Erinnerungen von Lydia Wasserkampf geb. Winter
Die Familie Wucherpfennig














Der Name Winter trat in Lüben mehrfach auf und stand jedesmal für eine geachtete Familie, die im Leben in der Stadt eine wichtige Rolle übernommen hatte. Emil Winter stammte aus Bunzlau und hatte seine Ehefrau in Lüben gefunden. Er arbeitete in der Pianofabrik. Sie war Haus-meisterin an der Höheren Töchterschule, in deren Räumen die Familie auch wohnte. Die Kinder, Martin und Lydia, wuchsen dort in engem Kontakt zu den Lübenern auf.

Emil Winter, Aufnahme von 1917

Emil Winter
(1879-1974)

Emma Winter, Aufnahme von 1917

Emma Winter
(1884-1965)

Martin Winter, Aufnahme von 1922

Martin Winter
(1908-unbek.)

Lydia Winter, Aufnahme von 1922

Lydia Winter
(1913-1992)
Lydia heiratete 1944 Pastor Oswald Wasserkampf, der in Hummel und Heinzenburg tätig war. Lydia Wasserkampf war mit Zwillingen schwanger, als sie im Februar 1945 mit ihrem Mann auf die Flucht ging. In Görlitz brachte sie die beiden Jungen zur Welt, nur einer überlebte und sie selbst litt seitdem an einer fortschreitenden Lähmung, die sie schließlich
in den Rollstuhl zwang. Im folgenden werden ihre Erinnerungen - verbunden mit Familienfotos, die freundlicherweise ihr Sohn Michael zur Verfügung stellt - wiedergegeben.

Ein Spaziergang durch unser altes Lüben
von Lydia Wasserkampf geb. Winter

Im Geiste wollen wir einen Spaziergang in unserem geliebten Heimatstädtchen unternehmen, der viele Erinnerungen wachrufen wird. Es ist ein Gang durch Gärten und Promenaden, die die alte Innenstadt einschlossen, ein Rundweg, der eigentlich kein Ende hatte.

Wir beginnen am Rosengarten, dessen Abschluß und Krönung die malerische katholische Kirche an der Liegnitzer Straße war. Man mußte einfach über die vielen echten Rosen und anderen Blüten staunen und sich über die Hochstammrosen freuen. An den weißgestrichenen Staketen der zum Ruhen einladenden Bänke rankten sich die Kletterrosen empor. Was war das für eine Pracht und ein Duft in der Rosenzeit!

Wir spazieren weiter, überqueren die Liegnitzer Straße und kommen durch die Kastanienpromenade zum Bleicherdamm. Die Bleiche hatte sich oft in Nebel eingehüllt, denn es war ein weites, sumpfiges Wiesenland. Um weiter zum Bürgermeistergarten zu kommen, mußte die Steinauer Straße überquert werden.

Erst als Bürgermeister Feige aus seinem sehr feuchten Hause ausgezogen, dieses abgerissen und Familie Feige im neuen Bürgermeisterhaus neben dem Gymnasium heimisch geworden war, konnte man aus seinem großen verwilderten Garten einen wunderschönen Park anlegen, zu dem nun jeder Zugang hatte. Die mit viel Efeu und Rankwerk verwachsene alte Stadtmauer kam zum Vorschein. Riesengroße, uralte Bäume schmückten das Gelände.

Emil und Emma Winter mit ihren Kindern Martin und Lydia im Jahr 1917

Emil und Emma Winter mit ihren Kindern
Martin und Lydia im Jahr 1917

Martin und Lydia Winter um 1922

Martin und Lydia Winter um 1922

Sogar ein Teich mit Schwänen und einem Schwanenhaus verschönte den Park. Durch einen neu angelegten Weg von der Schloßstraße bis zur Wasserpromenade kürzte man die Verbindung in idealer Weise. Ebenso verband ein Hauptweg, von Blumenrabatten begleitet, die Steinauer mit der Breiten Straße. Dort ging man zum gefürchteten Amtsgericht, vor dem in den Anlagen das Kaiser-Wilhelm-Denkmal stand. Gegenüber lag das bekannte Kolonialwarengeschäft von Kaufmann Hübner.

Hiermit begann die Schulpromenade. So benannt, weil alle drei Schulen unseres Städtchens an ihr lagen. Sie ist auch der letzte und längste Teil unseres Rundganges und führte wieder bis zum Rosengarten hin und an ihm vorbei. Die Schulpromenade begrenzte die Innenstadt in einem Halbrund. Sie begann am Gerichtsgebäude mit einer Anlage, die sich bis zu einem Vorplatz der Mädchenvolksschule hinzog. Diese Anlage war stets mit farbenfrohen Blumenrabatten und Ziersträuchern bepflanzt.

