schule in Lüben nicht lehrte.

Bis zum März 1922, als ich meine Reifeprüfung, das Abitur, ablegte, lebte ich natürlich ganz in Lüben. Während dieser Zeit waren mein Bruder und ich oft zusammen, bevor er sich an der Universität Breslau einschrieb, später während seiner Semesterferien. Obwohl unsere Interessen in verschiedene Richtungen gingen, seine in Richtung Philosophie und alte Sprachen, meine in Richtung Chemie, Physik und Mathematik, wollten wir beide auch unsere Kenntnisse in Englisch und Französisch verbessern. Deshalb erinnere ich mich noch, dass wir einige englische Bücher zusammen lasen, wie Der Pfarrer von Wakefield und Dickens Geschichten, und wir haben auch viele andere Themen diskutiert, wobei ich mehr als mein Bruder davon profitiert haben muss.

Er beendete sein Studium mit dem Doktortitel (magna cum laude) im Dezember 1923 und auch die Staatsexamen mit Auszeichnung im Mai 1924. Diese Prüfung entspricht der Abschlussprüfung an einer britischen Universität. Es ist eine Qualifikation für jede Art von Unterricht auf High School Ebene in Deutschland und bildet dabei eine Art Versicherung für den Eintritt in eine akademische Laufbahn, die zu diesem Zeitpunkt als schlecht bezahlte Position unter dem Status einer vollen Professur angeboten wurde. Mein Bruder ging dann von Breslau an die Universität Berlin, wo er im Februar 1930 Privatdozent in einer unbezahlte Position wurde.

1925 heiratete er Käthe, geborene Levy. Sie bekamen einen Sohn Reinhard und eine Tochter Annette. Eine universitäre Karriere ohne erheblichen finanziellen Hintergrund war immer eine harte Option, und die Unterbrechung durch 4 Jahre Krieg im Alter zwischen 15 und 20, hatte sie bis an die Grenze des Möglichen gebracht. Die Abhängigkeit von den begrenzten Ressourcen der Eltern war natürlich eine Sorge und eine mögliche Quelle von Spannungen, die aber glücklicherweise zu keinen Brüchen in den familiären Beziehungen führten.


Dieses Foto sandte am 29.9.1918 "dein treuer Vetter Fritz" seiner Cousine Käthe Kuhn geb. Lewy zusammen mit nebenstehendem Brief.
Wer auf dem Foto Fritz ist, ist unbekannt.


Mit Beginn des Hitler-Regimes endete sowohl seine als auch meine Karriere in Deutschland. Nach einer Übergangszeit in England und Frankreich ging mein Bruder in die Vereinigten Staaten als Professor für Philosophie an der University of North Carolina in Chapel Hill (1938-1947) und dann an die Emory University in Atlanta (1947-1949). Meine eigene Schulbildung in Lüben endete 1922, als ich die Abitur-Prüfungen bestand. Meine besten Noten waren natürlich in den Bereichen meiner Hauptinteressen: Physik, Chemie und Mathematik.

Wegen der Notwendigkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen, entschied ich mich zu einem frühen Zeitpunkt für Chemie. Als Universität wählte ich, aus etwas romantischen Gründen, eine kleine, alte Stadt an der Ostsee: Greifswald. In den beiden recht angenehmen Jahren, die ich dort verbracht habe, studierte ich anorganische Chemie und die Kunst der qualitativen oder quantitativen Analyse von anorganischen Stoffen. Das war jedoch wissenschaftlich enttäuschend, sowohl in dem, was lernte als auch wie es gelehrt wurde. Damals hatten die Theorien zum Bohr-Sommerfeldschen Atommodell gerade erst begonnen, ein Verständnis für das Verhalten von Atomen und Molekülen zu eröffnen, die Struktur ihrer Spektren und ihre Kräfte der Interaktion, es war ein spannendes Feld mit mehr Fragen als Antworten. In Greifswald war die gelegentliche Teilnahme an Physik-Vorlesungen enttäuschend wie die Vorlesungen in Chemie. Die Teilnahme an Praktika in der physikalischen Chemie, jedoch brachte mich in Kontakt mit einem jungen Dozenten, mit dem ich meine Interessen und Probleme besprechen konnte. Er erzählte mir, dass einige dieser interessanten Fragen der Atomphysik an der Universität Göttingen verfolgt würden. So entschied ich mich schließlich, die Universität zu wechseln, was in Deutschland ziemlich leicht war, und auch von der Chemie zur Physik zu wechseln. Ich wusste natürlich, dass diese Änderung meinerseits große Anstrengungen erfordern würde, in einer sehr kurzen Zeit viel mehr Mathematik zu lernen, wenn ich einen die Dauer meines Studiums nicht erheblich verlängern wollte. Ich habe diesen Schritt nie bereut.

