Der Kreis Lüben - Eine Betrachtung über Land und Leute, 1928/1931
Kreis Lüben














Einem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass ich den "Führer durch die Lübener Landschaft" einmal dem Jahr 1931 und ein ander Mal dem Jahr 1928 zuordne. In der Zeitschrift Der Wanderer im Riesengebirge schreibt Dr. Anders schon 1924 von dem geplanten Büchlein. Oskar Hinke erklärt kurze Zeit später, dass sich aufgrund des Drucks der Klose-Chronik die Herausgabe des Buches verzögert. Die Titelseite nennt schließlich als Ausgabejahr 1931. Das Titelblatt dagegen das Jahr 1928. Das Vorwort schrieb Dr. med. Gerhard Anders im Frühjahr 1928. Das Nachwort verfasste Studienrat Paul Fiedler im April 1931. Er ging dabei auch auf den frühen Tod des engagierten Initiators des Buches, Konrektor Oskar Hinke, im Jahr 1928 ein. Sein Name ist auf dem Einband als verstorben () bezeichnet. Daneben fällt auf, dass einige Geschäftsleute, die 1928 eine Anzeige aufgegeben haben, beim Erscheinen des Buches 1931 ihr Geschäft schon nicht mehr betrieben. Diese Widersprüche versuche ich durch "Pendeln" zwischen den Jahreszahlen zu umgehen.

Titelseite des Führers durch die Lübener Landschaft 1931

Titelseite Einband, Cover

Titelblatt des Führers durch die Lübener Landschaft 1928

Titelblatt Erste Seite

Der Kreis Lüben - Eine Betrachtung über Land und Leute
von Dr. med. Gerhard Anders (1887-1941)

Aus: "Führer durch die Lübener Landschaft", Heimatbüchlein der Ortsgruppe des Riesengebirgsvereins Lüben, 1928/1931, S. 5-21

Der Kreis Lüben liegt im östlichen Teil des Regierungsbezirks Liegnitz, im Osten grenzend an den von Breslau. Er ragt im Norden mit dem Barschau-Polacher Zipfel weit hinein in den Glogauer und Steinauer Kreis, im Westen grenzt er an die Kreise Bunzlau und Sprottau, während im Süden und Südwesten eine lange gemeinsame Grenze mit dem Liegnitzer und Goldberg-Haynauer Kreise besteht. Schon aus dieser geographischen Lage lassen sich für den mit Heimatkenntnissen begabten Naturfreund Schlüsse auf den Charakter der Lübener Landschaft ziehen. Es soll in diesem Büchlein nicht schulmäßig die Geographie der hiesigen Landschaft beschrieben werden, sondern es soll in ungebundener Form dem Mitbürger ein Bild gegeben werden von Land und Leuten, es sollen die Zusammenhänge zwischen Mensch und Landschaft gestreift werden. Dabei macht das Büchlein keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit.

Aus den oben erwähnten Kreisgrenzen ergibt sich unzweideutig, daß unsere engere Heimat geographisch und geognostisch eine Übergangslandschaft ist. Sie bildet ein Hinübergleiten aus der fruchtbaren Mulde des Urstromtales der Oder im Zuge der Katzbach und des Schwarzwassers in die Heide- und Moorlandschaft in der Richtung auf den Bunzlauer und Sprottauer Kreis hin. Ganz bezeichnend schreibt der frühere Gesandte Deutschlands in Kopenhagen, Herr Gerhard von Mutius, der in Lüben als Soldat weilte, in Nr. 103 der "Schlesischen Zeitung" in einem Artikel "In schlesischen Kleinstädten" über unsere Landschaft: "Zwar konnte man an klaren Tagen ganz fern am Horizont das Riesengebirge sehen, aber sonst war die Natur, so freundlich auch Äcker und Obstalleen, Herrensitze und wohlhabende Dörfer die die Stadt umgaben, namentlich nach Norden und Osten zu und in die Oderniederung von Steinau gewissermaßen ein Gleiten in märkisches und posensches Land."