Bald sind wir beim Springbrunnen angelangt, der uns - leider nicht immer - fröhlich plätschernd begrüßte. Wenn die Sonne gerade richtig darauf schien, wölbte sich der Regenbogen in allen Farben darüber. Im Hintergrund tropfte das Wasser hurtig von einer bizarren Grotte herunter.

Gegenüber wohnte mit seiner Familie eins der letzten Originale, wie sie wohl jede Stadt vorzuweisen hat. Es war der Droschkenkutscher Schulz, der zu jedem Eisenbahnzug, der aus Richtung Liegnitz oder Glogau kam, mit seinem Planwagen und dem Pferdchen davor die mit Kopfsteinen bepflasterte Straße entlang rumpelte, um die ankommenden und abreisenden Gäste oder Bewohner der Stadt zu befördern. Er gehörte einfach zur Schulpromenade.

Neben dem Springbrunnen zweigte ein Spazierweg ab. Er führte durch eine Wiese mit duftenden Veilchen und Gänseblümchen. Hier stand auf einem Sockel das Rotkäppchen mit dem Wolf, das den Kindern immer viel Freude bereitet hat. Der Weg ging weiter am hinteren Teil des Mädchenvolksschul-Platzes vorbei. Dort luden etliche Bänke, von Sträuchern umgeben, an einem halbrunden kleinen Platz zum Ausruhen ein. Junge Mütter mit Kinderwagen und abends junge Pärchen bedienten sich gern dieser Einladung. Wir aber gehen weiter, an der Stadtgärtnerei vorbei. Die große evangelische Kirche lassen wir linker Hand liegen und kommen an der Schulpromenade beim Gymnasium heraus.

Wenn wir aber die Schulpromenade vom Springbrunnen aus weiter verfolgen, stand etwas Besonderes am Wege, woran sicher viele Lübener achtlos vorbeigegangen sind. Es war ein dicker, etwa 30 cm hoher versteinerter Baumstamm, auf dem ich manchmal als Kind gesessen habe. Dahinter führte die Promenade weiter, von vielen Ziersträuchern und großen Fliederbüschen begleitet, bis zur Töchterschule und weiter bis in die Nähe der Post.

Auf der rechten Seite aber, die holperige Pflasterstraße abgrenzend, wechselten Ahorn- und Lindenbäume. Im Frühling verströmten die großen Fliederbüsche und Linden besonders am Abend einen herrlichen Duft; Glühwürmchen blinkten dazu. Es war ein Genuß, dort spazieren zu gehen, der um so größer wurde, je mehr man sich einem Rondell mit reichem Rosenschmuck und dem in der Mitte befindlichen Denkmal näherte, gegenüber der Töchterschule, die später "Höhere Mädchenschule" hieß. Dieses Standbild war zu Ehren des längst verstorbenen Ehrenbürgers von Lüben August Kullmann errichtet worden.*

Ging man weiter, näherte man sich dem Ende der Schulpromenade, wo unser Spaziergang begonnen hatte. Wer in Lüben seine Heimat hatte, wird diesen Rundgang nie vergessen können.

* Wer kennt dieses Denkmal und kann davon ein Bild übermitteln? Heidi

Lydia Winter im Jahr 1927

Lydia Winter im Jahr 1927



Ein Rückblick
von Lydia Wasserkampf geb. Winter

Vor einiger Zeit beschrieb ich einen Spaziergang durch die Schulpromenade in unserer Heimatstadt Lüben. Besondere Beachtung verdienen das Haus Nr. 4
und die angrenzenden Gebäude. Davon will ich diesmal erzählen.

Da wäre erst einmal die Höhere Mädchenschule zu nennen, die dem Hauptgebäude zuletzt den Namen gab. Wir dürfen aber auch nicht den evangelischen Kindergarten vergessen, der jahrzehntelang darin seine Bleibe gefunden hatte. Nebenan in dem kleinen hübschen Häuschen waren die Altchen im Altersheim untergekommen, bis es später Schwesternhaus wurde. Wie viel Leben gab es hier in diesem kleinen Bezirk, vom Kind bis zur Greisin, fröhliches Spielen, eifriges Lernen, geselliges Beisammensein und müdes Vorsichhindämmern. Konnte es das wirklich geben, ohne daß eins das andere störte? Ich kann mich nicht entsinnen, daß jemals Streit unter den Generationen war.