Heinrich Gerhard Kuhn (1904-1990)
(Die Aufzeichnungen sind im Original in Englisch geschrieben. Heinrich Kuhns Sohn Anselm hat meine Übersetzung autorisiert.)


Vielleicht interessieren Sie sich für die Gedichte, die Gymnasiasten in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg bei Schulfeiern vortrugen. Die beiden Kuhn-Brüder werden in den Schulberichten 1911-1915 des Lübener Gymnasiums in jedem Jahr als Rezitatoren genannt. Die Gedichte vermitteln uns eine Vorstellung von den Erziehungsprinzipien der Schule in einer Zeit, als Deutschland Kaiserreich und Kolonialmacht war, Frankreich als seinen "Erbfeind" betrachtete und der 1. Weltkrieg bevorstand!


Mit dem Schluß des Unterrichts vor den Sommerferien am 15. Juli 1910 wurde eine Schulfeier zum Gedächtnis des hundertjährigen Todestages der Königin Luise verbunden. Der Quartaner Helmut Kuhn trug das Gedicht "Kaiser Wilhelm" von Hoffmann von Fallersleben vor.
Kaiser Wilhelm

Wer ist der greise Siegesheld
der uns zu Schutz und Wehr
fürs Vaterland zog in das Feld
mit Deutschlands ganzem Heer?

Wer ist es, der vom Vaterland
den schönsten Dank empfing?
Vor Frankreichs Hauptstadt siegreich stand
und heim als Kaiser ging?

Du edles Deutschland, freue dich
dein König, hoch und ritterlich
Dein Wilhelm, dein Kaiser Wilhelm ist´s!

Wer hat für dich in blut´ger Schlacht
besiegt den ärgsten Feind?
Wer hat dich groß und stark gemacht,
dich brüderlich geeint?

Wer ist, wenn je ein Feind noch droht,
dein bester Hort und Schutz?
Wer geht für dich in Kampf und Tod
der ganzen Welt zu Trutz? -

Du edles Deutschland, freue dich,
Dein König, hoch und ritterlich,
Dein Wilhelm, dein Kaiser Wilhelm ist´s!

Hoffmann von Fallersleben
Zum ersten Male beging die Schule am 21. Dezember 1911, im Beisein von Eltern und Angehörigen, in der schönen neuen Aula eine Weihnachtsfeier. Der Tertianer Helmut Kuhn trug das Gedicht "Der Weichensteller" von Karl Graf v. Berlepsch vor.
Der Weichensteller

Und nun noch der Schnellzug nach Charleroi!
In fünf Minuten schon ist er da! -
Er trottet hinaus zum äußersten End',
Die letzte Weiche zu stellen behend.
Im Schnee seine Schritte knarren,
Die Nacht ist kalt zum Erstarren!

Bald lädt bei traulichem Lampenschein
Die warme Stube den Müden ein,
Und ein Kuß vergilt ihm des Tages Qual,
Ein liebendes Weib und ein einfach Mahl.
Dann werden am Bettchen sie stehen
Und das Bübchen schlummern sehen! -

Hei, wie der Ostwind eisig pfeift,
Wie's tief durchs wollene Wams ihm greift!
Eine rote Lampe! Nun ist er zur Stell'.
Nur schnell!
Fern sind zwei Lichter erschienen,
Schon stoßen und stampfen die Schienen.

Der Zug! Es war die höchste Zeit!
Doch was ist das? Barmherzigkeit!
Der Hebel dreht sich im Bügel zu leicht,
Und wie er in Eile sich niederneigt,
Da hat es ganz leise geklungen,
Das eiserne Band ist zersprungen! -

Verzweifelt preßt er die Hand an die Stirn
Ein einz'ger Gedanke durchzuckt sein Hirn:
Der Zug! - Und braust er die falsche Bahn,
So ist es um ihn und die Menschen getan!
Denn kaum minutenlang weiter
Rast ihm entgegen ein zweiter! -

Da wirft sich zwischen die Schienen der Mann,
Preßt dicht seinen Leib an das Eisen an
Und dehnt und stemmt sich mit Riesenkraft -
Ein gewaltiger Druck! Nun ist es geschafft!
Ob lebendig oder als Leiche,
Er liegt eine knöcherne Weiche! -

Er liegt und sieht und hört nichts mehr.
Der Eilzug rasselt über ihn her.
Nur ein Haken im Weg, eine Bremse zu tief!
Wie's heiß und kalt durch die Adern ihm lief!
Was gilt nur dein Leben!
Du mußt es für hundert geben! -