In dieser landschaftlichen Struktur liegen aber gerade die vielen intimen Reize des so freundlich heiteren, aber auch melancholischen Himmelsstriches. Wenn man die Karte unseres Heimatkreises betrachtet, so ergibt ein kurzer Blick, daß er nur zu einem ganz geringen Teil der völligen Niederung angehört. Es ist der südöstliche Zipfel, der vom Petschkendorfer Wasser und der "Kalten Bache" durchströmt wird. Hier kann man von einer klassischen Form der Ebene sprechen, einer Aue, wie ja auch die in diesem Kreisteil gelegenen Dörfer mit ihren Namen Schwarzau, Klaptau, Herzogswaldau verkünden. Ebenfalls in einer Mulde, aber 20 m höher, liegt die Kreisstadt Lüben, aber doch ganz anders als die oben genannten Ortschaften. Nach allen Seiten der Stadt, besonders augenfällig nach Südosten und Nordwesten hebt sich das Gelände, so daß der Wanderer das Städtchen immer erst kurz vor dem Hineinkommen sehen kann (Blick vom Windmühlenberg und der Rasenbank). Betrachtet man den Kreis als Ganzes, so ist er in nordnordöstlicher, südsüdwestlicher Richtung von einem Höhenzug durchschnitten, der einen kleinen Ost- und umfangreicheren Westteil entstehen läßt. Diese Hügelkette verläuft in der Richtung der Dörfer Petersdorf, Böckey, Braunau, Fuchsmühl. Direkt im rechten Winkel zu ihm verläuft im Norden ein Höhenrücken, der die höchsten Erhebungen unserer Landschaft bildet. Er gehört zum System des uralisch-karpatischen Landrückens, der in der Gegend von Koslitz, Mlitsch, Jauschwitz, Rinnersdorf so unendlich viel reizvolle Bilder bietet; Bilder, die oft an die lieblichen Gefilde der vorthüringischen Landschaft erinnern. Bis zu 215 m steigt der Pilz bei Koslitz an, immerhin eine respektable Höhe im Flachland, nur wenige Kilometer von Lüben entfernt, das in 129 m Seehöhe liegt. Hier plant der Riesengebirgsverein die Errichtung eines Aussichtsturms. Ebenfalls im rechten Winkel stößt im Süden auf den oben erwähnten Höhenzug ein solcher in der Gegend von Sabitz - Spröttchen. Er zieht sich herüber von Buchwäldchen, Mühlrädlitz und verliert sich bei Raupenau in dem Sumpfgebiet der Kranichlache. Zwar erreicht er nicht die Höhe seines nördlichen Bruders, steigt aber immerhin in der Gegend von Spröttchen im Fuchsberg bis zu 181 m an; die höchsten Erhebungen des verbindenden Höhenrückens sind der Eichberg bei Kleinkrichen (193 m), der spitzige Berg bei Gläsersdorf-Böckey (190 m). Ist der Kreisteil im Osten dieses trennenden Höhenrückens vielgegliedert und von erheblichen Niveaudifferenzen durchsetzt (über 100 m), so gleicht die Westhälfte des Kreises einem Hochplateau, das sich schließlich in die weiten Niederungen des Moldau-Primkenauer Bruches verliert. So sind denn die beiden Kreisteile entsprechend der geologischen Gestaltung auch im Charakter des Landschaftsbildes recht verschieden. Überwiegt im Osten das wellige, von tief eingeschnittenen Bachtälern durchzogene Gelände mit gemischten Baumbeständen und hie und da verstreut liegenden Wäldern und Wäldchen (Büschen), so drängt sich dem nach Westen Wandernden immer eindringlicher ein Bild auf, das ein komponiertes ist, ein Gemisch aus Wiesenlandschaft, Heide und Moor. Dementsprechend hat sich auch die Besiedelung des Kreises gestaltet. Der Osten ist bedeutend dichter bevölkert, wenngleich die volksreichsten Dörfer nicht in ihm liegen. Im Westen lassen ausgedehnte Heide- und Moorflächen weit und breit menschliche Siedlungen vermissen. Im Osten liegen zusammenhängende Waldgebiete nur im Norden der Kreisstadt (Lübener Heide), im Süden um Vorderheide herum. Aber auch im Waldgebiet des Ostens mangelt es nicht an Dörfern und Weilern, in der Kotzenauer Heide sind die menschlichen Niederlassungen dünn gesät. Das letztere Gebiet umfaßt 6841 ha.