Ich beginne mit dem Bericht über den evangelischen Kindergarten, der seine Räumlichkeiten parterre auf der linken Seite des Schulgebäudes hatte. Die Kleinen brauchten nur die wenigen Stufen des Vorbaues hinaufzugehen, und schon waren sie durch die Vordertür in der Obhut der heiteren, verantwortungsvollen und mütterlichen Tante Hanna Opitz. Sie ging auf in ihrem Beruf. Schon frühmorgens, ehe die Mütter in die Pianomechanikfabrik von Gadebusch gingen, wurden die Kleinen gebracht; hier waren die Jüngsten gut aufgehoben. Bald kamen all die andern Jungen und Mädchen, und ein lustiges Treiben fing an, wie es in den Kindergärten üblich ist.

Lydia Winter am Nebeneingang
der Töchterschule um 1930

Hanna Opitz in der Laube des Kindergartens

Hanna Opitz in der Laube des Kindergartens

Bei schönem Wetter konnte die fröhliche Schar hinaus über den großen Schulhof auf das mit einer Holzlaube bebaute Wiesengrundstück marschieren. Ein großer Sandkasten lud zum Kuchenbacken und Burgenbauen ein, und der Rasen zum Kreisspielen und Tollen. Wenn plötzlich ein Regenguß kam, war die Laube mit Tisch und Bänken ein Zufluchtsort. Bei weniger schönem Wetter und im Winter wurde fleißig gebastelt, geformt, gelernt, gesungen und geprobt, um an den Elternabenden und an der Weihnachtsfeier zeigen zu können, was die Kleinen schon alles gelernt hatten. Den Höhepunkt bildete einmal eine Aufführung, die lautete "Die Katzenschule". Die Veranstaltung war im Gasthof Zum Löwen.
Es ist schon lange her... Ich kann mich daran erinnern, weil ich den Katzenlehrer spielte!

Über dem Kindergarten, hauptsächlich in der mittleren Etage, hatte die Höhere Mädchenschule ihr Territorium. Besonders alle Bürger- und Beamtenmädchen aus Stadt und Kreis Lüben wurden hier in der Oberschule unterrichtet, bis endlich das Gymnasium auch den Mädchen die Türen öffnete, wie einst die Knaben - aus irgendeiner Not heraus - in der Mädchenschule aufgenommen wurden. Leiterin dieser Schule war Fräulein Gertrud Harbers, die auch von den Lehrern respektiert wurde. Fast alle Lehrerinnen stammten aus Lüben, so auch die Lehrerin Maria Schön; sie unterrichtete Französisch, ihre Schwester Handarbeit. Sehr kühl und unnahbar, aber in Mathematik geschätzt, Fräulein Gretel Leupold. Mit den jüngeren Lehrerinnen Else und Hildegard Zingel waren wir vertrauter. Verehrt wurde unsere Deutschlehrerin Leontine Meyer. Als sie uns in die oberste Klasse entließ, gab sie uns mit auf den Weg: "Werdet nicht wie die anderen." Was diese Mahnung bedeutete, wußten die Mädchen wohl. Vor unserer Leiterin hatten wir wenig Respekt und hatten ihr manchen Streich gespielt. Zwischen ihr und meiner Mutter, der Hausmeisterin der Schule, war jedoch immer ein gutes Einvernehmen.

Nun lenken wir die Gedanken zum großen, stattlichen Schulgebäude selbst. Die Einrichtung und Ausstattung der Schulräume, Flure und Treppen entsprachen kaum den bescheidensten Ansprüchen. Da gab es nur Ölfuß-böden, die wegen der mühevollen Reinhaltung längst nicht mehr üblich waren. Für Linoleumbelag fehlte das Geld. An Zentralheizung war beim Bau des Hauses noch nicht zu denken gewesen. Also mußte die Hausmeisterin für alle Kachelöfen Holz und Kohle heranschleppen, um heizen zu können. Frühmorgens, ehe die Schülerinnen kamen, waren stets alle Zimmer warm.

Zu einer Schule gehörte eigentlich eine elektrische Klingel-anlage, die eingestellt werden konnte, wann sie zu läuten hatte. Auch die fehlte. Daher mußte die Hausmeisterin eine schwere eiserne Handglocke pünktlich zum Schulanfang und -ende und vor und nach der Pause in Bewegung setzen. Diese umfangreiche und verantwortungsvolle Arbeit übte meine Mutter über 25 Jahre aus. Sie war der gute Geist dieser Ordnung, ihr möchte ich hiermit ein Denkmal setzen.