Ein Haken zu tief, eine Bremse im Weg!
Sekunden! Doch schlichen sie viel zu träg!
Und wenn er nur diesmal am Leben blieb -
O Gott! Wie hat er das Leben so lieb!
Da ist er vorbei geschnoben,
Und ferner hört er es toben! -

Nun naht es wieder und flackert und braust
Und ist an ihm vorbeigesaust:
Der zweite Zug, von Lichtern erhellt,
Voll Menschenglück - eine kleine Welt! -
Gerettet - Er lauscht in die Ferne,
- Und über ihm funkeln die Sterne! -

Karl Graf v. Berlepsch
Zur Kaisergeburtstagsfeier am 27. Januar 1913 deklamierte der Obertertianer Helmut Kuhn das Gedicht "Deutsche Diamanten" von Max Bewer
Deutsche Diamanten.

Weisst du, warum jetzt glitzern
In Afrikas heissem Sand '
Und flitzern und sprühen und blitzern
Diamanten an Diamant?

Das sind die Wassertropfen,
Nach welchen manch armer Soldat
In des Herzens Fieberklopfen
Den letzten Erdgriff tat!

Manch Junker von der Elbe,
Manch edler Herr vom Rhein
Schlief unter dem Himmelsgewölbe
Hier unter Martern ein.

Die Sehnsucht nach allem, was teuer
ihm ward im Vaterland,
Hat sich wie glühendes Feuer
Tief in die Steine gebrannt!

Und weil den tapfren Söhnen
Kein Sedan- Ruhmglanz scheint,
Hat sie wie helle Tränen
Gott selbst ins Land geweint.

Nun tragt sie, ihr deutschen Fürsten,
In eurer Krone Rand
Und denket derer, die dürsten
Und sterben fürs Vaterlandl

Max Bewer
Am 10. März 1913 versammelten sich die Schüler zur Gedächtnisfeier der großen Zeit vor 100 Jahren mit ihren Lehrern um 9 Uhr vormittags in der Aula. Eltern der Schüler und Freunde der Anstalt waren zahlreich der Einladung gefolgt.
Richard Dehmels Ballade "Anno Domini 1812", die Napoleons Flucht und sein Zusammentreffen mit einem russischen Bauern schildert, trug Obertertianer Helmut Kuhn vor.
Anno Domini 1812

Über Rußlands Leichenwüstenei
faltet hoch die Nacht die blassen Hände;
funkeläugig durch die weiße, weite,
kalte Stille starrt die Nacht und lauscht.
Schrill kommt ein Geläute.

Dumpf ein Stampfen von Hufen, fahl flatternder Reif,
ein Schlitten knirscht, die Kufe pflügt
stiebende Furchen, die Peitsche pfeift,
es dampfen die Pferde, Atem fliegt;
flimmernd zittern die Birken.

"Du, was hörtest du von - Bonaparte" -
Und der Bauer horcht und will's nicht glauben,
daß da hinter ihm der steinern starre
Fremdling mit den harten Lippen
Worte so voll Trauer sprach.

Antwort sucht der Alte, sucht und stockt,
stockt und staunt mit frommer Furchtgebärde:
aus dem Wolkensaum der Erde,
brandrot aus dem schwarzen Saum,
taucht das Horn des Mondes hoch.

Düster wie von Blutschnee glimmt die lange Straße,
wie von Blutfrost perlt es in den Birken,
wie von Blut umtropft sitzt Der im Schlitten.
"Mensch, was sagt man von dem großen Kaiser!"
düster schrillt das Geläute.

Die Glocken rasseln, es klingt, es klagt,
der Bauer horcht, hohl rauscht's im Schnee.
Und schwer nun, feiervoll und sacht,
wie uralt Lied so dumpf und weh
tönt sein Wort ins Öde:

"Groß am Himmel stand die schwarze Wolke,
fressen wollte sie den heiligen Mond;
doch der heilige Mond steht noch am Himmel,
und zerstoben ist die schwarze Wolke.
Volk, was weinst du?

Trieb ein stolzer, kalter Sturm die Wolke,
fressen sollte sie die stillen Sterne;
aber ewig blühn die stillen Sterne,
nur die Wolke hat der Sturm zerrissen,
und den Sturm verschlingt die Ferne.

Und es war ein großes schwarzes Heer,
und es war ein stolzer, kalter Kaiser,
aber unser Mütterchen, das heilige Rußland,
hat viel tausend tausend stille warme Herzen:
ewig, ewig blüht das Volk!"

Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,
dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocken wimmern:
auf den kahlen Birken flimmert
rot der Reif, der mondbetaute.
Den Kaiser schauert.

Durch die leere Ebne irrt sein Blick:
über Rußlands Leichenwüstenei
faltet hoch die Nacht die blassen Hände,
hängt und glänzt der dunkelrote Mond,
eine blutige Sichel Gottes.