Bei Betrachtung dieser Dinge ist es zweckmäßig, einige Zahlen über die Verteilung von Ackerland, Wald, Wiesen usw. zu bringen. Der Kreis umfaßt 630,5 qkm mit zwei1 Städten und 60 Landgemeinden. Von dieser Bodenfläche sind 399 qkm Ackerland, 73 qkm Wiese, 218 qkm Wald. Demnach ist über ein Drittel der Bodenfläche mit Wald bestanden. Trotzdem wird man den Kreis nicht als einen sogenannten Heidekreis ansprechen können, ist er doch zu zwei Drittel der Landwirtschaft zugänglich gemacht.

Die Bodenbeschaffenheit ist außerordentlich wechselnd. Das liegt in der Natur der Dinge dort, wo der Moränenschutt liegen blieb, türmten sich sandige Dünen auf, in die riesige erratische Blöcke (Findlinge) eingesprengt liegen blieben. In den Mulden schwemmte sich fruchtbares Land an; so sehen wir des öfteren in einer Ortslage alle möglichen Sorten Boden, von der fruchtbarsten Gartenerde (besonders im Osten des Kreises um Lüben, Mallmitz, Petschkendorf, Herzogswaldau herum. Gurkenanbau!!) bis zum schönsten Sand. Im Großen und Ganzen ist der Boden mittel und leicht, aber ertragreich. Überall fast im Kreise wird Weizen angebaut und gedeiht die Zuckerrübe. Die leichteren Sandböden liefern ausgezeichnete Kartoffeln.

Im näheren Umkreis von Lüben wird viel Gemüse angebaut, so besonders in Lüben-Altstadt, Mallmitz, Ossig u. a. Die Gurke ist neben Zwiebeln und Kraut die Hauptanbaufrucht. In allen Teilen des Kreises wird Obst gezüchtet, besonders hoch entwickelte Obstdörfer sind Kaltwasser, Würtschhelle, Groß- und Kleinrinnersdorf, Eisemost. Früher wurde in einigen Teilen des Kreises Weinbau betrieben, der aber leider, wohl infolge der Unrentabilität, wieder eingestellt wurde. So vor allem in der Würtschheller und Koslitzer Gegend (Weinberghäuser). Zur Zeit wird dort Gemüse in großem Stil angebaut. Auf den Kreiskunststraßen gedeihen 230 Birn-, 110 Pflaumen-, 4917 Kirsch- und 6036 Apfelbäume.

Wenn man das Bild einer Gegend zeichnen will, so wird im Kolorit derselben das Wasser immer eine überragende Rolle spielen. Wenn auch unseren Kreis kein Fluß von größerer Bedeutung durchströmt oder sonst eine bedeutende Wasserfläche zu erwähnen ist, so würde es einen Trugschluß bedeuten, wollte man daraus auf eine Wasserarmut schließen. Im Gegenteil, überall rinnen Bach und Bächlein, oft von erheblicher Breite und Wasserfülle. Letztere Eigenschaft ist ein besonderes Merkmal unserer Wasserläufe. Selbst im heißen Sommer 1911 führten sie reichlich kühles, klares Wasser, zu Zeiten, wo man längst trockenen Fußes durch die Elbe oder Oder wandern konnte. In den Gründen der Heide schaut mancher stille Weiher gen Himmel, oft von unendlichem Reiz; so der Haynsche- und der Bandirschke-See bei Michelsdorf, der malerische Weiher von Groß Rinnersdorf (Bild), die Schilfteiche bei Lerchenborn und viele andere.

Heideteich bei Groß Rinnersdorf

Zusammenhängende Teichgebiete von hervorragender landschaftlicher Schönheit finden wir bei Kleinreichen, Buchwäldchen, bei Bärsdorf-Trach-Buchwald und Schwarzau. Auf diese wunderschönen Teichlandschaften kommen wir noch bei Besprechung einzelner Wanderungen zurück. Von bedeutenderen Wasserläufen sind im Bereich des Kreises drei zu nennen. Der Kalte Bach oder besser, dem Volksmund nach, die "Kalte Bache", die Sprotte, auch Sprotta genannt, und das Schwarzwasser.