Das Leben in der Töchterschule weckte Lydias Interesse für Erziehung

An ihre Gewissenhaftigkeit erinnerte mich einmal eine Schülerin. Wohl einmal im Jahre konnten sich die Mädchen ihre verlorenen Taschentücher, fein säuberlich gewaschen und gebügelt, die schön ausgebreitet auf einem Tisch lagen, für 5 Pfennig pro Stück heraussuchen. Als hilfsbereite Persönlichkeit war meine Mutter nicht nur in der Mädchenschule bekannt. Die Herren der Stadtverwaltung erinnerten sich an sie, als in der schweren Zeit nach dem 1. Weltkrieg für notleidende Kinder gekocht und ausgeteilt werden sollte. Diese Aktion bewältigte meine Mutter als Selbstverständ-lichkeit. In unserer Küche wurde gekocht und nebenan im Kindergarten das Essen ausgeteilt.

Ich möchte an noch eine kritische Zeit erinnern, die unsere Generation bewältigen mußte, und zwar die Zeit der Inflation. Damals fand sich niemand, der die Glocken der evangelischen Kirche läuten wollte. Als Dienst für die Allgemeinheit und wegen der Notwendigkeit fand sich meine Familie bereit, dies Amt zu übernehmen. Sogar meine Großmutter, als Mutter Fendler bekannt, fühlte sich dazu berufen. Mit einem Knopfdruck, wie es später eingerichtet wurde, waren die Glocken noch nicht in Bewegung zu bringen. Dazu gehörte Kraft und Einfühlung, denn die Glocken mußten im Takt erklingen. Eine besondere Schwierigkeit mußte in der Neujahrsnacht überwunden werden: bei bitterer Kälte und Finsternis mit Laternen in den Händen die enge schadhafte Treppe im Turm erklimmen, wie bei einer Bergwanderung. Alle kamen wohlbehalten zurück. Um mitzuhelfen, war ich noch zu klein, aber bei schönem Wetter stieg ich gern mit hoch, um die schöne Aussicht über die Stadt zu genießen. Pastor Klose war jedenfalls froh, als in dieser bösen Zeit jemand die Lücke ausfüllte. Es war eben bekannt, daß Frau Winter in ihrer stillen Art, ohne viel Worte zu machen, wenn ihre Zeit reichte, immer bereit war zu helfen.


Emma Winter, am Ende ihres Lebens Emma Winter,
25 Jahre
Hausmeisterin der
Töchterschule Lüben

Dieses Foto
berührt mich tief.

Es erinnert mich an Wolfgang Mattheuers "Die Ausgezeichnete".

Möge sich jeder selbst dazu seine Gedanken machen...

Heidi
Wolfgang Mattheuer 'Die Ausgezeichnete' 1973

Dazu gehörte auch die Betreuung des Gemeindesaales. Zu einer Kirche gehört ein Gemeindesaal, so auch in Lüben. Er existierte nur in einem schlichten Gebäude, versteckt hinter Schulhof und großem Schulhaus. Mit einfachen Stühlen und Tischen möbliert, mit einem eisernen Kachelofen, ohne jeden Schmuck, der aber oft rauchte. Wir waren damals noch bescheidene Menschen und glücklich, vor Regen und Kälte geschützt zu sein und einen Raum zu haben, in dem man sich sammeln und Feste feiern konnte. Hier leitete der sehr beliebte und geschätzte Pastor Küster den gut besuchten, damals so genannten "Jungfrauenverein". Fröhliche und besinnliche Stunden konnten hier junge Mädchen, die vom Lande kamen und in Stellung bei einer Herrschaft standen, erleben. Hier fanden sich auch gleichgesinnte Freundinnen und fühlten sich nicht mehr einsam in der fremden Stadt. Auch Töchter von Lüben gehörten in den Kreis. Bei Veranstaltungen und Feiern wurde nicht nur gesungen und deklamiert, auch kleine Theaterstücke kamen zur Aufführung; zur Freude der Zuschauer. Hier fand der Junggeselle Pastor Küster in der ihn im Verein unterstützenden Diakonisse Schwester Elisabeth seine Lebensgefährtin.

Jedes Jahr war zum Weihnachtsfest der Saal für die Altchen des benachbarten Altersheimes besonders gut geheizt und schön geschmückt. Schwester Berta, die Leiterin, war stets sehr besorgt, daß auch alles reibungslos verlief, waren doch allerlei Herren des Ortes eingeladen. Ich mußte als Nachbarskind dabei immer ein Gedicht aufsagen. Die Feier endete mit einem fröhlichen Kaffeetrinken.

Letzte Aufnahme aus Lüben 1942. Emil und Emma Winter mit Sohn Martin und Familie.