Richard Dehmel, 1812
Zur Weihnachtsfeier am 22. Dezember 1913 deklamierte der Untersekundaner Helmut Kuhn "Weihnacht" von Ernst von Wildenbruch
Weihnacht

Die Welt wird kalt, die Welt wird stumm,
der Winter-Tod zieht schweigend um;
er zieht das Leilach weiß und dicht
der Erde übers Angesicht -
Schlafe - schlafe

Du breitgewölbte Erdenbrust,
du Stätte aller Lebenslust,
hast Duft genug im Lenz gesprüht,
im Sommer heiß genug geglüht,
nun komme ich, nun bist du mein,
gefesselt nun im engen Schrein -
Schlafe - schlafe

Die Winternacht hängt schwarz und schwer,
ihr Mantel fegt die Erde leer,
die Erde wird ein schweigend Grab,
ein Ton geht zitternd auf und ab:
Sterben - sterben.

Da horch - im totenstillen Wald
was für ein süßer Ton erschallt?
Da sieh - in tiefer dunkler Nacht
was für ein süßes Licht erwacht?
Als wie von Kinderlippen klingt`s,
von Ast zu Ast wie Flammen springt`s,
vom Himmel kommt`s wie Engelsang,
ein Flöten- und Schalmeienklang:
Weihnacht! Weihnacht!

Und siehe - welch ein Wundertraum:
Es wird lebendig Baum an Baum,
der Wald steht auf, der ganze Hain
zieht wandelnd in die Stadt hinein.
Mit grünen Zweigen pocht es an:
"Tut auf, die sel`ge Zeit begann,
Weihnacht! Weihnacht!"

Da gehen Tür und Tore auf,
da kommt der Kinder Jubelhauf,
aus Türen und aus Fenstern bricht
der Kerzen warmes Lebenslicht.
Bezwungen ist die tote Nacht,
zum Leben ist die Lieb` erwacht,
der alte Gott blickt lächelnd drein,
des laßt uns froh und fröhlich sein!
Weihnacht! Weihnacht!

Ernst von Wildenbruch (1845-1909)
1915 - der erste Weltkrieg war im Gange - feierte die Schule des Kaisers Geburtstag am 27. Januar durch den Vortrag "guter neuerer Kriegsgedichte". Die Quintaner Heinrich Kuhn, Dodt, Ernst und Zeutschner deklamierten gemeinsam "Der weiße Goeben" von Ludwig Ganghofer. Bruder Helmut Kuhn war - als noch nicht Sechzehnjähriger - schon im Krieg.

Der weiße ‚Goeben'

Drei Dreadnoughts am sizilianischen Riff,
Die wollten vernichten ein deutsches Schiff.
Das lag im messenischen Hafen verwahrt
Und faßte Kohlen zur Todesfahrt.

Des Schiffes tapferer Führer sprach:
"Uns fangen lassen? O pfui der Schmach!"
"Hinauf die Flagge! Den Hammer gefaßt,
Und nagelt sie fest an den deutschen Mast!"

"Da stiehlt uns keiner die kostbare Zier,
Die Flagge weht, und wir sinken mit ihr!"
Sie dachten an Heimat und Weib und Haus.
Uns sangen. Und: "Hurra!" Und fuhren hinaus.

Und die es sahen vom Ufer her,
Bekreuzten sich und sprachen nicht mehr.

Die Dreadnoughts lagen auf lauernder Wacht
Und hatten schon klar zum Gefecht gemacht.
Und während sie spähten im blauen Raum,
Da hatten die Drei einen englischen Traum.

Der erste:
"Mir träumte, ich klopfe mein Pfeiflein aus,
Da fuhr der weiße ‚Goeben' heraus."
Der zweite:
"Und eh' er sich wandte zur Flucht herum,
Da brannt' ich ihm eins auf die Schnauze, bumm!"
Der dritte:
"Und als ich den ‚Goeben' versinken sah,
Da telegraphiert' ich Viktoria!"

Während so sprachen die grimmigen Drei,
Da rauschte der weiße ‚Goeben' vorbei.
Spie deutsches Feuer und Glut und Tod
Und war entronnen der tückischen Not.

Und ehe die Drei noch erwachten im Rauch,
Da hatten sie Löcher im englischen Bauch.
Der ‚Goeben' lachte: "Empfehle mich,
Mit dem berühmten Gedankenstrich!"

14. August 1914
Ludwig Ganghofer

Zur Kaisergeburtstagsfeier im Januar 1914 trug der Sextaner Heinrich Kuhn "Der Kaiser am Rhein" von Ute Muellenbach vor.
Dieses Gedicht konnte ich bisher nicht auftreiben. Wer kann den Text übermitteln?