Der erstgenannte Bach entsteht aus mehreren Quellarmen, von denen allen man sagen kann, daß sie sehr wasserreich sind. Der Hauptquellarm entspringt in Oberau, also unweit der Kreisstadt, und eilt in einem anmutigen Tal Lüben zu. Auf dieser kurzen Strecke treibt der junge Bach eine Anzahl Mühlen, von denen allerdings ein Teil verschwunden ist. Die Exnermühle ist in ein Jagdhaus umgewandelt worden, das malerisch am Teich steht, von der Schindel-, Fiebig- und Armeleutmühle finden wir heute nur noch Trümmer oder aber an ihrer Stelle moderne Bauten, die der Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt als Wirtschaftsgebäude dienen. Dasselbe Schicksal teilt die Sperlingmühle. Ein zweiter Quellarm strömt von den Guhlau-Koslitzer-Höhen herunter, um sich in Lüben mit dem erstgenannten Arm zu vermählen. Auch er treibt auf seiner kurzen Laufbahn vier Mühlen, die Schloß-, Guhl-, Heinze- und Gürkemühle. Der dritte Quellarm, das so genannte Lerchenborner Wasser, kommt vom oben genannten Dorf und von Brauchitschdorf her, um in der Gegend der Walkemühle unterhalb der Stadt gemeinschaftlich den Weg zur Oder anzutreten, in welche "die Kalte Baache" bei Steinau mündet. Der gesamte Lauf ist trotz seiner Kürze - es sind ja Luftlinie von der Quelle bis zur Mündung nur 23 Kilometer - landschaftlich außerordentlich reizvoll. Grüne Auen begleiten den Bach, dichtes Gebüsch umrahmt ihn, schöne Laub- und Nadelwälder zieren seine Ufer, und an manchen Stellen, wo der Kreis oder die Anlieger noch nicht regulierend eingegriffen haben, findet der Naturfreund unberührte Plätzchen, die an Spreewaldbilder erinnern, so im Dreieck Muckendorf - Klaptau - Ossig. Malerisch gelegene Mühlen klappern in der Aue am Bach und reizen den Maler zum Schaffen. Im Gebiet der Stadt ist der Wasserlauf kanalisiert worden, was zur Beseitigung manch eines malerischen Winkels führte. Doch war die Regulierung eine Notwendigkeit, da der so harmlos aussehende Bach des öfteren das Gebiet seiner Anlieger unter Wasser setzte und weite Wiesenflächen in einen See verwandelte.

Am Mühlteich in Kaltwasser

Der zweite Wasserlauf von Bedeutung ist die Sprotta oder Sprotte. Sie entspringt in den weiten Wiesen zwischen Sabitz und Spröttchen, wendet sich, gezähmt zwischen Dämmen einherfließend, nach Hummel, nimmt am Deichvorwerk das Gläsersdorfer Wasser auf, weiter unterhalb die Abwässer der Heinzendorf - Neuguther Teichlandschaft (Kühteich), um bei Tirlitz, hier schon in ansehnlicher Breite strömend, links das gesamte, aus der Kotzenauer Heide kommende Wasser aufzunehmen, rechts das Herbersdorfer. Kurz hinter Parchau, eine Weile die Kreisgrenze bildend, wird sie uns untreu, um in langem Bogen durch weite Bruchlandschaft dem Bober zuzuströmen, dem sie bei Sprottau erhebliche Wassermassen zuführt.

Das Schwarzwasser im Süden des Kreises ist nur kurze Zeit uns gehörig. Es kommt mit seinem Hauptquellarm aus der Gegend von Neuhammer - Modlau, nimmt rechts das Windwasser, von Wittgendorf kommend, auf, aus dem Lübener Kreise links den Otternflußgraben, der dem Sumpfgebiet der Kranichlache entspringt, weiter die Wässer der Michelsdorfer Wasser- und Waldlandschaft und einen nur kurzen Bach aus der Gegend von Fuchsmühl-Lindhardt. Kurz vor Buchwald berührt das Schwarzwasser, auch die Schwarze genannt, den Lübener Kreis, ihn bald wieder verlassend, eine Weile die Kreisgrenze bildend. Hier stoßen die drei Kreise Lüben, Goldberg-Haynau und Liegnitz aneinander. Bemerkenswert ist, daß der vorhin erwähnte Otternflußgraben die einzige Bifurkation darstellt, die ich im Kreise fand - wie ja überhaupt Bifurkationen etwas Seltenes sind. Der genannte Graben verbindet das Flußsystem des Bobers mit dem der Katzbach. Im Verlauf des Schwarzwassers findet der Naturfreund unendlich Schönes. Bei Vorhaus gleicht die Landschaft völlig dem Spreewald, und wer ein Faltboot besitzt, sollte nicht versäumen, jenes wundervoll verträumte Flußgebiet aufzusuchen. Er wird es nicht bereuen.