Letzte Aufnahme aus Lüben 1942. Emil und Emma Winter mit Sohn Martin
und Familie. 3 Jahre später mussten auch die beiden Alten auf die Flucht.

Auch für die Höhere Mädchenschule war es ein Glück, in der Nähe einen größeren, unabhängigen Raum zu haben, wo Kantor Kornetzky Gesangsunterricht erteilen konnte. Einige Zeit leitete dort Fräulein Harbers den Schulbeginn am Anfang der Woche mit einer Morgenandacht für alle Schülerinnen ein. Sicher stand der Saal noch für andere Ereignisse zur Verfügung, an die ich mich aber nicht mehr erinnern kann.

Alle Monate lud Superintendent Treutler die Pfarrer des Kreises Lüben zum Konvent in den Gemeindesaal ein. Alle nötigen Probleme des kirchlichen Lebens mußten erörtert werden, und die gab es besonders in den Jahren vor 1945 genug. So bescheiden der Raum war, wuchs dies Haus zu einem beachteten Treffpunkt heran.

Wie ich schon andeutete, lag das frühere Altersheim gleich neben dem Gemeindehaus. Hier wurden unter Schwester Bertas Leitung betagte Frauen aus dem Kreise Lüben aufgenommen und betreut. Die tüchtige Schwester Berta verstand es, in den schlechten Zeiten nach dem ersten Weltkrieg und während der Inflation zusätzliche Lebensmittel für ihre Insassen zu besorgen.

Ebenfalls halfen die Stachel- und Johannisbeeren und das Gemüse aus dem sich anschließenden Garten, den Küchenzettel zu verbessern. Von den Heiminsassen sind mir drei in besonderer Erinnerung: die frühere Handarbeitslehrerin Rosel, die so gern in die Stadt ging und Besorgungen für das Heim machte. Oder die Blinden Hannel und Auguste. Wenn eine von ihnen von einer Familie zum Kaffee eingeladen wurde, war ich als ihre kleine Nachbarin ausersehen, sie zu führen. - Allmählich wurde das Häuschen zu klein für alle Bewerber. All die Alten und Pflegebedürftigen, nun auch Männer, fanden in dem inzwischen neuerbauten Augustaheim eine Bleibe. Jetzt konnte Schwester Berta ihre Fähigkeit als Leiterin beweisen.

Ich kehre mit meinen Erinnerungen zum Hauptgebäude zurück. Vergessen hätte ich beinahe den kleinen Raum im unteren Stockwerk, mit dem Fenster zur Promenade gerichtet. Er unterschied sich von allen anderen Räumen, war doch eine Künstlerin am Werk und hatte Tisch und Stühle und den Wandschrank bunt bemalt und so in eine Bauernstube verwandelt. Hier versammelten sich die Weggenossen, ein Kreis ehemaliger Konfirmanden. Zu ihnen zählten die früheren Schülerinnen der Mädchenschule. Der freundliche Pastor Groß war oft im Gespräch bei ihnen.

Aber noch andere bekannte Namen waren mit diesem Haus verbunden. Fräulein Bruckisch mit ihrer Schwester, nach ihnen die geschätzte Lehrerin Fräulein Else Zemke, beide in der Volksschule tätig, hatten für einige Jahre unterm Dach eine Wohnung beziehen können. Für viele Jahre gehörte die tüchtige Schneidermeisterin Lwowski mit ihrer Schwester Klara in dies Haus. Beide waren sehr angenehme Mitbewohnerinnen.

In den allerletzten Jahren, als die Höhere Mädchenschule aufgelöst und der evangelische Kindergarten in einen nationalsozialistischen Kindergarten umgewandelt war, herrschte ein anderer Geist. Es wurde zackig gegrüßt, im Schulhof exerziert, und schreiende Parolen an die Wände gemalt. Die Schwestern Lwowski und meine Eltern waren gerade noch geduldet.

Dann kam das Ende. Meine Eltern hatten sich in einem Kellerraum eingerichtet, bis sie schließlich mit dem letzten Güterzug fliehen mussten. Vater war 65, Mutter 60 Jahre alt und ich war mit meinen Zwillingen schwanger...

Lydia Wasserkampf geb. Winter (geschrieben 1981/82)

Lydia Wasserkampf geb. Winter mit ihrem Ehemann
Pastor Oswald Wasserkampf bei einem Besuch in Marktheidenfeld mit Pastor Rudolf Irmler um 1970


In dankbarer Erinnerung für die großzügige Unterstützung von Michael Wasserkampf (1945-2012)