Wir ersehen aus dem Gelesenen, daß der Kreis nach dem Flußgebiet der Oder, der Katzbach und des Bobers zu entwässert. Die Wasserscheide bildet der vorhin erwähnte Höhenzug in nordsüdlicher Richtung. Sind es alles nicht Flüsse von Bedeutung, so wäre es doch falsch zu behaupten, daß wir des Wassers entbehren müßten. Wer Augen hat zu sehen, wird auch an unseren Bächen und Teichen manch trautes Erleben finden können.

Der Beschaffenheit des Bodens entsprechend haben sich auch die Siedlungen entwickelt; man wird, wenn man mit offenen Augen durch die Landschaft fährt oder wandert, eine gewisse Dreiteilung im Dorfcharakter erkennen. Auf meinen zahllosen Fahrten durch den Heimatkreis glaube ich bemerkt zu haben, daß man Dörfer mit ausgesprochen bäuerlichem Anstrich findet, in denen eine gewisse behäbige Wohlhabenheit zuhaus ist. Als Musterbeispiele für diesen Typ möchte ich Mallmitz, Ossig und Großkrichen nennen. Auch Braunau gehört allenfalls noch hierher, z. T. auch noch Seebnitz und Sabitz. Als zweiten findet man einen Mischtyp. Die Nähe des Waldes hat ihren Einfluß geltend gemacht und Dörfer geschaffen, die deutlich erkennen lassen, daß die Bevölkerung zum Teil der bäuerlich reicheren Bevölkerung angehört, zum anderen der ärmeren, die ihre Erwerbsquellen im Walde findet. Dieser Dorftyp ist am verbreitesten und besonders gekennzeichnet in den Orten wie Oberau, Brauchitschdorf, Mühlrädlitz, Kaltwasser, Gläsersdorf und anderen mehr. Eine dritte Dorfform sind die Heidedörfer, die zwar ärmlich, aber um so malerischer ins Land äugen. Ich erwähne hier das weltabgelegene Hummel, Neurode, Lübenwalde, Kleinreichen, Rinnersdorf und Eisemost.

Gemeinsam ist den Dörfern des Ostens die Lage in einer Mulde. Man kann durch die Gegend fahren, wie man will, es geht in sanftgewelltem Gelände bergauf, bergab, und plötzlich liegt ein Dorf im Tal, fast immer an einem Bach sich hinziehend. Im Westen des Kreises ist es anders. Dort wird man Dörfer finden, lang ausgestreckt zwischen Wiesen und Moor, so daß man weit ins grüne Land schauen kann. Das entspricht eben der geologischen Struktur des Bodens. Das Dorf des Kreises Lüben ist in der Mehrzahl dem Typ des Reihendorfes angehörend, das wir ja in Reinkultur im Gebirge finden. Ein echter Rundling ist Mühlrädlitz und allenfalls noch Ziebendorf. Die Bauart ist die den schlesischen Dörfern eigene, der fränkischen Art entlehnt. Der Hof ist viereckig, das Wohnhaus steht seitlich, oft mit dem Giebel der Straße zugewandt, sehr oft mit Toreinfahrt versehen, so besonders in Großkrichen. Letzteres Dorf weist überhaupt die stilechtesten Bauernhöfe auf, die mit einer gewissen Reserviertheit am Bachrand zerstreut liegen. In den Ortschaften nahe der Stadt hat man in der Inflationszeit so manchen schönen Bauernhof durch eine "Villa" verschandelt. So ging viel Dorfschönheit verloren. Wenn man von der Dorflinde spricht, so denkt man unwillkürlich auch des Gerichtskretschams. Nun, die Dorfkrüge unseres Kreises haben nichts Charakteristisches an sich. Trotzdem möchte ich es nicht unterlassen, einige Gaststätten zu nennen, die sich dem Dorfbild harmonisch einfügen und behaglich wirken. So der Kretscham in Krummlinde, bäuerlich in Fachwerk gehalten, das Gasthaus in Heinzendorf mit der Staupsäule, die Försterei in der Lübener Heide, das Finstersche Gasthaus in Herzogswaldau, das Gasthaus in Kleinreichen. Doch soll aus dem malerischen Aussehen eines Dorfkruges kein Schluß gezogen werden auf die Güte des darin Gebotenen. Das zu erproben, möge dem Einkehrenden überlassen bleiben.

Wohl fast jedes Dorf im Kreis hat sein Dominium und sein Schloß. Mit der Vergabe der Bezeichnung "Schloß" ist der Schlesier sehr freigebig. Die Mehrzahl dieser Schlösser sind mehr oder weniger gut gebaute Herren-häuser, oft nicht einmal dieses. Doch muß betont werden, daß der Kreis Herrensitze birgt, die den Namen Schloß vollauf verdienen. Hier ist zu nennen das prachtvolle, wirklich pompöse Schloß zu Brauchitsch-dorf, das zu Kleinkotzenau, zu Großkotzenau und Obergläsersdorf. Von Schlössern mittlerer Größe seien genannt das zu Dittersbach mit prachtvoller Waffen-sammlung, Schwarzau mit schönem Getürm, Kniegnitz mit bemerkenswertem Treppenhaus. Verträumt wie ein Gruß aus vergangenen Zeiten wirkt Schloß Kleinkrichen, das Wasserschloß in Talbendorf und in Pilgramsdorf. Von längst vergangenen Zeiten erzählen die Heinzen-burg (heute Kirche) und das alte Schloß in Mühlrädlitz. Neuzeitlich gebaute Herrenhäuser sind nicht selten. Genannt seien, ohne erschöpfend zu sein, das in Großkrichen, Großreichen und Mühlrädlitz. Allen fast gemeinsam ist die Lage in oder an einem Park. Erwähnenswert ist der zu Großkrichen (interessant mit Burgwall), der zu Dittersbach, Kotzenau, Kaltwasser mit wundervollem Übergehen in den Wasserwald, den schönsten Laubwald des Kreises, und der zu Ziebendorf mit uralten Baumriesen.

Schloß Dittersbach, Kreis Lüben, Photo von Frau v. Decker

Eine gewisse Merkwürdigkeit im Landschaftsbild des Kreises bilden die Kirchen. Wohl nicht gleich wieder findet man eine solche Vielgestaltigkeit, sowohl im Bau des Schiffes als vor allem der Türme. Da grüßt eine Holzkirche vom Hügel, wie man sie sonst nur in Oberschlesien gewöhnt ist, dort steht ein hölzerner Glockenturm, da gibt es Bethäuser aus Fachwerk, Türme mit Helm und spitzer Nadel, erinnernd an die Türme des bayerischen Hochlandes, Zwiebeltürme, solche mit plumper Haube oder flachem Dach. Stattlich ist die Zahl der Wehrkirchen, die mit Mauer und Schießscharten kriegerisch ins Land schauen. Einige Kirchen mögen erwähnt sein. So die Schrotholzkirche in Eisemost, malerisch auf einem Hügel, die Grenzkirche zu Hummel mit wunderschönem Innern und Gruft, die Heidekirche in Kriegheide, die Ossiger Kirche, wo einst Kaspar von Schwenckfeld die Gemüter mit seiner Lehre erhitzte, die trutzige Kirche zu Großkrichen mit schöner Gedenkhalle, das Fachwerkkirchlein in Lüben-Altstadt, die Heinzenburg (evangelische Kirche), die katholische Kirche in Kaltwasser, wohl die einzige im Barockstil; die in Brauchitschdorf mit eigenartig rundem und abgeplatteten Turm, in deren Frieden der Held v. Schmettow ruht, unter deren schattigen Linden Schlesiens fruchtbarster Kirchenliederdichter Benjamin Schmolck 1672 geboren wurde. Nicht vergessen sei der ragende Dom zu Lüben, dessen Hochschiff die Stadt weit überragt und dessen Turm, der seitlich im Zuge der Stadtmauer als Wehrturm gewaltig und breitbeinig dasteht, jedem, der ihn sah, unvergeßlich bleibt; er gibt unbedingt dem Beschauer etwas Besonderes und bringt in die Silhouette der Stadt eine eigene Note.

... Die Mundart unserer Gegend ist ebenfalls nicht einheitlich; in den Städten wird das etwas breite Stadtschlesisch gesprochen, jene drollige Mischung zwischen Hochdeutsch und Dialekt. Zahlreiche französische Brocken, ein Residuum der Okkupationszeit nach 1806, tauchen im Jargon auf. Man spricht von einem bischanten Lümmel, man vertefentiert sich, man sagt für abgemacht Seefe ("c'est fait"?), man wiegt nicht, man päst ("peser") u. a. m. Die Landbevölkerung bevorzugt unzweideutig den Dialekt. Herrscht im Osten das Oderschlesisch vor, so wandelt sich in der Richtung nach Westen das Sprachidiom zugunsten des Gebirgsdialektes, wie er in der Haynauer und Liegnitzer Gegend zu Haus ist. Oft sprechen nebeneinander gelegene Dörfer gänzlich verschiedene Dialekte.

Dem Religionsbekenntnis nach ist die überwiegende Zahl der Bewohner evangelisch. Von 34.206 Einwohnern sind etwa 3000 Katholiken. Die Zahl der Israeliten ist verschwindend gering1, die Zahl der Dissidenten und Sektierer dürfte nicht zu hoch sein. Katholische Kirchen finden wir außer in beiden2 Städten in Kaltwasser, Eisemost, Herbersdorf, Heinzendorf und Gläsersdorf. Die in Lüben befindliche Synagoge1 wird zu Kultuszwecken nicht mehr benutzt.

Die Bevölkerung unseres Kreises ist von gutmütiger, etwas verschlossener Art. Der Fremde legt diese Charaktereigenschaft oft falsch aus und vermutet hinter ihr eine gewisse Unaufrichtigkeit, womit man dem Schlesier bitter Unrecht tut. Hermann Stehr, der ausgezeichnete Kenner seiner Landsleute, sagt so treffend, der Schlesier lacht wie durch einen Schleier und befruchtet und verwirrt seinen Verstand durch ein Gemüt, das unergründlich und phantastisch zugleich ist.

Der Schlesier ist etwas scheu in seiner Art, und wer die Geschichte dieses Landes kennt, wird den Grund hierzu leicht herausfinden. Die Bewohner eines Landes, das seit Jahrhunderten Blutacker im Streit der Völker gewesen ist, das heute kaiserlich und morgen wallensteinisch, bald österreichisch, dann wieder preußisch wird, hatte stets allen Grund, argwöhnisch und zurückhaltend zu sein. Und immer steckt in uns das bittere Gefühl der Vernachlässigung anderen deutschen Stämmen gegenüber. So ist denn diese Art des Schlesiers nicht als Falschheit anzusprechen, sondern als Vorbedachtsamkeit. Im Grunde seines Herzens sind die Bewohner unseres Landstriches, was Gustav Freytag sagt, ein lebhaftes Volk von gutmütiger Art, heiteren Sinnes, genügsam, höflich und gastfrei, eifrig und unternehmungslustig, arbeitsam, aber nicht vorzugsweise dauerhaft und nicht vorzugsweise sorgfältig, von einer unübertrefflichen Schwungkraft, aber ohne gewichtigen Ernst, behende und reichlich in Worten, aber nicht ebenso eilig in der Tat, mit einem weichen Gemüt, sehr geneigt, Fremdes anzuerkennen und auf sich wirken zu lassen, und doch mit nüchternem Urteil, welches ihnen die Gefahr verringert, das eigene Wesen zu opfern, beim Genuß heiterer, ja poetischer als die meisten anderen Stämme, aber in ihrem idealen Leben vielleicht ohne die Größe gewaltiger Volksnaturen.3

Blick vom Ring nach der Ev. Kirche zu Lüben, nach einem Aquarell von Dr. med. Anders


1 Diese beiden Tatsachen, dass schon 1931 die Zahl jüdischer Lübener "verschwindend gering" war und die Synagoge nicht mehr zu Kultuszwecken benutzt wurde, muss man einmal in Beziehung setzen zur Zerstörung und Plünderung der Synagoge in der Pogromnacht vom 9. November 1938! Ein Grund mehr, nicht in nostalgischer Verklärung zurückzuschauen!

2 Raudten kam erst nach der Verwaltungsreform 1932 zum Kreis Lüben. Vorher gab es nur die beiden Städte Lüben und Kotzenau.

3 Von solchen Klischees halte ich so wenig, dass ich diesen Abschnitt - wie einen anderen stark nationalistisch gefärbten - zuerst weglassen wollte, weil er meiner Denkweise so sehr widerstrebt. Er ist auch kein schöner Abschluss des im übrigen so informativen Artikels. Aber ein wenig muss ja klarwerden, dass wir 80 Jahre weiter sind... H. T.